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Hinterland „Er hat immer viele Fotos gemacht“
Landkreis Hinterland „Er hat immer viele Fotos gemacht“
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19:03 18.05.2017
Vor dem Landgericht Marburg muss sich seit Dienstag ein 56-Jähriger verantworten, der seine Stieftochter jahrelang vergewaltigt haben soll. Beim Prozessauftakt war auch das Fernsehen dabei. Quelle: Christian Röder
Marburg

Laut Anklage soll die heute 34-Jährige in ihrer Kindheit von dem 56-jährigen Angeklagten mehrmals vergewaltigt worden sein. Die Frau schilderte am Donnerstag ihre Sicht dessen, was in der Anklageschrift nüchtern mit „durch mindestens 42 Handlungen dafür gesorgt zu haben, sexuelle Handlungen an sich zu dulden“ beschrieben ist. Mehr als vier Stunden tagte das Gericht dafür unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Die heute 34-Jährige sei vor ihrer Aussage „sehr ängstlich“ gewesen, sagte ein Angehöriger der Frau. Doch bereits zum Prozessauftakt am Dienstag hatte ihr Ehemann erklärt: „Sie hat sich fest vorgenommen, im Laufe des Prozesses noch auszusagen.“

Bereits am Dienstag hatte sich das Gericht unter dem Vorsitz von Dr. Thomas Wolf ein erstes Bild von der Frau gemacht (die OP berichtete): Es wurden Teile eines Videos der richterlichen Vernehmung des mutmaßlichen Opfers gezeigt. Darin hatte die Frau erzählt, dass sie den sexuellen Kontakt mit ihrem Stiefvater nicht zur Sprache brachte, weil sie Angst gehabt hätte, dass die Familie zerbricht und ihre Mutter einen Drogenrückfall erleidet.

Am Donnerstag hörte das Gericht nach der Aussage des mutmaßlichen Opfers noch die Schwester des Angeklagten. Die 50-jährige Hausfrau aus Biedenkopf berichtete von gemeinsamen Urlauben und einem harmonischen Familienleben. Das Verhältnis zwischen dem 56-Jährigen und seiner Stieftochter sei ein gutes gewesen. „Er hat sie behandelt wie seine eigenen Kinder.“ Der Angeklagte hat mit seiner Ex-Frau noch zwei eigene Kinder.

18-Jährige: Ein Mal an intimen Stellen angefasst

Die Schwester des Angeklagten berichtete auch von einem gemeinsamen Nordseeurlaub. Dort soll es laut Anklage auch zum Missbrauch der Stieftochter gekommen sein. Etwas, das die Schwester ausschloss. „Wir waren immer zusammen. Es war ein schöner Urlaub.“

In der zweiten Hälfte des Prozesstages kam ein weiterer Anklagepunkt zur Sprache, der bislang nicht ausgeführt wurde. Laut Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier hat der 56-Jährige in einem Fall „sexuelle Handlungen“ an der Tochter einer weiteren Lebensgefährtin vorgenommen.

Was das bedeutete, schilderte die heute 18-Jährige aus der Gemeinde Dautphetal. „Er hat mich ein Mal an Stellen angefasst – was ich nicht wollte“, sagte die junge Frau vor Gericht. Auf Nachfrage der Richter führte sie aus, der Angeklagte habe ihr in den Schritt und an die Brust gefasst. Dabei habe er gefragt, ob es ihr gefalle. „Ich habe ,Nein‘ gesagt und bin gegangen“, sagte die heute 18-Jährige, die angab, bei „dem Vorfall vielleicht zwischen neun und zehn Jahre alt“ gewesen zu sein.

Und: „Er hat immer viele Fotos von mir gemacht – wenn ich im Bikini war oder in Unterwäsche“, erzählte sie aus ihrem Alltag mit dem heutigen Ex-Freund ihrer Mutter. „Eigentlich haben wir uns immer gut verstanden. Doch im Nachhinein denke ich, das war Vorsatz von ihm, weil er an mir interessiert war“, mutmaßte die junge Frau.

Weiteres mutmaßliches Opfer sagt aus

Nach „dem Vorfall“ habe sich die Beziehung von ihr zu dem ehemaligen Lebensgefährten ihrer Mutter gewandelt. „Ich war nicht mehr so gerne mit ihm alleine. Ich habe mich einfach nicht mehr wohlgefühlt.“ Allerdings sei nie wieder etwas passiert.

Die Mutter des mutmaßlichen zweiten Opfers des Angeklagten, eine 42-jährige Dautphetalerin, berichtete von der fünfjährigen Beziehung zu dem Mann, der vor Gericht steht. Das Prägnanteste: „Als Frau war ich nicht wirklich interessant für ihn – anfangs vielleicht noch, später eher nicht.“

Ähnliches hatte auch die Mutter des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers zu Prozessbeginn gesagt; dass der Angeklagte sie „nicht mehr als Frau gesehen“ hätte. Ihr Sexualleben sei praktisch nicht existent gewesen.

Der Prozess vor dem Marburger Landgericht wird am Montag, 22. Mai, fortgesetzt. Dann werden Sachverständige zwei Gutachten vortragen. Am Dienstag, 23. Mai, sollen die Schlussvorträge der Staatsanwältin und des Verteidigers vorgetragen sowie das Urteil gefällt werden. Die Plädoyers werden wohl ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehalten.

von Christian Röder

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