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Hinterland Ein Heim für alte Menschen
Landkreis Hinterland Ein Heim für alte Menschen
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16:29 09.05.2017
Der gesamte Bereich von der Hospitalkirche (vorn) bis hin zur heutigen Metzgerei Ruppersberger (ganz im Hintergrund) war seinerzeit mit Hospitalgebäuden – Wohnhaus, Küche, Ställen und Wirtschaftsgebäuden – bestellt. Quelle: Susan Abbe
Biedenkopf

Bis heute erinnern die Namen der Hospitalkirche und der Hospitalstraße an das einstige Spital. Genau in diesem Bereich entstand im 15. Jahrhundert das Hospital, zu dem über Jahrhunderte hinweg ein ganzer Gebäudekomplex gehörte. So war der gesamte Bereich zwischen der heutigen Metzgerei Ruppersberger und der Kirche mit Hospitalgebäuden bestellt. Neben einem Haupt- und Wohnhaus, der Küche, Scheunen, Ställen und Wirtschaftsgebäuden gehörte auch die Hospitalkirche dazu.

Der Name Spital oder Hospital führt heute allerdings ein wenig in die Irre. Denn ein Krankenhaus im engeren Sinne war das „Spital zum Heiligen Geist“ nicht. Es handelte sich eher um eine Art Altenheim: ein Haus, in dem zwölf oder mehr alte, gebrechliche Leute, die nicht mehr für sich selbst sorgen konnten, aufgenommen wurden. Bemerkenswert ist dabei, dass die Bewohner aus allen Ständen kamen. Nicht nur arme, sondern auch begüterte alleinstehende Menschen lebten im Spital.

Für ihren Unterhalt brachten die Bewohner einen Zuschuss ein, der sich vermutlich nach ihrem Vermögen richtete. Allein mussten sie und ihre Angehörigen indes nicht für die Versorgung aufkommen. Denn beim Biedenkopfer Hospital handelte es sich von Anfang an um ein soziales Hilfswerk. Abgesichert war es durch die Hospitalstiftung.

Umbruch im Jahr 1826

Die Stiftungsurkunde vom 9. Mai 1417 ist bis heute erhalten. Aus ihr geht hervor, dass Landgraf Ludwig I. von Hessen dem Freiherrn Gerlach von Breidenbach zu Breidenstein erlaubte, „ein ewiges Siechenspital“ und eine „Kapelle“ zu bauen, und zwar „vor unserer Stadt Biedenkopf auf einem Acker, genannt am Galgenberg“.

Die Freiherren von Breidenbach waren mächtige Adlige in der Region. Im weiteren Sinne­ zur Familie gehörte auch der zweite Stifter der Hospitalstiftung: Es handelte sich um Hermann von Löwenstein, den Ehemann der Stieftochter Gerlachs.

Die beiden Stifter statteten das Hospital mit viel Grundbesitz aus. Güter in Biedenkopf, Wehrshausen, Damshausen, Wollmar oder Holzhausen gehörten dazu. Die Einkünfte­ aus dem Besitz sicherten den Fortbestand des Hospitals. Ein Gut zu Holzhausen beispielsweise lieferte jährlich fünf Fuhren Heu, drei Gänse, drei Hähne und ein Huhn. Verwaltet wurde das Stiftungsvermögen von Anfang an von der Stadt Biedenkopf und der Kirche gemeinsam, was nicht immer gut lief. So gab es im 18. Jahrhundert heftiges Kompetenzgerangel zwischen Pfarrer und Stadt.

Schlimmer als diese Reibereien war indes die finanzielle Lage der Stiftung Ende des 18. Jahrhunderts. Um 1800 war das Hospital hoch verschuldet. Die Folge war, dass es 1826 aufgelöst werden musste; die Hospitalgebäude wurden versteigert.

Grundbesitz wurde verkauft

16 Hospitaliten, also Bewohner, – mit Familiennamen wie Plack, Unverzagt, Cyriax, Heinzerling oder Wehn, die bis heute im Hinterland vertraut klingen – lebten bei der Auflösung noch im Hospital. Sie kamen in Privathaushalte zur Pflege; ihr Unterhalt wurde weiter aus der Stiftung bezahlt. Denn nach dem Verkauf des Hospitals blieb immerhin so viel Vermögen – insbesondere verpachteter Grundbesitz –, dass die Hospitalstiftung bestehen bleiben und der Stadt Biedenkopf einen jährlichen Zuschuss zur Armenpflege geben konnte.

Die Hospitalkirche blieb Bestandteil der Stiftung. Der Bau der Kirche war ja bereits 1417 zusammen mit der Stiftung genehmigt worden. Erfolgt war der Kirchenneubau zwei Jahre­ später, im Jahr 1419. Original aus dieser Zeit ist heute allerdings nur noch der Chor erhalten, in dem die Wappen der Stifter gleich mehrfach zu finden sind. Die Wandmalereien im Chor stammen aus dem 16. Jahrhundert. Das Kirchenschiff schließlich ist nicht mehr original. Es wurde 1617 umgestaltet und erweitert.

Der Erhalt des Kirchengebäudes aus Mitteln der Hospitalstiftung wurde im 20. Jahrhundert zum Problem. Überhaupt hatte die Stiftung immer weniger Geld zur Verfügung. Die Einnahmen aus dem verbliebenen Grundbesitz sanken. Bis zum Ersten Weltkrieg konnte die Stiftung noch 858 Mark pro Jahr für die Armenpflege geben, um 1960 schrumpften die Pachteinnahmen auf nur noch 700 Mark jährlich. Der Stiftungsvorstand beschloss deshalb, den Grundbesitz zu verkaufen, den Erlös zum Teil als Stiftungskapital anzulegen und zum Teil für die Kirchenrenovierung zu verwenden.

Jubiläumsfest an Pfingsten

Im Ergebnis verwaltet die Hospitalstiftung heute ein Vermögen von 160.000 Euro. Zinserträge fließen in die Unterstützung Bedürftiger und der Altentagesstätte. Ein Teil des Geldes wird zudem zum Erhalt der Hospitalkirche verwendet, die bis heute zur Stiftung gehört, aber der evangelischen Kirchengemeinde zur Nutzung überlassen wird.

Ihre Bestimmung als Gotteshaus hat die Hospitalkirche somit behalten. Auch die Regelung, dass Stadt und Kirche gemeinsam Verantwortung für die Hospitalstiftung tragen, hat die Jahrhunderte überdauert. Zum Stiftungsvorstand gehören laut Satzung der Biedenkopfer Magistrat, der Pfarrer und der Bürgermeister.

600 Jahre Hospitalstiftung und Hospitalkirche – dieses Jubiläum will die evangelische Kirchengemeinde Biedenkopf mit Stadt und Bürgern am Pfingstwochenende, 2. bis 4. Juni, feiern. Geplant ist ein Fest rund um die Kirche. Am Freitag, 2. Juni, ab 19 Uhr gibt es einen Festakt mit Beiträgen zur Stiftungsgeschichte, wenigen Grußworten und viel Musik. Neben geladenen Gästen – darunter Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (CDU) als Jubiläumsschirmherr – sind interessierte Bürger eingeladen.

  • Quelle: „555 Jahre Hospitalkirche Biedenkopf – Nachdruck eines Festvortrags von 1974“ (Vortrag von Elisabeth Margarete Idelberger), 3. Auflage, 2013. Weitere Informationen im Internet auf der Seite www.­ev-kirche-biedenkopf.de

von Susan Abbe

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