Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Gesundheitsmarkt im Umbruch
Landkreis Hinterland Gesundheitsmarkt im Umbruch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:15 24.05.2012
Marburg

Kommt es zur Übernahme, gehören Helios-Rhön umgerechnet acht Prozent des gesamten Gesundheitsmarktes.  Die Klinik-Kette würde 128 Kliniken und 70 medizinische Versorgungszentren (MVZ) betreiben. Darunter auch das Uniklinikum Gießen-Marburg. Um die 80 000 Angestellte versorgen fast 40 000 Krankenhaus-Betten und erwirtschaften einen Umsatz von knapp sechs Milliarden Euro pro Jahr. Das Kartellamt und die Aktionäre der Rhön-Klinikum AG haben das letzte Wort. So weit die nackten Zahlen.

Geht es nach ­Rhön-Gründer und Großaktionär Eugen Münch – der 67-Jährige hält 12,45 Prozent der Papiere –, steht dem neuen Klinik-Giganten nichts im Wege. Auch wenn es wegen der 3,1 Milliarden Euro schweren Übernahme Kritik hagelt. So sagt unter anderem der Interessenverband kommunaler Krankenhäuser in Person des Vorsitzenden Bernhard Ziegler: „Es kann nicht sein, dass Wettbewerbshüter Zusammenschlüsse von gemeinwohlorientierten kommunalen Unternehmen verbieten, aber einen Klinik-Giganten entstehen lassen.“
Mit der Fusion ist – geht es nach Plänen Münchs – die Revolution des Gesundheitsmarktes längst nicht abgeschlossen. Mit dem flächendeckenden Versorgungsnetz im Rücken bringt der 67-Jährige das Modell einer privaten Zusatzversicherung ins Gespräch, die Patienten an den neuen Krankenhausgiganten binden soll. „Wir haben bei einem Zusammenschluss das Angebot, wir haben die Maschine dahinter, um die Vertragsversprechen wirklich einzulösen“, sagt der 67-Jährige im Interview mit der Financial Times (FTD). Seine Vision: Mit dieser Helios-Rhön-Zusatzversicherung würden die Krankenkassen um Milliardenausgaben entlastet. Patienten würden ihre Krankendaten beim neuen Konzern hinterlegen und somit gleich zum richtigen Arzt geschickt. Keine Fehldiagnosen, keine Zusatzkosten, lautet die Rechnung.

Liest sich doch gar nicht schlecht, oder? Dr. Wolfgang Bergter, ehemaliger Arzt in Diensten der Rhön Klinikum AG und Mitglied der Initiative NotRuf113, sieht das anders und nennt drei Gründe:
- Eine private Zusatzversicherung sei wie ein zinsloser Kredit für Fresenius.
- Ob eine versprochene Leistung gewährt würde, könne der Freseniuskonzern selbst entscheiden.
- Diese Form der Versicherung unterliege keiner unabhängigen Qualitätskontrolle. 

„Der Patient begibt sich in die Abhängigkeit eines von Aktien bestimmten Unternehmens. Den Schutz einer gesetzlichen Krankenversicherung genießt ein Zusatzversicherter nicht.“ Soll heißen: Leistungen, die nicht erbracht worden seien oder falsch abgerechnet würden, müsse der Kranke selbst einklagen. „Und wer legt sich schon mit so einem riesigen Unternehmen an, gerade wenn er eine schlimme Krankheit überstanden hat?“.

In puncto Klageweg stimmt Kathi Schulten vom Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) zu. Nicht erbrachte Leistungen müssten auf zivilrechtlichem Weg entschieden werden. Die Pressereferentin der Versicherungsaufsicht verdeutlicht zudem Grundsätzliches: „Wenn ein Unternehmen Versicherungsprodukte anbieten möchte, gibt es klare Richtlinien.“ Die wichtigste: Ohne die Zustimmung der Bafin geht nichts. Von Organisationsform, finanziellem Spielraum bis hin zur fachlichen Eignung werde alles geprüft, sagt die Pressereferentin zum Vorgehen.
Auf das „höchst reglementierte Versicherungsgesetz“ verweist auch Oliver Stenzel vom Verband der privaten Krankenversicherungen (PKV). „Patientenschutz wird sehr groß geschrieben“, sagt der Pressereferent. Den Kritikpunkt des zinslosen Kredits sieht Stenzel  skeptisch und nennt konkrete Zahlen. „In Deutschland gibt es 22 Millionen Zusatzversicherte.  In der Summe macht das etwa nur zwölf Prozent der Einnahmen aller im PKV vertretenen Mitglieder aus.“

Bleibt die Frage nach der freien Arztwahl, die das Sozialgesetzbuch vorschreibt. Für private Zusatzversicherung gilt dieser Paragraph nicht. Schließlich entscheidet der Kunde selbst, unter welchen Bedingungen er was bei wem unterschreibt.
Für Bergter ist dieses System nichts anderes, als das Ausnutzen einer Monopolstellung im Gesundheitsmarkt. „Patienten haben doch keine Wahl“, sagt er. „Nehmen wir das Beispiel Marburg. Die Uniklinik ist der einzige Vollversorger in der Region. Man wird dazu gezwungen, die Versicherung abzuschließen.“

Was das für den Versicherten bedeutet, hat Münch durchrechnen lassen. Für einen 40-Jährigen würden für stationäre Leistungen 30 Euro im Monat fällig, für ambulante bis zu 60 Euro. „Als Patient muss man Angst haben, im Rhön-Verbund nicht entsprechend behandelt zu werden, wenn man keine solche Versicherung hat“, kritisiert Bergter und befürchtet weitere Schritte in Richtung ­Mehr-Klassen-Medizin. „Der Patient begibt sich völlig in die Hände von Rhön ohne die Gelegenheit, sich bei einem freien Arzt untersuchen zu lassen. Aber welche Wahl gibt‘s denn?“, fragt Bergter und gibt die Antwort. „Keine.“

von Carsten Bergmann