Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Es hapert oft auch an der Freundlichkeit
Landkreis Hinterland Es hapert oft auch an der Freundlichkeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:35 08.12.2010

Beltershausen. Die Noten lassen oft zu wünschen übrig, aber auch an den Primärtugenden hapere es deutlich, berichtete Stefan Waldschmidt, geschäftsführender Gesellschafter der Marburger Firma Pharmaserv. Er gehörte zu den acht Mitgliedern einer Diskussionsrunde, die im Hotel „Seebode“ stattfand.

Zu diesem „Kamingespräch“ zwischen Vertretern aus Wirtschaft, Schule sowie dem Fachdienst Jugendförderung der Stadt Marburg hatten die Wirtschaftsjunioren (WJ) Marburg eingeladen.

Vorstandssprecher Marcello Camerin erzählte zur Begrüßung, dass der WJ-Bundesvorstand in diesem Jahr das Thema „Bildung“ ausgerufen habe und die Veranstaltung Teil einer ganzen Reihe von Aktivitäten und Projekten sei, die über das Jahr von den Wirtschaftsjunioren organisiert wurden.

Dass das vor dem Kamin des Hotels diskutierte Thema – „Wie viel Allgemeinbildung erwartet die Wirtschaft von Schulabgängern – Anspruch und Wirklichkeit“ sehr interessierte, zeigte die hohe Resonanz. Von den insgesamt 85 WJ-Mitgliedern aus Marburg hatten sich 35 zu der Veranstaltung angemeldet.

Die Moderation des Abends oblag Michael Guder, der die Runde mit gezielten Fragen belebte. Diese setzte sich zusammen aus den Gymnasial- und Oberstufenschülern Svenja Michel (Elisabeth-Schule) , Anna Charis (Martin-Luther-Schule) und Valentin Flöter (Kaufmännische Schule Marburg) sowie der Auszubildenden von Pharmaserv, Christina Huhn. Außerdem nahmen Klaus Schäfer, Schulleiter der Friedrich-Ebert-Schule, Stefan Waldschmidt und Matthias Gnau von Fachbereich Kinder, Jugend und Familie der Stadt Marburg teil. Dass die Vertretung der Schüler nicht unbedingt repräsentativ sei, entschuldigte Camerin. Es sei schwer gewesen überhaupt eine solche Runde zu gestalten, so der Vorstandssprecher.

Dennoch entstand an dem Abend ein lebendiger Austausch, bei dem die verschiedenen Interessen und Kritikpunkte schnell deutlich wurden: Die Schüler bemängelten, dass sie im Laufe der Schulzeit zu wenig Berufsberatung und Kontakte zu Betrieben hätten. „Schule sollte auch einen Teil zur Orientierung beitragen und das Berufsleben in die Schule tragen“, lautete die Meinung. Auch die Auszubildende kritisierte, dass keine berufsvorbereitenden Schritte während der Schulzeit stattfanden.

In diesem Punkt war mit den anderen Diskussionspartnern schnell ein Konsens gefunden. Bessere Kooperation und mehr Austausch, das wünschen sich Schule und Unternehmen. „Gebraucht werden neue Konzepte“, war die einhellige Meinung. „Experten müssen in die Schulen gehen und die Schüler müssen rausgehen“, brachte es Schäfer auf den Punkt.

Zur Frage, ob in Sachen Allgemeinbildung von Schülern das mitgebracht wird, was Arbeitgeber erwarten, war die Antwort eher ernüchternd. Waldschmidt berichtete, dass rund 70 Prozent der Bewerber die Anforderungen nicht mitbrächten und sich diese Zahl im Sinkflug befinde. Um diese Defizite auszugleichen, gehe das Unternehmen den Weg schulische Inhalte innerbetrieblich aufzuarbeiten. Überdies bedauerte er, dass die Primärtugenden – Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Dankbarkeit und Freundlichkeit – bei den Schüler wenig ausgeprägt sind.

Dass sich auch das Berufsbild des Lehrers gewandelt habe, war ebenfalls Thema. Familiär und gesellschaftlich bedingte Defizite verlagern sich mittlerweile in die Schule. „Lehrer haben nicht nur ihren Bildungsauftrag zu erfüllen, sondern müssen oft auch Erzieher oder Sozialpädagoge sein“, so eine Lehrerin aus der Zuhörerschaft. Dass für Hauptschüler die Chancen auf einen qualifizierten Ausbildungsplatz auf Grund der steigenden Anforderungen immer weniger werden, verheimlichte Waldschmidt nicht.

Andererseits, meinte der Bauunternehmer Michael Grebe, erhalte der Beruf des Handwerkers immer mehr ein negatives Image, und keiner wolle diese Berufe mehr lernen. Ein regeres Interesse von Schülern für den Ausbildungsberuf und Betrieb wurde als grundsätzlicher Wunsch geäußert.

von Martina Becker

Anzeige