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Hinterland Erleichterung für Cannabis-Gärtner
Landkreis Hinterland Erleichterung für Cannabis-Gärtner
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18:53 21.04.2016
Richter Frank Oehm hat eine Haftstrafe gegen einen Drogendealer in eine Bewährungsstrafe umgewandelt. Quelle: Oliver Berg/dpa
Marburg

Rund 40 Hanfpflanzen züchtete der Amateur-
Gärtner heimlich im Keller seines Hauses, in dem er mit seinen beiden Kindern im Südkreis lebte. Noch vor der ersten großen Ernte wurde der heute scheinbar geläuterte Ex-Drogenhändler erwischt.

Den Ausschlag vor dem Marburger Landgericht gab die glaubhafte Beteuerung des 41-Jährigen, dass er das Marihuana größtenteils zum Eigenbedarf anbaute, weniger für den profitablen Verkauf. Entsprechend hob die Berufungskammer die drohende Haftstrafe für den seit dem Auffliegen seiner Heim-Plantage abstinent 
lebenden Familienvater auf. Das Amtsgericht hatte ihn Ende des vergangenen Jahres wegen unerlaubtem Besitz, Anbau sowie Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge zu einer Gefängnisstrafe von 22 Monaten verurteilt.

Ab Mitte 2014 begann der Mann eine wachsende Hanfplantage heranzuziehen. Utensilien und Informationen beschaffte er sich aus dem Internet. Nach vier Monaten verkaufte er wenige Gramm aus dem ersten Probeschnitt seiner Ernte. Nur eine Woche später stand die Polizei vor der Tür und fand in der Drogenküche rund 300 Gramm fertiges Marihuana mit einem THC-Wirkstoffgehalt von insgesamt rund 20 Gramm.

Als Ursache für sein Handeln nannte der Angeklagte finanzielle Gründe und eine wachsende „Krise“ vor zwei Jahren. Er hatte Schulden, wurde geschieden, verlor seine Arbeitsstelle und hielt sich mit Halbtagsjobs über Wasser, meldete schließlich Privatinsolvenz an, zählte der Mechaniker auf.

Richter glaubt an positiven Einfluss der neuen Ehefrau

In die Drogenproduktion sei er jedoch nur gegangen, um den eigenen Marihuana-Konsum zu finanzieren – aufgeben wollte er das Kiffen nicht, „ich wollte aber das Geld sparen“, erklärte der 41-Jährige, der durchgehend seit seiner Jugend Betäubungsmittel konsumiert. Einen florierenden Handel aufbauen wollte er angeblich nicht.

Das glaubte ihm Richter Dr. Frank Oehm nicht ganz: „So viel kann man gar nicht selber wegrauchen“, zweifelte der Vorsitzende. Dass seine kleine Plantage dermaßen gut gedieh, habe 
ihn selbst überrascht; seit der Hausdurchsuchung, die seine Drogenkarriere jäh beendete, 
lebe er streng drogenfrei und in einer neuen, stabilen Ehe, beteuerte der Angeklagte.

Nachdem er erwischt worden 
war, nahm er an einer Gesprächstherapie teil. Die Ärzte bestätigten ihm einen positiven Lebenswandel und „eine gute Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion“. Seine versprochene THC-Abstinenz „erscheint glaubhaft“, so das Gutachten. Auch drei entsprechende Drogenscreenings waren alle­samt unauffällig. Negativ ins Gewicht fallen dagegen diverse Vorbelastungen: Der Mann ist mehrfach wegen Drogenhandel vorbestraft, saß deswegen vor zwölf Jahren schon einmal im Gefängnis.

Auflage: 100 Arbeitsstunden

Zum Glück für den illegalen Hobby-Gärtner attestierte ihm das Gericht neben einer positiven Sozialprognose eine „re­lativ moderate Überschreitung“ der gesetzlichen Grenze der sogenannten nicht geringen Menge von Betäubungsmitteln. Im Bezirk liegt die bei siebeneinhalb Gramm.

Die Kammer hob das Urteil der ersten Instanz schließlich auf und verurteilte den Mann wegen unerlaubtem Besitz von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge sowie in Tateinheit mit unerlaubtem Handeltreiben zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt sind. Zudem hat der Familienvater 100 gemeinnützige Arbeitsstunden abzuleisten.

Ob dessen Beteuerungen alle 
so ganz genau stimmten – davon war der Richter nicht ganz überzeugt. Doch scheinbar habe der Täter tatsächlich „den Turn-around“ geschafft und werde wohl, unter anderem mithilfe der Ehefrau, die ihm auf die Finger schaut, nicht erneut straf­fällig werden.

von Ina Tannert