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Auf Mission für die duale Ausbildung

„Senior Experten Service“ Auf Mission für die duale Ausbildung

Der ehemalige Schulleiter Ingo Herde aus Schröck war ehrenamtlich in 
 Indien, um dort zu helfen, das System der dualen Ausbildung an einer 
Schule zu etablieren.

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Ingo Herde wurde in Indien von Schulleitung und Kollegium des „Auroville Institute of Applied Technology“ willkommen geheißen. Drei Wochen lang arbeitete er dort mit Kollegen und Schülern, um die Grundzüge des dualen Ausbildungssystems zu vermitteln.

Quelle: privat

Schröck. Das deutsche duale­ Ausbildungssystem genießt auch international einen guten Ruf. Indien hat daher mit der Bundesrepublik ein Abkommen geschlossen, in der Berufsbildung und Qualifizierung, insbesondere im Bereich des Werkzeugmaschinensektors, noch stärker mit Deutschland zusammenzuarbeiten.

Um die Grundzüge der dualen Ausbildung zu vermitteln, reiste Ingo Herde, ehemaliger Leiter der Beruflichen Schulen Kirchhain, im Auftrag des „Senior ­
Experten Service“ (SES) für drei Wochen nach Indien. Dort arbeitete er am „Auroville Insti­tute of Applied Technology“ (AIAT), einer privaten Berufsfachschule in der internationalen Stadt Auroville.

„Auroville ist schon sehr faszinierend, denn es geht in der Stadt seit 50 Jahren darum, neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren“, sagt der 70-Jährige. Das Projekt, das sich mit seinen 120 Siedlungen und rund 2 700 Bewohnern in einem ländlichen Gebiet über einen Durchmesser von rund 20 Kilometern erstreckt, wurde von der Unesco als „universelle Stadt“ anerkannt. „Dort hat man auch schon einmal versucht, ohne Geld zu leben“, erläutert Herde – das habe zwar in der Form nicht funktioniert, doch stehe das Gemeinwohl in Auroville an erster Stelle. Festgeschrieben ist dies in der „Auroville Charta“, zudem genießt die Stadt einen Sonderstatus in der Indischen Verfassung.

Betriebe erkennen Vorteile der Ausbildung noch nicht

Dazu passt die Idee des AIAT: Die Schule wir ehrenamtlich von drei Aurovillianern geleitet – Schulleiter Lavkamad Chandra arbeitete gut 30 Jahre lang als Diplom-Ingenieur in Deutschland, „er ist mittlerweile 78 Jahre alt und hat natürlich in seinem Berufsleben reichlich Erfahrung gesammelt, die er in die Schule einfließen lässt“.

Lavkamad habe ein Netzwerk zu Behörden, Firmen und gemeinnützigen Organisationen aufgebaut, die die schulische Ausbildung förderten und unterstützten – ideale Voraussetzungen also, das Konzept der dualen Ausbildung umzusetzen. „Aus diesem Grund hat das AIAT um Unterstützung beim SES angefragt – so kam ich an die Schule“, erläutert Herde. Die Ausbildung durch das AIAT sei in der Region sehr geschätzt und anerkannt, „dadurch haben die Absolventen sehr gute Chancen auf dem regionalen Arbeitsmarkt“, sagt Herde.

Ein Problem, das der dualen Ausbildung entgegensteht: „Es gibt keine wirkliche Zusammenarbeit zwischen Betrieben und Schule, dass man gemeinsam eine Ausbildung anbietet“, verdeutlicht Herde. Vielmehr erwarteten die Unternehmen, dass die Schüler eine Grundausbildung erhielten – „dann lernen die Betriebe die jungen Leute in der Firma noch etwas spezialisierter an, und diese arbeiten dann dort“. Und zwar nur dort, denn eine allgemeine Ausbildung gibt es nicht. „Eine duale Ausbildung mit Verantwortlichkeit von Schule und Betrieb ist unbekannt.“ Das habe Herde auch gemerkt, als er vor Firmenvertretern einen Vortrag zur dualen Ausbildung gehalten habe.

Unterrichtsverlaufsplanung und Unterrichtsbesuche

„Das Interesse hält sich sehr in Grenzen, denn die Firmen sehen den Vorteil noch nicht.“ Es müsse ein Umdenken in den Unternehmen stattfinden – daran arbeite auch die indische Regierung. So sollen mit deutscher Unterstützung „Qualifizierungsverantwortliche“ ausgebildet werden.

Seine Aufgabe war es zunächst, die Lehrkräfte zu qualifizieren – etwa durch die Einführung einer schriftlichen Unterrichtsverlaufsplanung oder durch Unterrichtsbesuche mit anschließender Besprechung. Informationen zum dualen Ausbildungssystem vermittelte Herde ebenfalls, wie zum handlungsorientierten Unterricht. Gemeinsam mit den indischen Kollegen erarbeitete er Wochen- und Monatsplänen – „immer bezogen auf die jeweiligen, von der ­Regierung vorgegebenen, Kursinhalte“. Und er stellte die ins Englische übersetzten Fachbücher von Elektro- und Metalltechnik vor, deren Inhalte nach den deutschen Lehrplänen strukturiert sind.

Zudem stellte Herde Berichtshefte und Klassenbücher vor – diese sollten als Anregung für die Organisation von Betriebspraktika und Lehrberichten von Lehrkräften dienen. „Wir haben auch die Einsatzpläne verändert, denn bisher war man in der Schule der Ansicht, man müsse erst die Theorie beherrschen, bevor es an die Praxis geht“, erläutert Herde.

Die Integration von handlungsorientiertem Unterricht sei unbekannt gewesen. Herde stellte auch die deutschen Ausbildungsrahmenlehrpläne und die schulischen Rahmenlehrpläne für die Elektro- und Metallberufe vor. Darüber hinaus standen auch Firmenbesuche auf dem Programm – inklusive Gesprächen mit den Personalleitern über die Möglichkeiten, Elemente der dualen Ausbildung in ihrem Betrieb zu realisieren.

Vizekonsul hat seine
 Unterstützung zugesagt

Außerdem gab es ein Gespräch mit dem deutschen Vizekonsul aus Chennai über die mögliche Zusammenarbeit von in der Region ansässigen indischen Firmen mit dem AIAT. „Der Vizekonsul hat seine Unterstützung bei der schrittweisen Einführung der dualen Berufsausbildung in der Region zugesagt“, erläutert Ingo Herde.
Er ist sich sicher, dass die Betriebe vor allem im Handwerk schon recht bald die Vorteile der dualen Ausbildung erkennen werden. „Nach und nach werden auch weitere Betriebe die Chancen erkennen“, glaubt er.

Die duale Ausbildung werde­ nicht 1:1 übernommen, „es wird sich ein indisches Modell entwickeln. Hauptsache, die jungen Leute bekommen eine fundierte Ausbildung, die ihnen auch ermöglicht, unabhängig­ von ihrem regionalen Betrieb auch woanders Arbeit zu finden“. Denn derzeit sei es so, dass „der Arbeitnehmer bei einem Rausschmiss mit seinen paar erworbenen Kenntnissen dasteht und keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hat“.
Für heilige Kühe kommt eine eigene Ambulanz

Verkehr in den Städten ist „ist der Wahnsinn“

Fasziniert war der Schröcker von den Einblicken, die er in das Land bekommen hat – positiv wie negativ. So sei die Gastfreundschaft bemerkenswert, der Gegensatz von Arm und Reich jedoch auch. „Auf dem Weg zur Schule habe ich Menschen gesehen, die quasi auf Müllhalden leben, und in den riesigen Großstädten herrsche zum Teil immenser Luxus.

Der Verkehr in den Städten „ist der Wahnsinn, genauso, wie das Gewusel in den Straßen – Mopeds, Autos, Menschen – und natürlich Tiere, allen voran die heiligen Kühe, das ist ein beeindruckendes Erlebnis“, sagt er. Wenn eine Kuh angefahren werde, dann komme eine eigene Ambulanz, das Tier werde in ein Krankenhaus gebracht. Bei Menschen könne das schon anders aussehen: „Eine Kollegin hat berichtet, dass sie auf ihrem Roller angefahren worden sei und zunächst eine Stunde ohnmächtig im Straßengraben gelegen habe, bis man ihr half“, berichtet Herde.

Er habe auch das Glück gehabt, in den „Matrimandir“, einen heiligen, spirituellen Meditationstempel in Auroville zu kommen – „das geht nur mit Aurovillianern“, sagt Herde. „Durch die gigantische, mit Blattgold besetzte Kuppel wird ein Lichtstrahl geleitet, der im Meditationsraum auf einen Kristall trifft und das Licht strahlenförmig im Raum verteilt – dann hat man 30 Minuten Zeit zu meditieren. Das war eine ganz neue, faszinierende Erfahrung“, sagt der pensionierte Schulleiter.

von Andreas Schmidt

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