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Frostige Zeiten in der Solarbranche

Personalabbau Frostige Zeiten in der Solarbranche

Kaum ein Solaranbieter arbeitet in Deutschland mit Gewinn, und die Aussichten sind trübe. Das Cölber Unternehmen Wagner & Co reagiert mit erneutem Stellenabbau auf die Krise: 90 von 210 Mitarbeitern wurde gekündigt.

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Eine Solaranlage auf dem Firmengelände von Wagner & Co in Kirchhain. Das im In- und Ausland tätige Unternehmen, das seine Zentrale in Cölbe hat, muss erneut Personal abbauen. Fotos: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Als SPD-Chef Siegmar Gabriel kurz vor der Bundestagswahl im September die Firma Wagner am Standort Kirchhain besuchte, herrschte Optimismus. Auf die Frage des Politikers „Warum geht es Ihnen gut und anderen nicht?“ antwortete Thomas Payer, einer der Geschäftsführer: „Wir sind nicht so schnell gewachsen wie andere und haben uns breit aufgestellt - mit Solarstrom und Solarwärme“.

Nun bestätigt Geschäftsführer Andreas Knoch Informationen der OP, wonach es der Firma schlechter gehe als erwartet und eine weitere Kündigungswelle ansteht: 90 Mitarbeiter werden zum Jahresende das Unternehmen, verlassen. In Spitzenzeiten hatte die Firma Wagner, die mehrere Tochterfirmen im Ausland hat, insgesamt mehr als 400 Beschäftigte. Der Solarpionier aus Cölbe - die Firma wurde 1979 von neun in der Öko-Bewegung aktiven Studenten gegründet - steht veränderten Marktbedingungen gegenüber. Der Photovoltaik-Markt in Deutschland und Europa war 2013 um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr rückläufig und wird nach den Erwartungen der Branche auch im kommenden Jahr nicht wachsen, erklärt Andreas Knoch.

Transfergesellschaft gegründet

„Das hat uns auch getroffen. Wagner & Co passt sich personell an diese Entwicklung an“, sagt Knoch. Er rechnet damit, dass die Photovoltaik-Branche 2014 noch weitere Einbußen einstecken muss.

Das Cölber Unternehmen hat sich seit fast 35 Jahren der Solartechnik verschrieben und ist als Systemanbieter für Solarwärme und Solarstrom am Markt etabliert. Neben der Entwicklung und Produktion von solarthermischen Anlagen vertreibt die Firma europaweit Solarwärmeanlagen und netzgekoppelte Solarstromsysteme. Darüber hinaus produziert Wagner & Co Solaranlagen-Montagesysteme und hat auch in der Region zahlreiche Solarkraftwerke realisiert.

„Die Energiewende ist notwendig, das ist weiterhin gesellschaftlicher Konsens, auch wenn in den Vereinbarungen der zukünftigen großen Koalition kaum Impulse dafür zu erkennen sind“, sagt Knoch.

Die im Jahr 2012 umgesetzten Änderungen am Energieeinspeisegesetz EEG führen zu weiter sinkenden Einspeisevergütungen, obwohl die Anlagenpreise sich inzwischen stabilisiert haben. Daher befindet sich die Solarbranche in einer harten Konsolidierungsphase, erklärt Knoch. „Als eine Konsequenz dieser Konsolidierung muss Wagner & Co sich in Kürze von etwa 90 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen trennen“, erklärte Knoch.

Betroffener ist „irritiert“ über Kündigung

Einer der Betroffenen fasst dies anders zusammen: „Die Firma macht rund 50 Prozent ihrer Beschäftigten diesmal ein besonderes Weihnachtsgeschenk, indem sie sie kündigt.“ Er sei zwar „nicht wirklich überrascht, aber irritiert“ und habe kaum Zeit, sich nun rechtlich beraten zu lassen, sagt der Mitarbeiter, dessen Name der OP bekannt ist.Wagner & Co hat eine Transfergesellschaft für die gekündigten Mitarbeiter eingerichtet. Die Standorte Kirchhain und Cölbe sollen erhalten bleiben. Wagner erwarte für nächstes Jahr in Deutschland keine Großprojekte bei Photovoltaik-Anlagen, werde diese Aktivitäten eher ins Ausland verlagern. Knoch betonte aber, dass die Cölber Firma weiterhin mit ihren Kernbereichen Solarwärme und Solarstrom am Markt aktiv sein werde. Denn dies sei langfristig weiterhin erfolgversprechend: „Die Investition in Solarwärme und Solarstrom vom eigenen Dach - vorrangig für den eigenen Bedarf - ist für Hausbesitzer jetzt schon rentabel und wird ein selbstverständlicher Baustein der Energieversorgung von morgen sein.“ Der Solarmarkt sei schwach, obwohl es gute Fördermittel gibt, die Förderung sei noch zu wenigen Verbrauchern bekannt. Zudem habe die Misere in der Photovoltaikbranche offensichtlich auch die Solarwärme in Mitleidenschaft gezogen.

Von der Koalition hätten sich die Solarunternehmer einen „größeren Schub“ erhofft, etwa durch die Schaffung der Möglichkeit, Solarsysteme steuerlich abschreiben zu können. „Die Energiewende ist zu einem untergeordneten Thema geworden, die großen Stromversorger haben sich auf den letzten Metern der Koalitionsverhandlungen gut aufstellen können“, so Knoch. Generell geht es der europäischen Solarwirtschaft schlecht. Firmen gehen pleite oder kämpfen um ihre Existenz. „Wir wollen die Solarpioniere bleiben“, betont Knoch.

von Anna Ntemiris

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