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Eine Ära geht heute zu Ende

Marburger Arbeitsgericht Eine Ära geht heute zu Ende

Zehn Verhandlungen stehen auf der Tagesordnung von Arbeitsgerichtsdirektor Hans Gottlob Rühle für den heutigen Tag. Es werden, kommt kein Eilverfahren mehr, die letzten in Marburg sein.

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Bereits am Dienstag fand die letzte Kammersitzung des Marburger Arbeitsgerichtes statt, die von Hans Gottlob Rühle (Mitte) geleitet wurde. Unterstützung erhielt er von seinen Beisitzern Dieter Ohlsen (links) und Klaus Nitschkowski.

Quelle: Katharina Kaufmann

Marburg. Wehmut und Trauer haben Hans Gottlob Rühle dieser Tage fest im Griff. „Es ist schon komisch, wenn auf der Post plötzlich der Briefkopf vom Arbeitsgericht Marburg verschwunden ist“, sagt er. Ersetzt wird die seit vielen Jahren bestehende Anschrift in der Marburger Gutenbergstraße durch eine neue Adresse in Gießen.

Dorthin zieht das Arbeitsgericht Marburg nach der Entscheidung des Hessischen Landtages, dass die Arbeitsgerichte Gießen, Marburg und Wetzlar ab 2012 zu einem einzigen Gericht  werden (die OP berichtete).

Grund genug für Rühle also wehmütig zu sein. „Marburg war ein Biotop, das sehr fruchtbar war“, sagt er mit Blick in die Vergangenheit. Trotz seiner kleinen Größe mit nur drei Kammern, habe das Arbeitsgericht Marburg in seiner Historie sehr viel bewirkt und sei bundesweit bekannt und auch anerkannt gewesen.

Schuld daran war nicht zuletzt auch Rühle selbst. Mit seiner Leidenschaft für Kunst, sorgte er für einen wahrlich „kunstvollen“ Sitzungssaal, der deutschlandweit seinesgleichen sucht. Und mit seiner Leidenschaft für deutliche Worte, sorgte er für einen hohen Unterhaltungswert in den Prozessen. Nicht nur urteilen, sondern auch erklären, lautete dabei stets seine Devise.

Aber auch die Entscheidungen, die das Arbeitsgericht Marburg in der Vergangenheit fällte, erlangten teilweise landesweite Bedeutung. So zum Beispiel die „Viessmann-Entscheidung“. Als es dem Unternehmen aus Allendorf/Eder wirtschaftlich schlecht ging, sollten die Arbeitnehmer, drei Stunden Mehrarbeit pro Woche leisten, ohne dafür einen entsprechend höheren Lohn zu bekommen.

Auch die Privatisierung der Universitätskliniken Gießen und Marburg wurde vor dem Arbeitsgericht Marburg verhandelt: „Ich habe damals gesagt: Nur Sklaven kann man verkaufen. Und Mitarbeiter sind nunmal keine Sklaven“, berichtet der Arbeitsgerichtsdirektor.

Etwa 70.000 bis 100.000 Klagen gingen in den vergangenen 65 Jahren beim Marburger Arbeitsgericht ein, hat Rühle hochgerechnet. Einer der Hauptkunden sei über mehr als 30 Jahre hinweg die Firma Monette aus Marburg gewesen. „Die haben hier bestimmt um die 100 Prozesse geführt, bei denen auch immer wieder von Mitarbeitern vor dem Gerichtsgebäude demonstriert wurde“, erzählt er.

In einem anderen Fall ging es um die Frage, ob einer Frau, die sich einer Hormonbehandlung unterzogen hatte und die daraufhin krank geworden war, der Lohn weitergezahlt werden muss oder nicht. „Wir haben ,Ja‘ gesagt“, berichtet Rühle: „Und damit für viel Wirbel gesorgt.“

Für seine kleine Größe hat das Marburger Arbeitsgericht zudem eine Fülle von bedeutenden Richterpersönlichkeiten hervorgebracht: Dr. Johannes Feller war am Bundesarbeitsgericht tätig, Hilger Keil war Präsident des hessischen Landesarbeitsgerichtes und Professor Dr. Friedhelm Rost war Vorsitzender Richter des Kündigungssenats am Bundesarbeitsgericht. Alle drei war zuvor Direktoren des Arbeitsgerichts in Marburg. Die beiden ehemaligen Marburger Arbeitsrichter Dr. Helga Laux und Joachim Thöne haben ebenfalls Karriere gemacht. Während Laux Richterin am Bundesarbeitsgericht ist, ist Thöne Direktor des Arbeitsgerichtes Emden.

Das alles ist es nun vorbei. „Ich bin sehr traurig, dass die Tradition des Marburger Arbeitsgerichtes zu Ende geht“, bekennt Rühle. Trauer und Wehmut schwingen in der Stimme mit. Den heutigen Verhandlungstag wird der Arbeitsgerichtsdirektor deshalb wohl noch einmal ausgiebig genießen.

von Katharina Kaufmann

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