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Hinterland Gäste kämpfen für ihr „Kneipchen“
Landkreis Hinterland Gäste kämpfen für ihr „Kneipchen“
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23:03 09.01.2012
Wirtin Dagmar Dersch wird von ihren Gästen nur „Daggi“ genannt. Ihre Kneipe, das Nada in Cappel, muss sie im März schließen. Jetzt ist die 46-Jährige auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten. Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wenn man Dagmar Dersch eine Kneipenwirtin nennt, dann runzelt sie ernst die Stirn. „Kneipe?“, fragt sie dann, „Kneipe klingt immer so abwertend.“

Dagmar Dersch spricht lieber von einer Begegnungsstätte. Einem Ort, an dem sich Menschen aller Generationen, Einkommensklassen und Interessen treffen. Mal nur für die Länge einer Zigarette, mal für die eines Bieres, mal für einen ganzen Abend. Es wird palavert und geschwiegen, diskutiert und gefachsimpelt. Eben so, wie es sich für eine richtige Dorfkneipe, Pardon, eine Dorf-Begegnungsstätte gehört.

Doch genau damit soll jetzt Schluss sein. Die Wirtin muss schließen. Eine Kündigung der Hauseigentümerin liegt vor. Das Kneipensterben in Cappel – es geht also weiter. Und das, obwohl das „Nada“ nicht über mangelnde Kundschaft klagen kann. Im Gegenteil. Die Stammgäste halten Dagmar Dersch seit Jahren die Treue.

Seit das Thema „Schließung“ auf den Tresen gekommen ist, zieht es sie sogar ein bisschen öfter in die kleine Gaststätte im Herzen Cappels. Abends, nach Feierabend, stecken sie ihre Köpfe zusammen. Beraten, wie es mit dem Nada in Cappel weitergehen könnte.

Anwälte und Maler, Lehrer und Maurer, Studentin und Geschäftsführerin: Sie alle suchen nach einem Plan B. Suchen nach einer Ausweichmöglichkeit für das Nada. Allen voran Rechtsanwalt Rüdiger Schmeltzer. „Wir sind über 8.000 Einwohner in Cappel und sind nicht in der Lage, eine Kneipe am Laufen zu halten?“, fragt er. „Im Nada, da fühlt man sich eben wohl. Das ist eine richtige Thekenkneipe. Wenn sie ersatzlos schließt, dann fehlt die Konversation in der Ortsgemeinschaft“, so Schmeltzer weiter.

Aus diesem Grund hat er bereits das Gespräch mit Ortsvorsteher Heinz Wahlers gesucht. Genau wie viele weitere Stammgäste auch. Aber auch Wahlers ist ratlos. „Mir ist die Situation bekannt. Aber ich sehe im Augenblick einfach keine Möglichkeit, dem Nada zu helfen.“

Wirtin und Stammgäste haben schon eine Idee: Die „Begegnungsstätte“ einfach ins Cappeler Bürgerhaus verlegen. Aber Wahlers entzieht diesem Plan jede Hoffnung. „Die Räume, die früher noch für das Gastgewerbe zur Verfügung standen, werden nun für das Betreuungsangebot der Erich-Kästner-Schule genutzt“, erklärt Wahlers. Und das auf unbestimmte Zeit. „Ich würde liebend gern einen Ort in Cappel haben, wo die Bürger in Ruhe ein Bier trinken können – aber derzeit kenne ich einfach keine Lösung“, bedauert  der Ortsvorsteher.

Zum 31. März muss Dagmar Dersch die Theke, die kleine Küche und alles weitere Inventar ausbauen. Sollte sie bis März keine Ausweich-Immobilie in Cappel finden, wird das Projekt „Dorf-Begegnungsstätte“ wohl vom Tisch sein.

von Marie Lisa Schulz

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