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„Ganz in schwarzer Kleidung und mit Waffen“

Durchsuchung „Ganz in schwarzer Kleidung und mit Waffen“

Auf das Vorgehen der Ermittler reagierte Hans Günter Heise mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde sowie Briefen an den Kreisausschuss, den hessischen Justizminister und den Bundespräsidenten.

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So würde man sich Polizeibesuch als unbescholtener Bürger vorstellen, bei den Heises lief eine Hausdurchsuchung etwas anders ab.

Quelle: Mieter / pixelio.de

Obereisenhausen. Sie kann sich nur mit Hilfe von zwei Gehhilfen bewegen, sie ist schwerhörig und hat am Morgen des 2. August ihre Hörgeräte noch im Schlafzimmer auf dem Nachttisch liegen, trotzdem nimmt Anneliese Heise ein Geräusch an der Eingangstür wahr, als sie in der Küche ihren Kaffee trinkt. Sie denkt, es ist die Nachbarin, die jetzt, wo sich ihr ebenfalls schwerbehinderter Mann wegen einer Operation an der Schulter im Krankenhaus befindet, immer nach ihr schaut, weshalb auch die Haustür unverschlossen ist.

Doch plötzlich sieht die 77-Jährige sich mit zwei Polizisten konfrontiert „ganz in schwarzer Kleidung und mit Waffen“, standen ein Mann und eine Frau vor ihr. „Was ist jetzt los“, fragte sie, aber die Antworten verstand sie nicht, weil die Beamten für sie zu leise sprachen. Und von dem Zettel, den man ihr hinhielt, konnte sie „nur das Dicke“ lesen.

Anneliese und Hans Günter Heise sind empört über das Vorgehen von Polizisten in ihrer Wohnung, die ihrer Meinung nach nicht dazu befugt waren.

Anneliese und Hans Günter Heise sind empört über das Vorgehen von Polizisten in ihrer Wohnung, die ihrer Meinung nach nicht dazu befugt waren.

Es handelte sich um eine Hausdurchsuchung bei der Familie Heise in Obereisenhausen. Auf eine anonyme Anzeige hin wurde bei dem Schreiner und auch seinem Sohn nach Waffen gesucht. Die Funde der Aktion sind genau dokumentiert: das Verschlussstück eines Karabiners, eine Patrone Rottweil Brennecke und eine verrostete Patrone 7,62.

Das Karabinerschloss sei am Ende des Krieges von einem amerikanischen Soldaten unbrauchbar gemacht worden, erklärt Heise, und die Patrone, ebenfalls ein Kriegsrelikt, sei ein Andenken an den letzten Heimaturlaub seines Vater, das er im Nachtschrank aufbewahrte. Nur bei der Brennecke wisse der 78-Jährige nicht, wie die ins Haus gekommen sei.

„Mein Mann hat sich nie für Waffen interessiert“, sagt Anneliese Heise. Dessen Hobby sei der Maschinenbau. Der Schreiner ist über den Ablauf und die Folgen der Aktion empört. Seine Frau habe jetzt noch Albträume, schreie nachts und wache auf. Das alles wegen einer unberechtigten Hausdurchsuchung. „Der Durchsuchungsbeschluss lautet nur auf meine Geschäftsräume und die meines Sohnes“, sagt der Schreinermeister. Zwar habe sein Sohn der anschließenden Durchsuchung des Wohnhauses zugestimmt, dies könne aber nur für dessen Wohnung im unteren Teil des Hauses gelten, für die es einen eigenen Eingang gibt, nicht für die Wohnung der Eltern darüber.

"Hausfriedensbruch in Vollendung"

Sohn Norbert, der seine Mutter beruhigen musste, bestätigt die Zustimmung, fühlte sich aber vom Leiter der Aktion unter Druck gesetzt: Der habe in Aussicht gestellt, innerhalb einer halben Stunde den erforderlichen Beschluss zu haben, da Gefahr im Verzug sei.

Das sei ein „Skandal hoch drei, ein Hausfriedensbruch in Vollendung“, wertet Hans-Dieter Theis die Aktion. Der Freund der Familie vermisst die nötige Menschenkenntnis der Polizisten und fragt nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Die vermisst auch Friedhelm Jakobi. Der Nachbar beobachtete die Aktion vom Balkon aus. In drei Mannschaftswagen seien etwa 15 Polizisten in kugelsicheren Westen und mit Pistolen bewaffnet für die rund anderthalbstündige Aktion vorgefahren - „kampfbereit“. Er empfand das als „lächerlich“, aber „wen es betrifft, für den ist es ernst“. Ernst nimmt auch Heise die Aktion. Er schrieb an den Kreisausschuss, den hessischen Innenminister und den Bundespräsidenten, die sich alle als nicht zuständig bezeichnen. Nur seine Dienstaufsichtsbeschwerde vom 14. August hat Folgen. Die wird bearbeitet, bestätigt Willi Schwarz, Pressesprecher des Polizeipräsidiums in Gießen. Weil darin auch der Vorwurf des Hausfriedensbruchs erhoben wurde, sei die Staatsanwaltschaft in Marburg zur rechtlichen Bewertung eingeschaltet worden. Weitere Auskünfte erteilt Schwarz mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht. Ebensolches sagt Annemarie Wied. „Da stehen noch abschließende Ermittlungen aus“, ergänzt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

von Gianfranco Fain

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