Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland „Wasserwelten“ aus Gelatine
Landkreis Hinterland „Wasserwelten“ aus Gelatine
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:41 01.09.2017
„Herztaucher“ hat Fotografin Susanne Ochs dieses Bild genannt. Zwölf weitere Fotos ihrer Serie sind im Lahn-Hotel zu sehen. Quelle: Susanne Ochs
Biedenkopf

Was andere Leute essen, verarbeitet sie zu Kunst. Aus Gelatine kreiert Susanne Ochs kleine Kunstwerke und fotografiert sie. 13 ihrer farbenfrohen Bilder sind noch bis Ende Oktober im Foyer des Lahn-Hotels in Biedenkopf, Mühlweg 23, zu sehen.

Entstanden sind sie zum 75-jährigen Bestehen des Thermalbades in Heidelberg. Die Stadt war seinerzeit an die Fotografin mit der Bitte herangetreten, das Thema „Schwimmen“ kreativ zu verarbeiten. Ergebnis einer acht Monate langen Schaffensphase in ihrem Studio sind 36 Bilder, die im Jahr 2014 erstmals ausgestellt wurden. Ein Ausschnitt ist nun auch in Katja Milchsacks Hotel präsent.

Mancherlei zeichnet die Fotografien aus. Zum einen der Maßstab: Die Menschen auf den Bildern sind im Maßstab 1:87 abgebildet. Unter Modelleisenbahnfreunden würde man von der Spur H0 sprechen. „H0 meets H2O“ hat Susanne Ochs daher einmal eine andere Bilderserie bezeichnet, die sich ebenfalls um das Thema Wasser drehte.

Um in dieser Größenordnung mit „Menschen“ arbeiten zu können, benutzt die Fotografin kleine Figürchen, wie sie im Modelleisenbahnbau verwendet werden. „Ich arbeite nur mit diesen Männchen“, erklärt sie. In Heidelberg hat sie die Figuren in einer Serie schon vor bekannten Gebäuden und Orten der Stadt platziert. „Heidelzwerg ganz groß“ lautete der Titel. Eine ähnliche Ausstellung ist derzeit für Biedenkopf in Vorbereitung.

Darüber hinaus leben die Bilder von einem Material, das in fast jedem Haushalt zu finden ist: Aus Gelatine hat Susanne Ochs (Foto: Bünger) das Wasser kreiert. „Das ist meine Spezialität“, sagt sie. Will heißen: Gelatine ist nicht gleich Gelatine. Denn je nachdem, wie viel Gelatine sie verwendet, wie lange sie die Mischung stehen lässt, wie viel und welche Farbe sie hinzufügt und wie stark sie in der Mischung rührt, entstehen sehr unterschiedliche Effekte.

Bis die Fotografie genau so ist, wie Susanne Ochs sie haben will, vergeht gut und gerne ein halber Tag. Vier Stunden hat sie beispielsweise an dem Bild gearbeitet, indem die Figürchen in einer Schwimmbrille schwimmen – die Vorbereitungen am Vortag noch nicht eingerechnet. Mindestens genauso lange hat sie an dem Foto mit dem Titel „Wasserwelten“ herumgetüftelt, auf dem sich eine Weltkugel in einem Wassertropfen spiegeln sollte. Mal fiel der Tropfen zu früh herunter, ein andermal war die Weltkugel nicht richtig zu sehen. „Da habe ich ewig dran rumgepopelt“, erzählt Susanne Ochs.

Meist lässt sie das Bild dann noch einmal einen Tag auf sich wirken, bis sie sicher ist, nichts mehr zu finden, was ihr doch nicht gefällt. Aus diesem Grund arbeitet die Biedenkopferin auch am liebsten im Studio. Draußen kann ihr ein einziger Windstoß die ganze Planung und den ganzen Aufbau in einer Sekunde zunichte machen. Im Studio passiert das nicht. „Ich bevorzuge das, weil ich dort alles unter völliger Kontrolle habe“, sagt sie.

Computer hilft nur im Notfall

Im Jahr 2007 ist Susanne Ochs zu ihrem Hobby gekommen. Ihr „Brotjob“ ist dagegen ein anderer: In Heidelberg arbeitet sie als Übersetzerin. Diese Art der Fotografie sei ein „Ventil“ für sie, erklärt die Künstlerin, eine Möglichkeit, sich „Ausdruck“ zu verleihen. Ganz aus der Luft gefallen ist diese Liebe zur Miniatur übrigens nicht: Schon ihr Vater hat den Modellbau in dieser Größe geliebt.

Die Ideen zu den Fotografien kommen meistens aus Susanne Ochs‘ persönlichen Erfahrungen. Manchmal spielt sie auch mit den Worten: Aus der „Schwimmbrille“ wird dann die Brille, in der man schwimmen kann. Der Polizist wiederum, der zwei Gummibärchen den Sprung ins Wasser verbietet, ist aus der Frage entstanden, was am Beckenrand passiert. Nicht zuletzt reifen die Ideen im Prozess und enden mitunter in ­einem Ergebnis, das anfangs ganz anders gedacht war.

Eines aber ist allen Fotografien gemein: „Alles ist so, wie es hier ist“, sagt die Fotografin. Das heißt: Am Computer werden allerhöchstens ein paar Stäubchen und Pixelfehler entfernt.

von Hartmut Bünger