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Ein Moralapostel auf Abwegen

Schöffengericht Marburg Ein Moralapostel auf Abwegen

Knapp 200.000 Euro erschwindelte ein Erzieher durch einen einfachen Trick. Die Tat flog auf, Anzeige wurde nicht erstattet. Erst ein anonymer Hinweis brachte die Ermittlungen ins Rollen.

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Mit einer Frankiermaschine produzierte der 33-Jährige Bad Endbacher zahllose Fehldrucke – meist teure Auslandsfrankierungen – und ließ sich das Geld von der Post erstatten.

Quelle: Montage: Pavlenko

Marburg. Er selbst bezeichnet sich als Moralapostel. Einen Gescheitertern, wohlbemerkt. Als einen gläubigen Christen, der seine Werte verraten und sich selbst, seine Familie und Freunde betrogen hat.

Der 33-Jährige Angeklagte ging mit sich selbst wohl am härtesten ins Gericht. Sein Geständnis: Eine Mischung aus Erklärungsversuchen und Entschuldigungen. Der Tatvorwurf: Untreue – in 31 Fällen.

Der Erzieher, der bei den Lebenshilfewerken angestellt war, hatte zwischen den Jahren 2007 und 2010 insgesamt 196.096 Euro unrechtmäßig auf sein privates Konto überwiesen. Das Geld bekam er von der Deutschen Post.

Die Lebenshilfewerke, die einen Vertrag mit der Post abgeschlossen haben, übernehmen die Frankierarbeiten für Großkunden. Sollte bei der Massenfrankierung Fehler auftreten, wird das Porto zurückerstattet.

Diesen Umstand machte sich der 33-Jährige zu Nutze und begann im großen Stil Fehlfrankierungen zu produzieren und einzureichen. Zwischen 2.000 und 17.000 Euro im Monat überwies ihm die Deutsche Post AG auf sein Privatkonto, das er unter dem Deckmantel der Lebenshilfewerke führte.

„Es war, als ob ich eine Gelddruckmaschine besitze. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas nehme, was gar nicht existiert“, erklärt der 33-Jährige vor Gericht. In den ersten Jahren fiel der Betrug nicht auf.

Der Angeklagte nutzte die Finanzspritze, um den Ausbau seines Hauses voranzutreiben, seinen Lebensstil anzuheben. Urlaube, eine prunkvolle Hochzeit, ein (geld)sorgenfreies Leben eben.

„Mein damaliges Verhalten ist enttäuschend . Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an die Geschehnisse denke“, so der 33-Jährige. Die Unstimmigkeiten in den Abrechnungen fielen auf, der Erzieher geriet umgehend unter Verdacht.

In einem Gespräch mit seinem ehemaligen Chef räumte er alle Vorwürfe ein, gestand seinem Arbeitgeber die Taten. Dieser sah von einer Anzeige ab, machte jedoch zur Bedingung, dass die Schadenssumme ersetzt werden müsse.

Mit der Hilfe von Krediten und Familienmitgliedern brachte der 33-Jährige die 200.000 Euro zusammen. Doch das Schweigen des Arbeitgebers schien nicht überall auf Verständnis zu stoßen.

Ein anonymer Briefeschreiber informierte nicht nur die Staatsanwaltschaft über das Verbrechen, sondern auch das soziale Umfeld des Beklagten.

Für den Erzieher und Kommunalpolitiker die persönliche Höchststrafe. „Ich lebe komplett zurückgezogen, damit ich aus der Schusslinie komme. Meine Ehe hängt am seidenen Faden“, erklärt der Bad Endbacher niedergeschlagen. „Ich hätte gerade mir so ein Fehlverhalten nicht zugetraut.“

Mit einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, ausgesetzt zu einer dreijährigen Bewährungsfrist, blieb die Richterin deutlich unter dem geforderten Strafmaß. „Der Angeklagte wird noch lange an seine Taten erinnert werden“, ist sie sich sicher.

Die wahre Strafe liege in der Schwere des Alltags. Durch den Verlust von Freunden, den Ausschluss vom sozialen Leben. Nicht nur das Geständnis wirkte sich auf das milde Urteil aus, sondern auch die Tatsache, dass der Betrug über Jahre hinweg unbemerkt bleiben konnte.

von Marie Lisa Schulz

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