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„Es muss in Köpfe investiert werden“

Marburg „Es muss in Köpfe investiert werden“

Im Rahmen der DGB-Tour „Dienstleistung hat ihren Wert“, informierte sich der Bezirksvorsitzende Hessen-Thüringens, Stefan Körzell, an den Kaufmännischen Schulen über die Bedürfnisse der Schule.

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Hessen-Thüringens DGB-Bezirksvorsitzender Stefan Körzell (links) informierte sich bei Schulleiter Siegmar Günther über die Bedürfnisse im Bildungssektor.

Quelle: Wisker

Marburg. Interessiert steht der Gewerkschafter am Stahlzaun und blickt auf den Baufortschritt am neu entstehenden Medienzentrum der Kaufmännischen Schulen (KSM). Der Schutt und die herumliegenden Werkzeuge deuten auf eifriges Arbeiten hin. „Bis Sommer 2010 soll der Anbau bezugsfertig sein“, schilderte Schulleiter Siegmar Günther. „Dass die Infrastruktur modernisiert wird, ist gut und richtig. Es darf aber nicht nur in Beton, sondern muss vor allem in Köpfe investiert werden“, meinte Hessens DGB-Chef Stefan Körzell. Bildung sei eine Form der „sozialen Dienstleistung“ und dürfe nicht weiterhin stiefmütterlich behandelt werden.

Die Leistungen der Lehrer, Pädagogen und Schulangestellten würden von der Öffentlichkeit als „selbstverständlich angenommen“, obwohl vor allem an den Bildungseinrichtungen Personalmangel herrsche. Schulleiter Günther unterstützte diese These. „Wir leben von der Freiwilligkeit und Kreativität unserer Lehrer. Andernfalls wären wir nicht in der Lage, die neuen Herausforderung zu meistern, vor die uns junge Menschen stellen“. Das gelte speziell für den Bereich der psychologischen oder sozialpädagogischen Betreuung. „Wir brauchen Spezialisten, die sich um die außerschulischen Sorgen und Ängste der Kinder kümmern“, plädierte der Schulleiter. An der KSM habe sich vor einiger Zeit die „Ansprechbar“ eingerichtet – eine von Lehrern angebotene Möglichkeit, Schülern ein offenes Ohr zu bieten. In diesem Bereich sehe er dringenden Handlungsbedarf. „Wir sollen mit dem Equipment von vor 100 Jahren die Probleme des 21. Jahrhunderts lösen“.

Die Arbeitsplatzbeschreibung eines jeden Schulangestellten, ob Lehrer, Hausmeister oder in der Verwaltung, habe sich komplett gewandelt und sei komplexer geworden. In der freien Wirtschaft würde jeder einzelne Schulbedienstete finanziell besser auskommen, weshalb auch der Lehrermangel – insbesondere im Ingenieursbereich und bei Sprachlehrern – immer drastischer ausfalle. „Bei uns hält eine Oecotrophologin den Chemieunterricht, weil es keine willigen, geeigneten Fachlehrer gab“, erinnerte sich Günther. Die „starren Strukturen“ des öffentlichen Dienstes verhinderten auch die Einstellung von Personal, das der Lehrerentlas tung diene. Servicekräfte für Pädagogen, in einem Modellprojekt hessenweit getestet und plötzlich eingestellt, könnten Lehrern den Rücken frei halten. „Computerwartung, Aufsicht, Kopieren, Bibliotheksaktualisierung – das und vieles mehr müssen die Lehrer neben ihrer eigentlichen Tätigkeit machen“.

Die Aufgabenflut sei für eine Schule wie die KSM zwar gerade noch zu stemmen, bringe aber für jeden Einzelnen „extrem hohe Belastungen“. Gewerkschafter Körzell machte sich viele Notizen zu den Ausführungen des Schulleiters. „Mit Finanzierungsproblemen kann die Politik nicht alles entschuldigen. Zumal der soziale Sektor, und dazu zählen wir Bildung, immer der Letzte sein wird, der von Steuersenkungen profitiert“. Skandinavien stehe einmal mehr Pate dafür, wie es gehen könne.

60.000 Erzieherstellen in Kindertagesstätten und 30.000 Kräfte an Schulen und Universitäten fehlten allein in Hessen im Vergleich zu den skandinavischen Musterbeispielen. „Im Bildungssektor wird die Basis für die soziale Durchlässigkeit einer Gesellschaft gelegt. Da hinken wir in Deutschland den anderen Ländern weit hinterher“, schloss Körzell.

von Björn Wisker

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