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Hand in Hand auf schwerem Weg

Café für Demenzkranke Hand in Hand auf schwerem Weg

Es ist ein Volksleiden, das von Jahr zu Jahr mehr Menschen betrifft: Demenz. In Holzhausen versuchen freiwillige Helfer, den Umgang mit der Krankheit für alle Beteiligten erträglicher zu gestalten.

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Eine Frau legt Karten eines Spiels in Sütterlinschrift zu dem Satz „Wer bin ich“ zusammen. Demenz ist ein Schicksal, von dem in Deutschland Millionen Kranke und Angehörige betroffen sind. Foto: Daniel Karmann

Quelle: Daniel Karmann

Friedensdorf. Friedensdorf. Am Ende kullerten dann doch einige Tränen. Dabei wollte sich Diana Gillmann-Kamm gar nicht so emotional zeigen. „Man merkt Ihnen eben an, dass es sich um eine Herzensangelegenheit handelt“, interpretierte Friedhelm Nispel den Gefühlsausbruch der Diplomsozialarbeiterin. Gerade hatte der Vorsitzende des Vereins „Unternehmen Dautphetal“ einen Scheck in Höhe von 7500 Euro übergeben. Eine beachtliche Summe, mit der Nispel alle Anwesenden überraschte.

Dass es zur Weihnachtsfeier im Friedensdorfer Dorfgemeinschaftshaus eine Spende für das Café „Hand in Hand“ geben würde, war den freiwilligen Helferinnen um Gillmann-Kamm im Vorfeld klar. Nicht klar war ihnen jedoch, dass es so viel Geld sein würde. „Damit ist der Etat für ein ganzes Jahr gedeckt“, sagte Gillmann-Kamm. Die Spende bringt Planungssicherheit für das Holzhäuser Café, das zu einer Begegnungsstätte für Demenzkranke und deren Angehörige geworden ist.

Ärzte warnen vor Epidemie

Die Zahl der Menschen, die an Demenz erkrankt sind, ist in den vergangenen drei Jahren um knapp ein Viertel gestiegen. Wie die Organisation „Alzheimer Disease International“ in einer Anfang des Monats veröffentlichten Studie bilanziert, gibt es derzeit rund 44 Millionen Demenzfälle weltweit. Das sind 22 Prozent mehr, als noch vor drei Jahren. Bis 2050 wird mit einer Verdreifachung der Fälle auf dann 135 Millionen gerechnet.

Der Chef von „Alzheimer Disease International“, Marc Wortmann, sprach bei der Vorstellung der Untersuchung von einer globalen Epidemie. Es werde „immer schlimmer“. Die Zahl der älteren Menschen mit Alzheimer werde in Zukunft „dramatisch“ zunehmen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) müsse die Behandlung von Demenz zu einer ihrer Prioritäten machen.

Dass die Demenzfälle merklich zunehmen, bemerkt auch Diana Gillmann-Kamm bei ihrer täglichen Arbeit. Zu Beginn des „Hand in Hand“-Cafés kamen etwa 30 Besucher, mittlerweile sind es oft mehr als 50. Die Idee zu einem wöchentlich stattfindenden Treffen kam der Sozialpädagogin, als sie bemerkte, dass es fast nur Angebote für Patienten gibt, bei denen sich die Krankheit bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befindet. „Mir ging es um ein niedrigschwelliges Angebot, um die Möglichkeit eines zwanglosen Treffens von Kranken, Angehörigen und Außenstehenden“, sagt Gillmann-Kamm.

So nahm das Café im Jahr 2010 seinen Betrieb in der Kulturscheune in Holzhausen auf. Inzwischen sind es 14 freiwillige Helferinnen, die sich um die Organisation kümmern. Ein Ziel des Projekts ist, einen Einblick in die Lebenswirklichkeit der Demenz-Kranken zu liefern. Scham spiele oftmals eine Rolle, sagt Gillmann-Kamm. Viele Menschen, bei denen sich erste Symptome der Krankheit zeigten, versuchten diese häufig vor ihren Angehörigen zu verstecken. Auch aus Angst davor, für senil und unselbstständig gehalten zu werden.

Angehörige sind auch betroffen

Schlimm sei die Diagnose aber auch für die Angehörigen, die in einem schleichenden Prozess die Wesensveränderungen bemerken, häufig aber nur tatenlos zusehen können, wie sich ein geliebter Mensch immer weiter entfernt. „Viele Angehörige müssen erst lernen, die Betroffenen so zu lassen, wie sie sind. Manche Demenzkranke leben in der Vergangenheit, andere in der Gegenwart. Das ist dann eben so. Aber Humor ist immer ein Mittel“, sagt Gillmann-Kamm.

Sie bietet ihre Dienste in einem sehr frühen Stadium der Krankheit an. Im Café hält sie dafür immer eine Beratungsecke frei, in der sie Betroffenen und Angehörigen erklärt, welche Verlauf eine Demenz nehmen kann. Sie zeigt aber auch Möglichkeiten auf, mit der Krankheit umzugehen. Besonders wichtig ist der Sozialarbeiterin dabei der Umgang der Gesellschaft mit den erkrankten Mitmenschen. Es gehe darum, auch zwischenmenschliche Barrieren zu überwinden. Praktisch bedeutet das im Fall des „Hand in Hand“-Cafés, dass immer wieder Vereine und Gruppen zu den wöchentlichen Nachmittagen eingeladen werden. „Es gibt immer ein Programm. Mal spielen Kinder Flöte, mal tritt die Trachtentanzgruppe auf“, sagt Gillmann-Kamm.

Darüber hinaus finden nun auch Freizeiten statt, bei denen die Café-Besucher gemeinsame Fahrten unternehmen. Alles dient dazu, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und ein bisschen Normalität zu schaffen.

Erlös stammt aus dem Weihnachtmarkt

„Dass ist alles nicht selbstverständlich, was ihr da tut“, sagte Friedhelm Nispel bei der Spendenübergabe in Richtung der freiwilligen Helfer. Es sei eine Arbeit, die von vielen gewürdigt werde. So sei es auch überhaupt erst möglich gewesen, den Betrag von 7500 Euro zu Verfügung zu stellen. Damit gerechnet habe Nispel selbst nicht. Ein Teil des Geldes stammt aus dem Erlös des ersten Dautphetaler Weihnachtsmarktes, der „sehr gut gelaufen ist“, so Nispel. Der große Rest kommt von den Gewerbetreibenden. Die Idee des „Hand in Hand“-Cafes wird indes schon im nächsten Ort geplant: In Gönnern eröffnet am 6. März ein zweites Café. „Schon jetzt haben sich dafür 20 freiwillige Helfer gemeldet“, sagt Gillmann-Kamm.

Mehr Informationen zum Thema gibt Diana Gillmann-Kamm unter der Telefonnummer 06461/95400.

von Dennis Siepmann

HINTERGRUND:

Auch in Deutschland steigt die Zahl der Demenzkranken. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft wird sich die Zahl der dementen Menschen von heute 1,4 Millionen bis zum Jahr 2050 auf etwa 3 Millionen erhöhen, sofern kein Durchbruch in der Therapie gelingt. Zwei Drittel der Betroffenen leiden an Alzheimer, der häufigsten Form der Demenz. „Die Zahlen sind erschreckend“, sagte ein Sprecher der Alzheimer-Gesellschaft in Berlin.

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