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"Gebt denen eine Chance, die schon hier sind"

Integration "Gebt denen eine Chance, die schon hier sind"

Auf dem Parkplatz der Praxis GmbH wartet das Fahrschulauto. Hagos Aman steigt ein und fährt vom Gelände. Die Szene wirkt alltäglich, ist es aber nicht. Der 30-Jährige kam 2009 aus Eritrea als Flüchtling nach Biedenkopf.

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Christoph Rettler (von links), Katja Ossenkop und Diana Meschter erläuterten Chancen und Probleme für die berufliche Integration von Flüchtlingen und Bleibeberechtigten.Foto: Schubert

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Anfang des vergangenen Jahres kam Hagos Aman (Name von der Redaktion geändert) in das Projekt „BLEIB in Hessen“ der Praxis GmbH. Mittlerweile lebt er in Marburg und hat ein volles Wochenprogramm. Täglich besucht er den Deutschkurs, hat einen 400-Euro-Job in einem Restaurant und die Theorieprüfung für den Führerschein bereits bestanden. Den könnte er von seinem geringen Einkommen nicht bezahlen, er wird vom Kreisjobcenter mitfinanziert. In dessen Budget wäre das nicht drin, dafür kommt Geld aus dem BLEIB-Projekt zum Einsatz.

„Man hat mir viel geholfen. Es ist gut, dass ich auf ein Ziel zugehen kann“, sagt der junge Mann. Christoph Rettler half ihm, das Kreisjobcenter zu kontaktieren. „Nach dem Deutschkurs will ich in Marburg eine Informatik-Ausbildung machen“, so die Pläne Amans. In Eritrea habe er Informatik studiert, bevor er zur Armee musste. Sein Ziel ist es, einen Arbeitplatz als Netzwerkadministrator zu finden oder als Programmierer.

„Es gibt Fachkräftemangel und zugleich viel ungenutztes Potenzial. Daher sagen wir, gebt denen eine Chance, die schon hier sind“, unterstreicht Christoph Rettler, Berater im BLEIB-Projekt bei der Praxis GmbH. Die ist für die Landkreise Marburg-Biedenkopf und Gießen zuständig und betreut derzeit etwa 170 Teilnehmer.

Diese seien oft qualifiziert und gut einsetzbar und allein schon deshalb sehr motiviert, weil ein sicherer Arbeitsplatz wichtig für einen sicheren Aufenthaltsstatus sei. Das mache sie für mögliche Arbeitgeber interessant. Andererseits bedeutet die so genannte Nachrangigkeit dieser Personengruppe zusätzlichen bürokratischen Aufwand, denn zuerst muss die Stelle Deutschen und EU-Bürgern angeboten werden. „Wir können die Arbeitgeber informieren, wie sie dabei vorgehen müssen“, erklärt Rettler.

Die Bleiberechtsnetzwerke treten für Änderungen der gesetzlichen Bedingungen ein. Tatsächlich gab es seit dem vergangenen Jahr einige rechtliche Änderungen, die die berufliche Integration von Flüchtlingen und Bleibeberechtigten verbessern sollen. So können nun minderjährige Jugendliche in Duldung eine eigenständige Aufenthaltserlaubnis erhalten. „Leider sind viele positive Neuregelungen mit so vielen Auflagen versehen, dass sie kaum wirksam werden. Voraussetzungen sind ein erfolgreicher Schulbesuch, wozu auch Ausbildung und Studium von mindestens sechs Jahren zählen. Darüber hinaus müssen eine eigenständige Lebensabsicherung und ausreichende Deutschkenntnisse nachgewiesen werden“, kritisiert Christian Hendrichs, Projektleiter von „BLEIB in Hessen“ beim Mittelhessischen Bildungsverband.

Noch ganz neu ist das am 1. April in Kraft getretene Anerkennungsgesetz. Es sichert erstmals die Überprüfung ausländischer Bildungsabschlüsse auf ihre Anerkennung hin zu. Von bis zu 1300 Bleibeberechtigten und Flüchtlingen mit nachrangigem Zugang zum Arbeitsmarkt in Hessen hat das Netzwerk bis jetzt rund die Hälfte erreicht und etwa 30 Prozent davon auch vermittelt.

von Manfred Schubert

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