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Ein Hauch von Dschungelcamp

Wisent-Wildnis Ein Hauch von Dschungelcamp

Horno schüttelt sein nasses Fell und taucht die Umgebung in ein Meer glitzernder Tropfen. Dann schnaubt der mannshohe Bulle, der Atem strömt aus seiner Nase. Der größte Landsäuger Europas, er ist zurück in Wittgenstein.

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Da sind sie! Paul Breuer (rechts) hat die Herde entdeckt!
Fotos: Bernshausen

Wingeshausen. Hagelkörner liegen seit Stunden im Gras. Nur langsam durchbohren erste Sonnenstrahlen den Nebel, der schwerelos zwischen den Bäumen hängt. Äste krachen unter dem Tritt der Wanderschuhe, andächtig ist die Stille. Aufgeregt begeben sich die ersten Besucher in die Wisent-Wildnis. Beschwerlich sind die ersten Meter. Ob sie den „sanften Riesen“ auf der Tour begegnen werden, ist ungewiss.

Durch einen künstlichen Dachsbau führt der Weg ins Gehege. Nach einer halben Stunde entdeckt der Landrat die Herde im Tal. Als die Gruppe den Aussichtspunkt erreicht, kommt Leitkuh

„Gutelaune“ ihr entgegen. Die Jungtiere Faye, Fase und Quelle, die an der Seite von Horno stehen, zögern zunächst. Bernd Fuhrmann, Bürgermeister von Bad Berleburg und Vorsitzender des Trägervereins Wisent-Welt-Wittgenstein, weiß: „Das ist ein besonderer Moment!“

Mehr als 18 Monate haben er und alle Mitarbeiter der Eröffnung der „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ entgegengefiebert. Nun durchtrennten die Verantwortlichen das rote Band und stießen das „Guckloch“ auf, in ein für Westeuropa einzigartiges Artenschutzprojekt.

Seit zwei Jahren wird eine Wisent-Herde in Bad Berleburg auf ihre Auswilderung vorbereitet. Noch in diesem Winter plant der Verein die Freilassung. Die Wisente, die aus Tierparks nach Wittgenstein kamen, werden von Wissenschaftlern wieder scheu gemacht, erklärt Ranger Jochen Born. Allerdings ist das Interesse an den Tieren seit deren Ankunft enorm, sagt Bernd Fuhrmann.

Daher unterteilte der Verein das Projekt in den Wisent-Wald, das Auswilderungsprojekt, und die Wisent-Wildnis, in der sich bisher 5 Tiere in einem 20 Hektar großen Areal

entdecken lassen. Und die Herde wächst: Kurz vor der Eröffnung gebar „Gutelaune“ „Quattro“, den vierten in Wittgenstein geborenen Wisent, der in Kürze zur Herde stößt. Von der neugeschaffenen Attraktion verspricht sich Fuhrmann Impulse für die gesamte Region.

Die Idee zum Projekt auf eigenem Grund und Boden hatte die fürstliche Familie zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. Beim Amtsantritt von Bernd Fuhrmann 2004 legte Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg ihm ein Prospekt vor, mit Wisenten auf dem Cover, und damit den Grundstein. „Ohne Ihre Initiative und Unterstützung wäre das nicht machbar gewesen“, dankte Fuhrmann dem Prinzen, der von seiner Vision, die Natur nicht allein zu erhalten, sondern ihr

etwas hinzuzugeben, nie abgewichen sei. Die Wisent-Wildnis solle sich deutlich von Zoos und Wildparks abheben, betont Johannes Röhl, Forstdirektor der Berleburg‘schen Rentkammer. Das Gehege soll ein Ausschnitt der Landschaft sein, die das Rothaargebirge vorgibt.

Während der Tour geht es über Wiesen und Berge, durch Bäche und Wälder.Der Zaun, der Menschen und Tiere trennt, wird dabei nicht immer erlebbar sein. Eben ein Hauch von „Dschungelcamp in Wittgenstein“, scherzt Röhl. Siegen-Wittgensteins Landrat Paul Breuer hofft den Naturtourismus anzukurbeln. In der Ansiedlung der vom Aussterben bedrohten Art sieht er ein „Bekenntnis zur europäischen Kulturgeschichte“. Fuhrmann blickt mit leuchtenden Augen in das Gelände: „Wer sich auf diese entschleunigte Welt einlässt, wird die Tiere entdecken.“

von Benedikt Bernshausen

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