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Gladenbacher Flüchtlingshilfe bietet Hoffnung

Ehrenamtliches Engagement Gladenbacher Flüchtlingshilfe bietet Hoffnung

Neuen Herausforderungen stellen sich die Flüchtlingshelfer. Ihr neues ­Arbeitsmotto lautet: Perspektiven für Flüchtlinge schaffen. Dafür braucht es vor allem Wohnraum und Arbeitsstellen.

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Helfer und Flüchtlinge packen mit an, um den Innenhof einer Gemeinschaftsunterkunft zu verschönern.

Quelle: Peter Piplies

Gladenbach. Von „deutlichen Veränderungen“ spricht Siegfried Seyler vom Organisations-Team der Flüchtlingshilfe, wenn er die Jahre 2015 und 2016 vergleicht. Damit meint er die Anforderungen an die Flüchtlinge wie auch die engagierten Helfer.

„2015 standen vor allem die Sorge um die Grundbedürfnisse­ wie Essen, Kleidung, Gesundheit und Hilfen im Umgang mit Behörden sowie das Erlernen der deutschen Sprache im Mittelpunkt“, erklärt Seyler. Im vergangenen Jahr leisteten die Flüchtlingshelfer nun ganz gezielt praktische Unterstützung. Sie halfen bei der Suche nach Arbeits- oder Praktikumsstellen sowie Wohnungen, organisierten Umzüge, beschafften ­Möbel.

Die Zahl der in Gladenbach und Erdhausen lebenden Flüchtlingen stieg in dieser Zeit von 130 auf 180. Der Kreis derer, die sich für die Flüchtlingshilfe­ und deren Arbeit interessieren, wuchs ebenfalls – auf mehr als 80 Bürger. Von denen sind derzeit rund 30 Ehrenamtliche ständig aktiv. Sie halten Sprechstunden in den Gemeinschaftsunterkünften ab, kümmern sich als Paten insbesondere um ­Familien, leiten Deutschkurse,­ bieten Hausaufgabenhilfe an und organisieren sportliche ­Unternehmungen.

Siegfried Seyler: „Beratungsbedarf ist hoch“

13 Ehrenamtliche haben mittlerweile eine Patenschaft übernommen. „Sie haben einen engen Bezug zu den Familien, dabei entstehen richtige Freundschaften“, erzählt Carmen Pflug, die ebenfalls im Organisations-Team der Flüchtlingshilfe aktiv ist. Die Paten besuchen regelmäßig die Flüchtlinge, unternehmen Ausflüge mit ihnen, nehmen sie zu privaten Feiern mit, helfen bei Behördengängen – oder sind einfach nur da, um mal bei einem Kaffee zu plaudern. „Es gibt da keine Vorgaben für die Paten. Jeder kann sich nach seinen eigenen Interessen und seiner eigenen Zeit einbringen“, betont Pflug.

Mit den unterschiedlichsten Fragen und Problemen werden auch die Aktiven der Flüchtlingshilfe konfrontiert, die regelmäßig Sprechstunden in den Gemeinschaftsunterkünften abhalten. „Der Beratungsbedarf ist hoch“, erzählt Seyler und verweist auf die Bürokratie. Anträge und Formulare müssen ausgefüllt werden.

Wenn Flüchtlinge anerkannt sind, dürfen sie aus der ­Gemeinschaftsunterkunft ausziehen. „Wir beraten sie dann, wie und wo sie Wohnungen finden, wie sie den Umzug managen können – alleine können sie das noch nicht organisieren“, weiß Pflug. Börsen auf Internetplattformen helfen bei der ­Suche nach Wohnraum und Mobiliar.

Eine zentrale Rolle nimmt bei allen Flüchtlingen weiterhin das Erlernen der deutschen Sprache ein. Doch nicht für alle sei ein entsprechendes Angebot immer verfügbar. Vor allem mit Anschlusskursen hapere es derzeit, schildern die Helfer. Wünschenswert wäre aus ihrer Sicht eine bessere Koordination und genauere Abstimmung auf den tatsächlichen Bedarf. Hier sei der Landkreis gefordert.

Spendenbereitschaft 
der Bevölkerung hält an

„Nicht alle Lücken kann ­
unser hervorragend arbeitendes Deutschkurs-Team kompensieren“, betont Seyler. Es sei schon viel wert, dass die ehrenamtlichen Lehrer Kurse auf verschiedene Sprachniveaus anbieten. Die Pädagogen könnten dies aber in der Regel nur einmal die Woche tun. „Und so geht wertvolle Zeit für die Integration der Flüchtlinge verloren“, sagt Seyler.

Seit diesem Monat bietet die Flüchtlingshilfe auch Förderkurse an – einmal wöchentlich für Mathematik und Gesellschaftslehre. Zwei angehende Lehrerinnen übernehmen diese Aufgabe. Dank der Zusammenarbeit mit der Caritas konnte außerdem an drei Tagen in der Woche für schulpflichtige Flüchtlingskinder eine Hausaufgabenhilfe eingerichtet werden.

Die mit der Europaschule gestartete Bibliothek für Asylbewerber ist mittlerweile in den Studienkreis umgezogen. Die Bücher können dort für den Deutschunterricht genutzt und auch ausgeliehen werden.

Sorgen bereitet der Flüchtlingshilfe ein ausreichendes Angebot an Ausbildungs- und Arbeitsstellen für eine zunehmende Zahl an Bewerbern unter den Flüchtlingen. Dieses sei wichtig, damit Integration gelingen kann. Die Gladenbacher sehen­ hier deshalb einen Schwerpunkt ihrer künftigen Informationsarbeit. „Wir hoffen dabei auf die Unterstützung der heimischen Wirtschaft und der politisch Verantwortlichen des Landkreises“, erklärt Seyler.

Auf die „perspektivische Entwicklung“ legen die Helfer deshalb in diesem Jahr den Fokus ihrer Arbeit. So wollen sie Experten zu ihren Monatstreffen einladen, die ihnen Wege und Möglichkeiten für die berufliche Zukunft von Flüchtlingen aufzeigen und erläutern. Dabei wird es auch um die Frage der Anerkennung von mitgebrachten beruflichen Qualifikationen für den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt gehen.

Carmen Pflug: „Es ist stimmig, was wir machen“

„Um Arbeitsstellen, Ausbildungs- oder Praktikumsplätze zu finden, sind Initiativen gefragt“, betont Seyler. Ein möglichst breites Branchenspektrum müsste angeboten werden. Geschehen könnte dies vielleicht über eine Ausbildungsmesse speziell für Flüchtlinge, schlägt die Gladenbacher Initiative vor.

Gut angenommen wurden von Männern und Frauen die Koch- und Schwimmkurse. Sie sollen in diesem Jahr wieder stattfinden. Und auch die Geselligkeit kommt bei der Flüchtlingshilfe­ nicht zu kurz: Gemeinsame Feiern und Feste sind auch für die Zukunft geplant. „Sie bieten ­eine gute Gelegenheit für zwanglose Gespräche zwischen Helfern und Flüchtlingen“, erklärt Pflug.

„Sehr erfreulich ist nach wie vor die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung“, sagt Seyler. Das Depot der Gladenbacher Flüchtlingshilfe entspreche somit den neuen Anforderungen. Und auch für die anstehenden Umzüge von den Gemeinschaftsunterkünften in Wohnungen steht meist die nötige Ausstattung zur Verfügung.
Einen besonderen Dank sprechen Pflug und Seyler ihren Mitstreitern, den zahlreichen Spendern sowie der katholischen und evangelischen Kirchengemeinde, der Caritas und dem Diakonischen Werk Marburg-Biedenkopf für ihre Unterstützung aus.

Mit Freude nehmen die Flüchtlingshelfer auch das Miteinander in den Gemeinschaftsunterkünften zur Kenntnis. „Bewohner, die schon länger da sind, helfen den Neuankömmlingen.­ Das zeigt uns: Es ist stimmig, was wir hier machen“, erzählt Pflug.

von Michael Tietz

 
 
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