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Enteignungen ausgeschlossen

Bürgerversammlung Enteignungen ausgeschlossen

Ob und wie viele Windkraftanlagen rund um Herzhausen installiert werden, entscheiden maßgeblich die Privatwaldbesitzer, die mehr als 90 Prozent der geplanten Vorrangflächen besitzen.

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In der dreistündigen Bürgerversammlung verfolgten die Gäste im Herzhäuser Bürgerhaus die Vorträge der Gemeindevertreter (kleines Foto) und beteiligten sich an der Diskussion.
Fotos: Peter/Fain/Gemeinde/ IG Franzosendrusch

Herzhausen. In der dreistündigen Bürgerversammlung in Herzhausen standen am Mittwochabend Informationen zur Planung der Windenergieanlagen in Herzhausen im Mittelpunkt (die OP berichtete). Dautphetals Bürgermeister Bernd Schmidt stellte heraus, dass die in Betracht kommende Fläche für Windkraftanlagen zu mehr als 90 Prozent in Privatbesitz sei. Mit dem Anmelde-Verfahren wolle die Gemeinde Planungshoheit erreichen, um mitzusteuern, ob und wie viele Windkrafträder gegebenenfalls installiert würden. Eine Verwirklichung dieses Projekts könne nur miteinander funktionieren. Im Moment befinde sich das Planungsverfahren für die Regionalplanergänzung beim Regierungspräsidium (RP) Gießen in der Vorstufe.

Torsten Ronzheimer von der IG „Franzosendrusch“ sprach sich für die Erhaltung naturnaher Landschaften aus und stellte die Frage, ob der Windanfall in Herzhausen ausreiche, um Windkraftanlagen wirtschaftlich zu betreiben. Fachbereichsleiter Hermann Henkel erklärte, dass ein Windgutachten des TÜV‘s Hessen-Süd aus dem Jahre 2011 seitens des RP zu Grunde gelegt worden sei. Gleichwohl könnten eventuelle Investoren selbst Windmessungen vornehmen lassen. Diplomgeograf Matthias Wolf vom Planungsbüro Fischer ging daraufhin auf den Landesentwicklungsplan ein, der Mindestwerte der Windgeschwindigkeiten für Windkraftanlagen von 5,75 Metern pro Sekunde vorsieht.

André Nowotny von der IG Franzosendrusch fragte: „Wo war Ihre umfassende Bürgerbeteiligung und wie wurden die Bürger Herzhausen hierbei beteiligt?“ Bürgermeister Schmidt verwies darauf, dass die Ortsbeiräte zeitnah über das Projekt Windkraftanlagen unterrichtet worden seien und in Herzhausen auf Einladung des Ortsbeirates am 4. Juni eine Informationsveranstaltung stattfand, wobei die deutliche Mehrheit die ins Auge gefasste Planung billigte.

Planer Wolf wies darauf hin, dass die Bürgerbeteiligung im BImSch-Verfahren eher gering sei, weshalb die Gemeinde auf eine frühzeitige Bürgerbeteiligung gesetzt habe, um Ergebnisse aus dieser Beteiligung in die Entscheidungsfindung mit einfließen zu lassen.

Privatbesitz: 90 Prozent der Potenzialflächen

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Joachim Ciliox sprach sich für die Windkraft aus und betonte, dass selbst, wenn einige gegen dieses Projekt seien, dies nicht zum Scheitern des Projektes führen dürfe. Auch müsse es die Möglichkeit geben, dass sich die Bürger über eine Genossenschaft an diesem Windpark beteiligen und davon finanziell partizipieren.

Parlamentschef Gerd Raach stellte nochmals klar, dass mehr als 90 Prozent der Potenzialfläche „Windkraft“ im privaten Besitz seien. Wenn die große Mehrheit in Herzhausen diesen Windpark nicht wünsche, würde dieser vermutlich auch nicht verwirklicht. Die Bedenken der Bürger würden ernst genommen und in eine Entscheidungsfindung einbezogen. Diese würden sich die Verantwortlichen nicht leicht machen. In Dautphetal habe die Gemeinde Planungshoheit und würde davon Gebrauch machen.

Dieter Jurkat aus Holzhausen warf in die Diskussion ein, dass Off-Shore-Anlagen die Gewinnsituation gegenüber Anlagen im hiesigen Raum um 70 Prozent erhöhen. Manfred Roth vertrat die Meinung, dass sich Herzhausen bei der Windparkplanung in einer besonderen Situation befinde, weil andere Vorranggebiete in Dautphetal weiter von der Wohnbebauung entfernt seien. Er hoffe, dass sich die Situation entschärfe, wenn das Areal „Eichelhardt“ als Potenzialfläche herausfalle. Wie die OP berichtete, hatte der Bürgermeister erklärt, dass die Gemeinde diese Fläche nicht beantragt habe und beim RP darauf hinwirke, dass sie aus dem Entwurf entfernt wird.

Bebauungsplan legt Zahl der Windräder fest

Martin Koch ging auf den Landesentwicklungsplan ein, der für eine Windkraftanlage eine Fläche von zehn Hektar vorsehe, was theoretisch für das Gebiet um Herzhausen bedeute, dass 40 Anlagen installiert werden könnten. Koch sprach sich dafür aus, dass es bei einer Verwirklichung des Projekts bei fünf Anlagen bleiben möge. Wolf führte dazu aus, dass über den Flächennutzungsplan und späteren Bebauungsplan die Kommune die Anzahl der Windräder festlegen könne.

Zuvor hatte Joachim Wierlemann vom Regionalverband Hessen des Bundesverbands Windenergie anhand von Fotomontagen, die er im Auftrag der Gemeinde erstellte, gezeigt, wie es auf dem Herz­häuser Höhenrücken einmal aussehen könnte. Wierlemann widersprach dabei der am vorigen Mittwoch während der Veranstaltung der IG Franzosendrusch aufgestellten Vermutung, dass bis zu 80 Windräder auf dem Dusen-, Kalten- und Streichenberg entstehen würden.

Gemeindepolitiker äußern sich Pro Windkraft

Dies sei aus wirtschaftlichen Gründen nicht sinnvoll: Damit sich die Windräder nicht gegenseitig den Wind „wegnehmen“, müssten sie in einem Abstand zueinander stehen, der das 6-fache des Rotordurchmessers betrage. Außerdem seien nur Standorte an den höchsten Stellen sinnvoll, denn jeder Höhenmeter weniger bedeute einen Prozentpunkt weniger an Ertrag. Die die beispielhaft gezeigten fünf Standorte erhöhten sich im Laufe des Abends auf 8, dann auf 12.

Torsten Ronzheimer vertrat die Meinung, dass er, auch bei einem Wegfall der Fläche „Eichelhardt“, keine echte Entschärfung sehe und fragte die Podiumsrunde: „Sind Sie bereit, unsere schöne Kulturlandschaft für einen Windpark zu opfern?“

Eine Energiewende führe auch dazu, dass sich Teile des Landschaftsbildes veränderten, sagte Ciliox dazu. CDU-Fraktionschef Dr. Horst Falk sprach die Hoffnung aus, dass das Thema Windkraft in Herzhausen ein harmonisches bleibe. Viele seien gegen Atomkraft und einige davon auch gegen Windkraft. Es müsste ausgekundschaftet werden, was in Herzhausen ökologisch und ökonomisch machbar sei und eine Entscheidung herbeigeführt werden.

Michael Honndorf (FW) wies darauf hin, wie wichtig es sei, dass die Planungshoheit bei der Gemeinde liege, denn Dautphetal wolle nicht von anderen beplant werden. Dem stimmte Herzhausens Ortsvorsteher Klaus Ronzheimer (FW) zu.

Auf eine Anfrage aus der Versammlung teilte Bürgermeister Schmidt mit, dass die zur Windenergie stehende Gemeinde, keine Waldstücke enteignen werde, um den Windpark verwirklichen zu können. Eine genossenschaftliche Beteiligung bei diesem Projekt durch die Bürger werde seitens der Gemeinde unterstützt.

Ein anderer Teilnehmer führte an, dass es aber kein genossenschaftlicher Gedanke sei, wenn einige von den Windkrafträdern partizipieren und andere durch diese Anlagen einen Wertverlust ihrer Immobilien hinnehmen müssen. Daraufhin meldeten sich zwei Waldbesitzer zu Wort, die ankündigten, eine genossenschaftliche Lösung anzustreben und intelligente Lösungen dazu vorstellen wollen, weil sie keine Windkraftanlagen „gegen das Dorf“ entstehen sollen.

Beide Seiten sind zufrieden mit Bürgerversammlung

„Gut.“ Das sagte gestern Bürgermeister Bernd Schmidt auf Anfrage der OP zum Verlauf der Bürgerversammlung. Diese sei sachlich verlaufen und die Gemeinderepräsentanten hätten versucht, die Fragen, die viele bewegen, zu beantworten. „Ich würde mich freuen, wenn es so weitergeht“, sagte Schmidt. Die Gemeinde werde das Gespräch weiter suchen und führen.

„Sehr sachlich“, fand auch Florian Koch die Veranstaltung und das würden alle Vertreter der IG Franzosendrusch ebenso empfinden. Positiv sei besonders die Äußerung aufgenommen worden, dass die Herzhäuser es selbst in der Hand hätten, ob Windkraftanlagen (WKA) auf ihrem Höhenzug aufgestellt werden. Negativ sei dagegen die Darstellung aufgestoßen, dass auf dem Höhenzug bei Herzhausen nur 5 WKA hinkommen würden. „Da haben sich einige sehr drüber aufgeregt“, sagte Florian Koch.

von Klaus Peterund Gianfranco Fain

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