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Biedenkopfer Räuber ist schuldfähig

Gutachter sind sich einig Biedenkopfer Räuber ist schuldfähig

Der dritte Verhandlungstag am Marburger Landgericht brachte dem 35-jährigen Biedenkopfer, der wegen eines Raubüberfalls angeklagt ist, schlechte Nachrichten.

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Ein Justizangestellter nimmt dem 35-jährigen Biedenkopfer die Handschellen ab. Dieser muss sich vor dem Marburger Landgericht wegen eines Raubüberfalls verantworten.

Quelle: Foto: Martina Koelschtzky

Marburg. Unter den acht Vorstrafenregistern des Biedenkopfers finden sich neben Trunkenheitsfahrten ohne Fahrerlaubnis oder Fahrzeugversicherung auch Körperverletzung, Nötigung und eine versuchte Vergewaltigung bei einem Beziehungsstreit vor.

Zwei Bewährungsstrafen von sechs Monaten sowie einem Jahr und sechs Monate Haft werden in Folge­ des Raubüberfalls nun vollstreckt, der Angeklagte ist seit der jüngsten Tat im Gefängnis.

Der 35-Jährige gestand zu ­Beginn des Prozesses, am 1. August 2017 in Biedenkopf eine­ Anwohnerin in der Nähe der Hasenlaufhütte überfallen zu haben. Er schlug sie mit einem Knüppel auf den Kopf und den Arm, entriss ihr Handtasche und Autoschlüssel und fuhr mit ihrem Auto weg. Später stahl er in Rosenthal einen Satz Autokennzeichen, fuhr an den Edersee, nach Marburg, nach Dresden und Berlin.

Am Tattag neun Liter Bier getrunken

Bei Jena wurde er in der Nacht mit 119 Stundenkilometern geblitzt. Als er am nächsten Tag nach Biedenkopf zurückkehrte, verständigten seine Mitbewohner die ­Polizei.

Der Täter gab an, regelmäßig Marihuana zu konsumieren und am Tattag mindestens neun Liter Bier getrunken zu haben. Vor Gericht korrigierte er dies auf fünf bis sechs Liter. Zwei Sachverständigengutachten widerlegen diese Angaben jedoch.

Der 35-Jährige habe zur Tatzeit weder unter Drogeneinfluss gestanden, noch sei er erheblich alkoholisiert gewesen, erklärte­ der Gießener Rechtsmediziner Professor Manfred Riße als Gutachter. Im Blut des Angeklagten hätten sich keine Hinweise­ auf Marihuana-Konsum finden lassen, obwohl dieser oft noch monatelang nachweisbar sei.

Die Blutentnahme sei einen Tag nach der Tat erfolgt, zu diesem Zeitpunkt habe es auch keinerlei Alkoholkonzentration im Blut gegeben. Auch auf die angeblich am Tag vor der Tat eingenommenen Aufputschmittel gebe es keinerlei Hinweise.

Psychiater: 35-Jähriger „aggraviert“ Angaben sehr

Auf Anforderung des Gerichts erfolgte eine weitere Untersuchung auf sogenannte ­„Legal Highs“, synthetisch hergestellte Cannabinoide. Dabei sei schließlich ein bisher wenig bekannter Stoff dieser Gruppe gefunden worden, über den es kaum Erkenntnisse gebe.

In Internetforen auffindbare Berichte von Konsumenten sprächen davon, dass der Konsum lethargisch und müde mache und die Wirkung etwa 45 Minuten anhalte. Der zweite Gutachter, der forensische Psychiater Wolfgang Kloß, hält die Angaben des Angeklagten über seinen Drogen- und Alkoholkonsum sowohl auf Dauer als auch vor der Tat „stark aggraviert“ – auf deutsch: ziemlich übertrieben.

Schlimmstenfalls sei der Angeklagte bei der Tat leicht berauscht gewesen, es gebe keinen objektiven Beleg von Alkoholisierung zur Tatzeit. Der Mann habe insgesamt sehr konzentriert und planmäßig gehandelt und mit seiner fast 24-stündigen Autofahrt ohne weitere Auffälligkeiten oder Unfälle bewiesen, dass er nicht wesentlich beeinträchtigt gewesen sei.

Gutachter spricht von dissoziale Persönlichkeit

Auch mit der reibungslosen Bedienung des gestohlenen Fahrzeugs oder dem Diebstahl von neuen Autokennzeichen und der Entsorgung der tatsächlichen Kennzeichen habe er bewiesen, dass er umsichtig, gesteuert und zielgerichtet handeln konnte.

Dagegen bescheinigt der Gutachter dem Angeklagten eine dissoziale Persönlichkeit. Er sei wenig motiviert, zu lernen oder zu arbeiten und lebe meist mit der Unterstützung anderer. Früher hätten seine Eltern in unterstützt, später habe er oft auf Kosten seiner Beziehungen gelebt. Um rund 50 000 Euro Schulden wegen nicht gezahlten Unterhaltes für seine insgesamt vier Kinder kümmere er sich nicht.

Für die Opfer seiner Taten zeige er kein Mitgefühl. Reue sei nur feststellbar, wenn es um die Folgen für sich selbst gehe. Aus früheren Verfahren bekannte Aggressivitätsdelikte­ seien eher auf seine Persönlichkeit als auf Drogen- oder Alkoholkonsum zurückzuführen.

Anhaltspunkte für eine verminderte Schuldfähigkeit habe­ er nicht finden können, schloss der Gutachter. Die Sozialprognose falle nur im Hinblick auf den Wunsch des Angeklagten, nicht noch weiter in Schwierigkeiten zu geraten, „gerade eben noch positiv“ aus.
Morgen werden Plädoyers und Urteil erwartet. Die Verhandlung wird um 9 Uhr in Saal 101 fortgesetzt.

von Martina Koelschtzky

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