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Hinterland „Wir haben unser Ding gemacht“
Landkreis Hinterland „Wir haben unser Ding gemacht“
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19:32 26.04.2017
Noch Giuseppe Di Cicco wirbelt in der Küche mit dem Pizzateig. Er hat schon einen Nachfolger für die Pizzeria gefunden. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

„Viele Stammkunden sind in den vergangenen Tagen gekommen und wollten uns zum Weitermachen überreden. Andere konnten nicht glauben, dass wir aufhören. Und ganz viele Gäste haben sich schon von uns verabschiedet – teils unter Tränen“, sagt Doris Di Cicco. Denn am Freitagabend wird sie um kurz nach 22 Uhr zum letzten Mal den Schlüssel in der Tür der kleinen Pizzeria „da Pepe“ in der Bahnhofstraße umdrehen – und damit auch ein Kapitel ­Familiengeschichte im wahrsten Wortsinn abschließen.

Dieses Kapitel begann 1986: Giuseppe Di Cicco hatte bis dahin im ehemaligen „Wirtshaus an der Lahn“ gearbeitet. 1969 war er nach Deutschland ­gekommen, arbeitete zunächst in Würzburg, dann in Gießen. Es folgten Stationen auf einem Rheinschiff, in einem ­Hotel in Wuppertal oder in Bensheim. Auch in Oberstdorf hatte Giuseppe Di Cicco schon gearbeitet, „denn ich wollte Skifahren lernen“, sagt er lachend. Über England kam er schließlich nach Marburg, blieb elf Jahre lang im „Wirtshaus an der Lahn“. „Dann sollte es verkauft werden, aber für mich war es zu groß“, erinnert sich der 65-Jährige. „Denn wir hatten damals zwei kleine Kinder.“

Doris Di Cicco ist die „gute Seele“ der Pizzeria: Am Freitag gehen sie und ihr Ehemann in den ­Ruhestand. Foto: Tobias Hirsch

Von einem Bekannten erfuhr er, dass das kleine Restaurant mit seinen wenigen Sitzplätzen frei geworden war – die Chance nutzte Di Cicco. „Eigentlich dachte ich, dass wir irgendwann in der ersten Etage noch einen Raum hinzubekommen könnten“, erzählt der Gastronom in seiner Küche unterhalb der Pizzeria – doch daraus wurde nichts. Und im Nachhinein sind die Di Ciccos darum nicht böse, „es war gut so, wie es war“, ­sagen sie.

Viel haben sie erlebt in den vergangenen gut drei Jahrzehnten. „Dabei hat uns die IHK damals davon abgeraten, dass wir uns hier selbstständig machen“, sagt Doris Di Cicco, „sie haben uns gesagt, dass wir kein halbes Jahr durchhalten würden“. Doch davon hat sich das Ehepaar nicht abhalten lassen, „wir haben unser Ding gemacht.“

Ein Vierteljahrhundert später wollte die Kammer der Familie dann die obligatorische Ehrenurkunde überreichen, inklusive­ Pressetermin. „Das haben wir dankend abgelehnt, wir haben gesagt, dass sie uns die Urkunde einfach so geben sollen“, sagt die 61-Jährige. In der Anfangszeit sei es nicht leicht gewesen, denn die beiden Söhne waren noch nicht lange auf der Welt, als die Eltern in die Selbstständigkeit starteten. „Ohne meine Eltern hätte es nicht funktioniert, sie haben sich oft um die Kinder gekümmert“, sagt Doris Di Cicco. „Später haben dann beide Jungs hier mitgearbeitet und sich ihr Studium finanziert“ – der Name „Di Cicco“ dürfte­ den OP-Lesern bekannt sein, denn Sohn Marcello arbeitet in der OP-Sportredaktion.

Pizzateig und Pasta aus eigener Produktion

Im Lauf der Jahre baute sich die Familie ihre Stammkundschaft auf, „die macht bei uns bestimmt 80 Prozent aus“, so Di Cicco. „Wir haben Kunden aus allen Schichten, vom Obdachlosen bis zum Professor. Bei uns ist jeder willkommen – und alle kommen gerne, sehen das Lokal als ihr Wohnzimmer“, sagt sie lachend. Dieses „Wohnzimmer“ verbindet. So gab es beispielsweise einen Studenten aus Korea, der aus seiner Heimat dann eine Postkarte schickte. „Er wusste die Adresse nicht und schrieb ,An die beste Pizza in Marburg‘ – die Karte kam an“, erinnert sich Giuseppe Di Cicco.

Stolz sind die Eheleute darauf, dass sie alles selbst herstellen – vom Pizzateig bis hin zur Pasta, dabei kamen immer nur frische Zutaten zum Einsatz. „Dadurch können wir auch auf unsere Kunden mit Lebensmittel-Allergien, von denen es immer mehr gibt, eingehen.“ Auch der Anfang der 90er gegründete Party-Service sei gut angenommen worden, „ich kenne so einige Wohnzimmer, Bürgerhäuser und Grillhütten in der Umgebung. Und einige Kunden haben wir von ihrer eigenen Hochzeit über die Taufe ihrer Kinder bis zu deren Konfirmation begleitet.“

Unzählige Erinnerungen verbinden die beiden mit ihrem kleinen Lokal, doch nun ist Schluss, „wir wollen endlich das machen, wofür in den vergangenen gut 30 Jahren keine Zeit war.“ Doris Di Cicco will, wenn, dann nur als Gast zurückkommen. Und Giuseppe? „Wir ­haben ja Nachfolger gefunden, die arbeite ich gerade ein“, sagt er. Die haben schon gefragt, ob ich sie vielleicht in der Anfangszeit noch ein wenig unterstützen könnte“, sagt er. Denn auch, wenn er in der vielen Freizeit, die ihn ab Samstag erwartet, gerne mehr Zeit etwa zum Radfahren haben möchte: So ganz leicht fällt ihm das Loslassen nicht. Denn: „Es war schon eine schöne Zeit, die wir hier hatten“, sagt er.

von Andreas Schmidt

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