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Eine Kugel Eis mit Nostalgie, bitte!

Neuer Schwung für alte Idee Eine Kugel Eis mit Nostalgie, bitte!

Vanille und Schokolade sind immer an Bord. Maracuja muss sich erst bewähren. Mit dem Eisauto kommt nicht nur die kühle Erfrischung sondern auch eine Portion Nostalgie zurück in die Dörfer.

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Pino verkauft Eis aus Leidenschaft. Beim Läuten der Glocke setzt er noch immer auf echte Handarbeit. Der 39-Jährige ist nicht der einzige Eisverkäufer im Landkreis, der die entlegenen Orte wieder für sich gewinnen will.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Es gibt sie, die kleinen Panikmomente, die das Kindesalter prägen. Dann, wenn das Eisauto klingelt, die Eltern aber einfach nicht reagieren. Niemand da ist der sagt: „Komm, eine Kugel darf es sein.“ Das Klingeln des Eismanns, das Rennen zur Straße, das Warten auf das Auto, das um die Ecke biegt - genau dieses Kindheitsgefühl wollen einige Eishersteller aus der Region wieder in bare Münze umwandeln.

So auch Marcello Camerin, Betriebswirt und Gründer von Eis-Café Camerin. „In diesem Jahr haben wir das Eisauto wieder aus der Versenkung geholt“, erklärt er. In der kommenden Saison soll das Auto den Großraum Marburg anfahren. „Manchmal muss man eben wieder zurück zu den Wurzeln. Die Leute wissen noch immer: Wenn geklingelt wird, dann kommt entweder das Bäcker- oder das Eisauto“, ist sich Camerin sicher. Er hat sich für sein Nostalgieprojekt einen erfahrenen Partner an die Seite geholt. Pino nennt er sich. Nachname? Unwichtig! Schließlich will er Eis verkaufen. Dafür braucht es keinen Nachnamen. Wohl aber eine goldene Glocke. Denn Pino setzt beim Läuten noch auf echte Handarbeit. Der 39-Jährige soll ab der nächsten Saison mit dem kleinen, roten Eisauto die Dörfer rund um Marburg anfahren. Er weiß: Aller Anfang wird schwer. Immerhin muss sich erst wieder herumsprechen, dass ein Eiswagen seine Runden dreht.

Mit italienischem Akzent und einer gehörigen Portion Charme stellt er die berühmte „Waffel-oder-Becher-Frage“. Er selbst gesteht: „Ich esse keine Eise“. Nur einen Milchshake dann und wann. 24 Sorten kann Pino in seinem kleinem Auto anbieten. Die Klassiker Stracciatella, Erdbeere und Schokolade hat er immer an Bord. Zur Kür gehören die Neukreationen der Saison. Maracuja oder Baccio.

Pino fährt, klingelt und stutzt. An dem Ort, an dem er an diesem Tag eigentlich sein Glück versuchen wollte, steht schon ein weiteres Eisauto. Landsmann Antoni lehnt sich aus dem Fenster seines weißen Eisbusses. Begrüßung per Handschlag, Fachsimpeln über die Essgewohnheiten der Laufkundschaft, Abfahrt. Eisverkauf ist eben Ehrensache. „Wenn Antonio schon da stehte, kanne iche nicht auch hier sein“, erklärt er und fährt davon.

Im Wageninneren wirbelt der Kunstschnee in der kleinen Kalabrien-Schneekugel wild durcheinander. Es ist ein stürmisches, ein wetterabhängiges Geschäft. Nur durch den Straßenverkauf, weiß Pino, würde es sich kaum lohnen. Auf Anfrage steht der 39-Jährige mit seinem mobilen Eiswagen auch auf Hochzeiten, Firmenfesten oder Geburtstagen.

Auf diese Geschäftsidee setzt auch Giorgio Mancuso, Eishersteller im Bistro Aroma. Er belädt seinen Eiswagen nur dann, wenn er auch gebucht wird. Beispielsweise bei Festen in der Event-Scheune in Dagobertshausen, bei denen die Eisversorgung gleich mitgebucht wurde. Schon seine Eltern waren mit dem Eisauto unterwegs. „Damals kostete eine Kugel 20 Pfennig. Heute glaube ich, dass es sehr schwer ist, ausschließlich Ortschaften anzufahren. Die Leute brauchen eine Zeit, um sich an das Angebot zu gewöhnen. Wenn die Saison verregnet ist, fällt das Geschäft ins Wasser.“ Mancuso will seinen Wagen nur gezielt einsetzten. „Der klassische Eismann ist fast ausgestorben“, ist er sich sicher.

Stimmt nicht - widerspricht ihm da Pina Biscardi-Pairillo. Sie führt in der zweiten Generation das Eiscafé Silano in Lollar. Zu dem Café gehören drei Eiswagen. Seit 1972 beliefern sie über 60 Orte im ganzen Landkreis. Änderungen in der Routenplanung gibt es seither nur selten. Eiskäufer mögen Verlässlichkeit. „Das ist ein sehr wetterabhängiges Geschäft. Da muss scharf kalkuliert werden“, bekennt Pina Biscardi-Pairillo. Das Geschäft steht und fällt mit dem Verkäufer. „Man braucht Leute, denen das Spaß macht. Die gerne bei Hitze und auch bei Regen die Tour fahren.“

40 Jahre im Eisgeschäft haben sie zu einem Entschluss kommen lassen: Nostalgie ist ein guter Vertrauensvorschuss. Am Ende, da muss aber die Qualität überzeugen. Sonst ist der Weg zum Eis aus der Supermarkttruhe nicht weit.

von Marie Lisa Schulz

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