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Groß gefeiert wird erst wieder mit 105

Carl Schletter wird 101 Groß gefeiert wird erst wieder mit 105

Gute Gene, viel Arbeit und eine glückliche Ehe ließen den Flüchtling aus dem Erzgebirge in Gladenbach alt werden.

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Zusammen sind Charlotte und Carl Schletter 191 Jahre alt. Beide feiern heute mit der Familie in Gladenbach den 101. Geburtstag des gebürtigen Thalheimers.

Quelle: Gianfranco Fain

Gladenbach. Er fühlt sich wie ein 70-Jähriger, nur nicht, wenn sich sein Knie bemerkbar macht. Das Gelenk müsste erneuert werden, aber „das will ich mit 101 Jahren auch nicht mehr machen lassen“, sagt Carl Schletter. Der Gladenbacher, der heute im Kreis seiner Familie seinen Geburtstag feiert, gehört zu den rund 20 Menschen im Landkreis, die 100 Jahre oder älter sind.

Wie man in diesen erlauchten Kreis gelangt und so fit bleibt, weiß der in Thalheim geborene auch: „Viel arbeiten und nie rasten.“ Noch heute macht der ehemalige Textilingenieur seine „Freiübungen“, fährt Fahrrad oder geht ans Rudergerät – solange es das Knie zulässt. Manches falle mittlerweile schwer, gibt der Jubilar zu. Denn da sind auch noch seine mehr als 80 Rosen und der restliche Garten des Mehrfamilienhauses.

Über mangelnde Aufgaben kann sich Carl Schletter nicht beschweren, aber Arbeit hat er auch nie gescheut. Nichts mehr zu tun haben – das ist für ihn unvorstellbar. Das mag mit seiner Erziehung zusammenhängen, meint Schletter. Streng sei es in Dresden im Internat zugegangen, und auch die körperliche Ertüchtigung sei nicht zu kurz gekommen.

Arbeitsdienst, Wehrdienst, Kriegseinsatz, Gefangennahme

Während die ihm sicherlich gut getan habe, sei die Sache mit der angeeigneten Strenge ein zweischneidiges Schwert, die ihn sein ganzes Leben begleitete. Das verlief so, wie es der Sohn eines Strumpffabrikanten vielleicht nicht erwartete. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges geboren, wuchs Schletter in die Zeit der Weimarer Republik rein. „Der Umschwung war 1933 mit der Hand zu spüren“, erinnert er sich noch. Die Folgen aber auch: Arbeitsdienst, Wehrdienst, Kriegseinsatz im Osten und im Westen, Gefangennahme durch die Amerikaner in Frankreich und die Rückkehr in den sowjetisch besetzten Teil Osteuropas.

Dort arbeitete Schletter in der Fabrik, die seine Ahnen ab 1877 aufbauten, bis es nicht mehr ging. Das war Anfang der 1950er Jahre der Fall. Nach der Enteignung verließ Schletter seine Heimat im Erzgebirge, floh in die Bundesrepublik und kam wie viele andere Flüchtlinge mittellos nach Wiesbaden. Dort lernte er Charlotte, die aus Danzig in der Landeshauptstadt strandete, kennen und lieben. 1955 heirateten sie, bekamen zwei Kinder.

105? "Da kann man wieder was machen"

Beruflich nutzte Carl Schletter seine Erfahrung. Er fand Arbeit  bei der Wiesbadener Strumpffabrik, wurde Leiter des Zweigbetriebs in Altenvers, bis er mit 67 Jahren in Rente ging. Die Gegend gefiel den Schletters und so zogen sie 1987 nach Gladenbach, kauften ein Grundstück und bauten ihr neues Heim mit viel Eigenleistung auf. Dort wohnen sie noch heute, der Sohn mit seiner Familie auch, die Tochter ein paar Häuser weiter.

Sie, die vier Enkel und ein Urenkel feiern heute mit Carl Schletter seinen Geburtstag – im kleinen Kreis. Denn der nächste „runde“ Geburtstag ist mit 105. „Da kann man wieder was machen“, hat Schletter durchaus noch ein Ziel vor Augen.

Zum 100. gab's eine Fahrt im Adler Trumpf

Und groß feierten sie ja im vergangenen Jahr, als Schletter die „Schallmauer“ durchbrach. Damals bereiteten seine Kinder dem Vater eine besondere Überraschung. Es ging in die Nähe von Wetzlar, wo auf den Jubilar eine Fahrt in einem Adler Trumpf wartete. Einen solchen bekam Carl Schletter von seinem Großvater als ersten eigenen Wagen überlassen. Seit 1934 besitzt Schletter einen Führerschein, kann nicht nur heute noch seinen grauen „Lappen“ vorzeigen, sondern chauffiert jeden Sonntag Ehefrau Charlotte zum Kaffeetrinken in die nähere und weitere Umgebung.

Eine lange und gute Ehe führten sie, da sind sich beide einig. Und wenn es noch einen großen gemeinsamen Wunsch gibt, dann den, nicht allzu lange auf den anderen warten zu müssen, wenn sie irgendwann getrennt werden sollten.

von Gianfranco Fain

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