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Hinterland Gräber weisen Richtung Jerusalem
Landkreis Hinterland Gräber weisen Richtung Jerusalem
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18:45 24.06.2012
An der Grabstelle des jüdischen Ehepaares Betty und Maier Katz erläutert Dr. Barbara Rumpf-Lehmann das Zeichen der „segnenden Hände“ als das eines Cohen, eines Juden mit priesterlicher Funktion.Foto: Helga Peter
Niederweidbach

„Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte.“ Mit diesem Zitat von Heinrich Heine hatte die Volkshochschule Marburg-Biedenkopf (Vhs) auch in diesem Semester dazu eingeladen, Jüdische Friedhöfe unter fachkundiger Leitung zu besuchen. Mit der Veranstaltung soll an die vergessene Geschichte der Landjuden und an deren verloren gegangene kulturelle Tradition erinnert werden, die auch die Hinterlandregion mit geprägt und entwickelt hat.

Gabriele Clement, Leiterin der Vhs, stellte den Exkursions-Teilnehmern Dr. Barbara Rumpf-Lehmann als eine Dozentin vor, die sich mit Führungen auf christlichen und jüdischen Fried­höfen einen Namen gemacht hat. Rumpf-Lehmann ist Apothekerin und Pharmazie­historikerin und gehört dem Pharmacognostischen Cabinet der Philipps-Universität Marburg an.

Clement berichtete, dass dem Besuch des Jüdischen Friedhofs in Niederweidbach zuvor ein Besuch des Friedhofs in Lohra vorausgegangen war, auf dem sich ebenfalls noch jüdische Grabstellen befinden. Niederweidbach habe vor der Gebietsreform zum Landkreis Biedenkopf gezählt und sei deshalb in die Exkursion eingebunden worden.

Der Jüdische Friedhof in Niederweidbach wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt und zwar zu dem Zeitpunkt, als sich die dortige jüdische Gemeinde, die vorher Gladenbach zugehörig war, als eigene Sy­nagogengemeinde betrachtete.

Der Friedhof ist 1158 Quadratmeter groß, und es sind dort 14 Grabsteine erhalten, die ge­ostet und damit in Richtung Jerusalem angelegt sind. Die Grabsteine aus Sandstein oder Basalt enthalten sowohl hebräische als auch deutsche Inschriften. Auf jedem der Grabsteine ist jedoch in hebräischer Sprache eingemeißelt: Ihre oder seine „Seele ist eingebunden in den Bund des Lebens“, erklärte Rumpf-Lehmann.

Ein jüdischer Grabstein enthalte immer einen Sockel, den Hauptstein sowie die Krönung, wobei eine Umrandung und auch der Blumenschmuck nicht üblich seien. Ein Gedenkstein werde, so sei es jüdische Sitte, ein Jahr nach dem Tode gesetzt, wobei der älteste Sohn das „Kaddisch-Gebet“ spricht. Eine Beerdigung erfolgte innerhalb von 24 Stunden nach Eintritt des Todes und fand nie am Sabbat statt.

Die segnenden Hände, zum Beispiel auf dem Grabstein von Maier Katz (verstorben 1867) und Meier Katz, Sohn des Jis­sachar Katz (verstorben 1879), sagen aus, dass es sich um „Cohen“ und damit um Juden mit priesterlicher Funktion gehandelt hat. Das Symbol „Kanne mit Schüssel“ (Zeichen für Leviten) war auf dem Niederweidbacher Judenfriedhof nicht zu finden.

Familiengräber auf einem jüdischen Friedhof, wie die von Betty und Maier Katz (gestorben 1862 und 1867) und Michel Katz II (1824-1900) sowie Bette Katz (1831-1910) seien eher selten zu finden.

Das durch den österreichischen Kaiser Franz II eingeführte Sterberegister habe auch zu einer ordentlichen Belegung der Friedhöfe in Reihengräbern geführt.

Ein jüdischer Friedhof dürfe nicht abgeräumt beziehungsweise überbaut werden. Da ein jüdischer Friedhof als unrein gelte, hätten Rabbiner keinen Zutritt gehabt. Die Leitung einer jüdischen Gemeinde habe nicht unbedingt in den Händen eines Rabbiner liegen müssen, sondern konnte auch durch einen Gemeindevorsteher erfolgen, erklärte Rumpf-Lehmann und führte aus, dass nach dem Jahre 1939 sämtliche jüdischen Bestattungen in Marburg stattgefunden haben. In den Progromen seien Friedhöfe oft auch Zufluchtsstätte der Juden gewesen, sagte sie weiter.

Exkursionsteilnehmer Edgar Theis aus Niederweidbach berichtete, dass die in Niederweidbach ansässigen Juden meistens ärmer gewesen seien als die ortsansässigen Bauern. Wolf Maier habe mit Kaninchenfellen gehandelt, sodass fast in jedem Haushalt solche als Bettvorleger zu finden gewesen seien. Von den Niederweidbacher Juden hätte eine Familie die Ausreise nach Argentinien geschafft.

Auf den Niederweidbacher Grabsteinen sind vorwiegend die Namen Stern und Katz zu finden, wobei der älteste auf den Tod von Brenede Loewenstein im Jahr 1860 hinweist.

Folgende Grabsteine sind erhalten: Sara Rosenthal, geb. Katz (1842-1904) aus Mudersbach, Betta Stern, geb. Herz, Tochter des Moses Herz und Marianne Kahn aus Altenkirchen (1816-1902), Michel Katz II, Sohn des Meier Katz (1824-1900) und Bette Katz, geb. Feist aus Ehringshausen (1831-1910), Lippmann Stern aus Breidenbach (1809-1882), Meier Katz, Sohn des Jissachar Katz, Grab eines Cohen (1805-1879), Nathan Stern (gestorben 1871), Marianne Stern, Ehefrau des Lippmann Stern (gestorben 1869), Doppelgrab des Cohen Maier Katz (gestorben 1867) und Betty Katz (gestorben 1862) sowie Brenede Loewenstein (gestorben 1860). Weitere Grabsteine sind verwittert oder ohne Inschrifttafeln.

Die Vhs lädt am 30. September ab 14 Uhr zu einer weiteren Begehung des Jüdischen Friedhofs in Fronhausen/Lahn ein.

von Helga Peter

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