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Ein Call-Center für Hausärzte

Ärztlicher Bereitschaftsdienst Ein Call-Center für Hausärzte

Die Infrastruktur steht bereit, zum 1. Januar setzt die Kassenärztliche Vereinigung Hessen ihre Reform des „Ärztlichen-Bereitschafts-Dienstes“ um. Unter der deutschlandweiten Rufnummer 116117 ist der Bereitschaftsdienst der Hausärzte dann in der für Nordhessen zuständigen Kasseler Dispositionszentrale erreichbar. Der Landkreis Marburg-Biedenkopf wird zum 1. April in das neue System eingebunden.

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Isabel Jäkel demonstriert die moderne EDV-Technik der Kasseler Dispositionszentrale der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen.

Quelle: Andreas Willfahrt/pixelio

Kassel. Im Mai beschloss die Vertreterversammlung der Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) den „Ärztlichen-Bereitschafts-Dienst“ (ÄBD) zu reformieren. Diese Umorganisation bedeutet für die meisten Menschen im Landkreis, die außerhalb der Praxisöffnungszeiten ihren Hausarzt oder dessen Vertreter aufsuchen wollen, weitere Wege zur ÄDB-Zentrale am Diakonie-Krankenhaus in Marburg-Wehrda. Die ist dann auch für das Hinterland und den Ostkreis zuständigen. Für den Landkreis wird die Umstrukturierung zum 1. April akut, dann sind die ÄDB-Zentralen in Gladenbach - die schon seit dem 1. Juli geschlossen ist -, Biedenkopf und Stadtallendorf Geschichte.

Die Vertreter der KVH nennen als wichtigsten Grund für den Umbau des Systems, die Schwierigkeiten der Besetzung von freiwerdenden Hausarztpraxen mit jungen Ärzten, wobei der Bereitschaftsdienst immer ein K.o.-Kriterium sei. „Kein junger Kollege weiß, wie wir früher die Bereitschaftsdienste geleistet haben“, sagt Dr. Dieter Conrad gestern bei der Präsentation der Dispositionszentrale in Kassel, die am 1. Januar ihren Betrieb aufnehmen wird. Dr. Conrad ist Hausarzt im Schwalm-Eder-Kreis, wo es nach seinen Angaben 6,5 unbesetzte Arztsitze gibt. Die verbleibenden 6 Kollegen vertreten sich gegenseitig, in der Regel ist einer alle 4 Tage dran. Und Dr. Conrad sagt auch: „Diese Bedingungen akzeptiert heute keiner mehr.“

Die Lösung der KVH lautet: Zentralisierung. Aus rund 100 werden 50 Bezirke mit später 37 vielleicht sogar nur 30 Hausbesuchsregionen. Pro Bezirk gibt es eine ÄDB-Zentrale und für ganz Hessen zwei Dispositionszentralen, eine in Frankfurt für den Süden des Bundeslandes, eine in Kassel für den Norden. Als Vorteile nennt die KVH: neine einheitliche Struktur mit der bundesweiten Telefonnummer 116117 erleichtert die Erreichbarkeit,

  • größere Einheiten erleichtern es, wieder mehr Hausbesuche anzubieten,
  • ein flächendeckendes System ist weniger fehleranfällig.

Wichtigster Baustein dazu ist die am Montag in Kassel vorgestellte Dispositionszentrale für Nordhessen. Sie orientiert sich an der seit mehr als 10 Jahren bestehenden Frankfurter Einrichtung und wird für rund 2,2 Millionen Menschen ihres Einzugsgebietes 24 Stunden am Tag erreichbar sein.

Die Vorgehensweise stellt deren Leiter Jan Riehle so dar: Im Erstkontakt klärt der „Einsatzsachbearbeiter“, ob es sich um einen Notfall handelt, ein anderes gesundheitliches Problem vorliegt oder nur eine Auskunft benötigt wird, zum Beispiel nach der nächsten diensthabenden Apotheke.

Die erfahrungsgemäß rund 9 Prozent an Notfällen werden durch eine Vernetzung direkt an den Rettungsdienst weitergeleitet. Rund 50 Prozent seien sonstige Auskünfte, die medizinischen Anfragen verbindet der Erstkontaktler an einen Disponenten weiter.

Am Telefon: Fachpersonal mit Medizin-Ausbildung

Dieser bewertet die Beschreibungen aus, verweist den mobilen Patienten bei Bedarf an die ÄBD-Zentrale oder nimmt Kontakt mit dem für Hausbesuche diensthabenden Arzt auf und schickt ihm einen SMS mit den Einsatzdaten, wie Name, Wohnort und Beschwerden des Patienten. Der Arzt entscheidet dann, eventuell nach Rücksprache mit dem Patienten, über seinen Einsatz. Zu den Wartezeiten auf einen Hausbesuch sagt Dr. Uwe Popert, Vorsitzender des Regionalbeirats der KVH, dass sie nicht anders sein würden, als an Werktagen, wenn der Hausarzt dazu seine Praxis verlassen müsse. Die Hausbesuchs-Ärzte sollen einen Radius von 25 ­Kilometern bedienen. In einem Papier der KVH ist von 30 ­Hausbesuchsdiensten die Rede.

Die neue Zentrale in Kassel hat 17 Arbeitsplätze, für die laut Riehle 50 bis 60 Mitarbeiter bereitstehen werden. Dabei handele es sich um „Fachpersonal mit medizinischer Ausbildung“, Krankenpfleger, Rettungssanitäter, medizinische Fachangestellte und Medizinstudenten in höheren Semestern, die teils als 460-Euro-Jobber angestellt sind und eine spezielle Weiterbildung erfahren haben. Ärzte seien nur zu Spitzenzeiten in der Dispositionszentrale anwesend. Auf Nachfrage nennt Riehle den Mittwoch und Freitagnachmittag als Beispiele. Angaben über die Zahl der zu erwartenden Anrufe kann er „ad hoc“ nicht machen.

Und wenn etwas schiefgeht, bei der Bewertung, wer haftet dann? Verantwortlich sei auf jeden Fall der diensthabende Arzt, erklärt Popert. Man habe sich bewusst für den Aufbau als „lernendes System“ entschieden. Fehler wie in Nord-Rhein-Westfalen, wo alles - unter anderem neue Einteilung, neue Dispositionszentrale, neue Mitarbeiter, neue Software - auf einmal eingeführt wurde, will man in Hessen vermeiden.

Die Patienten werden zum Zeitpunkt der Umstellung auf das Dispositionssystem mit der Rufnummer 116117 noch mit Handzetteln, die in den Praxen ausliegen werden, informiert.

Langanhaltende Proteste im Landkreis

Mit der Umstrukturierung endet auch ein jahrelanges Tauziehen um die Kosten für den Bereitschaftsdienst, den zum Beispiel die Ärzte im Hinterland nicht mehr tragen wollten (die OP berichtete).

Im Bezirk Gladenbach unterhielten zum Beispiel die dort ansässigen rund 27 Ärzte Praxisräume für Arzthelferinnen und einen Arzt auf Honorarbasis, der die Dienste der niedergelassenen Ärzte, die den gesetzlich vorgeschriebenen Bereitschaftsdienst nicht mehr selbst verrichteten, übernahm. Kostenpunkt für jeden Arzt im Gladenbacher Bezirk pro Jahr: 4000 Euro, in Biedenkopf ist das Verhältnis 38/2400 Euro. Nun zahlen alle Ärzte eines Bezirks für die ÄDB-Zentrale ihres Bezirks.

Gegen die Schließungen gab es vor allem im Hinterland langanhaltende Proteste. Unklar ist, was in Stadtallendorf mit dem Standort passiert. Das dortige Gebäude wurde von der Stadt für 1,2 Millionen Euro im Jahr 2009 extra errichtet, um neben der Rettungswache auch die ÄBD-Zentrale aufzunehmen.

von Gianfranco Fain

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