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Hinterland Ein Abschied mit dem großen Hammer
Landkreis Hinterland Ein Abschied mit dem großen Hammer
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23:03 28.04.2017
Der Abriss kann beginnen: Axel Grawe (von links) und Ulrike Adams von der BancArt GmbH (Hamburg), Architektin Petra Pfau (Steffenberg), Landrätin Kirsten Fründt, der Vorstandsvorsitzende Andreas Bartsch, Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies sowie Harald Schick und Jochen Schönleber vom Vorstand der Sparkasse.Foto: Hartmut Bünger
Biedenkopf

Die Mitglieder des Sparkassenvorstands und die Vertreter des Verwaltungsrats strichen in ihren Reden und Grußworten vor allem eins heraus: dass der Neubau ein klares Bekenntnis zu der Region im Allgemeinen und dem Hinterland im Besonderen sei. Der Vorstandsvorsitzende Andreas Bartsch beispielsweise bezeichnete das Gebäude als „Flaggschiff der Sparkasse im Herzen des Hinterlandes“. Aber auch Landrätin Kirsten Fründt und Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) werteten das Vorhaben als Statement der Bank, den eigenen Namen „Sparkasse Marburg-Biedenkopf“ ernst zu nehmen und in der Fläche Präsenz zu zeigen.

Sehr persönlich wurde Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU), der nach seinem Abitur 1985 in der Sparkasse seine Ausbildung zum Bankkaufmann absolvierte. Die Stadt verliere mit der Sparkasse in ihrer heutigen Form sicher kein Gebäude von großem bauhistorischem Wert, bemerkte er launig. Nichtsdestotrotz habe es das Stadtbild Biedenkopfs über Jahrzehnte hinweg mitgeprägt, hätten viele Menschen hier einen guten Teil ihres (Berufs-)Lebens verbracht. Er selbst habe hier seinerzeit „ein Maß an Solidarität und Bewusstsein fürs Miteinander“ erfahren, wie er es seitdem nicht mehr erlebt habe. So sei der Abriss auch ein Abschied von einem Teil der eigenen Berufsbiografie, machte er sich zum Sprachrohr der Sparkassenmitarbeiter.

Obwohl er früheren Kollegen zugesagt hatte, in seinem Grußwort nicht aus dem reichen Fundus an Anekdoten aus dieser Zeit zu schöpfen, gab er doch eine kleine Geschichte zum Besten. So hätten sie bei einer früheren Feier mangels Zündschlüssel Motorräder mit vier Mann und noch mehr Schub eine kleine Treppe hinuntergeschubst, um sie quer durch die Schalterhalle rollen zu lassen - sehr zur Freude der Kunden am Geldautomaten. „Am nächsten Morgen wusste meine Mutter schon Bescheid“, erinnerte sich Schäfer, „ein Zeichen dafür, wie gut die Sparkasse vernetzt war“.

Mitarbeiter sind bereits ausgezogen

Im Lauf des Abends rollten zwar keine Motorräder durchs Foyer, was angesichts des Andrangs auch kaum möglich gewesen wäre, wohl aber Kugeln durch ein Roulette-Rad. Denn die Sparkasse hatte sich allerlei einfallen lassen, um die Gäste zu unterhalten. Im Tresorraum etwa informierten alte Fotos über den Werdegang des Gebäudes und in der Tiefgarage konnten die Besucher ab 21 Uhr tanzen.

Die 20 Mitarbeiter sind bereits ausgezogen, in Übergangsdomizile in Räumen der Deutschen Bank und der Stadtwerke. Die Entrümpelungsarbeiten in der alten Geschäftsstelle sind derweil in vollem Gange, wie Bartsch während eines Pressegesprächs am Rande der Abrissparty erklärte.

Und auch die Abbrucharbeiten laufen langsam an. Mitte Mai geht es mit dem Abbau schadstoffhaltiger Baumaterialien los. Wer hofft, dass der Sparkassen-Turm danach spektakulär gesprengt wird oder wenigstens eine große Abrissbirne zum Einsatz kommt, wird allerdings enttäuscht.

Das Sparkassengebäude wird stattdessen Stück für Stück von oben nach unten abgetragen. 3000 Tonnen Material müssen abgeräumt und abtransportiert werden. Das wird drei Monate dauern und einen sieben­stelligen Betrag verschlingen, berichtet Sparkassenvorstand Harald Schick, der für das Bauprojekt zuständig ist.

Auch die zweistöckige Tiefgarage muss weichen. Sie wird abgerissen und verfüllt. Denn für die Tiefgarage gilt laut Sparkassenvorstand Schick genau wie für die anderen Bauten: Sie sind total marode.

Eine Sanierung der alten Geschäftsstelle würde demnach einen hohen siebenstelligen Betrag kosten. Und bei der Tiefgarage wäre laut Schick trotzdem nicht auszuschließen, dass es in einigen Jahren wieder Probleme mit dem Grundwasser gibt. Die eigentlichen Geschäftsstellengebäude wiederum entsprechen derzeit weder brandschutztechnischen Vorgaben noch modernen energetischen Standards. Von den Anforderungen, die Banken in Zeiten der Digitalisierung an eine moderne Geschäftsstelle stellen, ganz zu schweigen.

Hinzu kommt, dass die Gebäude mit einer Fläche von zirka 6000 Quadratmetern für die Sparkasse in Biedenkopf überdimensioniert sind. Nur etwa ein Drittel der Fläche wird dem Vorstand zufolge tatsächlich genutzt. Der Rest steht leer.

All diese Gründe führten laut Schick und Bartsch zu dem Entschluss, 13 Millionen Euro in die Hand zu nehmen, abzu­reißen und ganz neu zu bauen. Die Erwartungen an das neue Gebäude sind groß: Es soll zweckmäßig, modern, transparent, barrierefrei, behindertengerecht, flexibel nutzbar und nicht zuletzt schön sein.

Den passenden Entwurf zu ihren Wünschen hat die Sparkasse in einem Architektenwettbewerb gefunden: Die Steffenberger Architektin Petra Pfau hat einen dreigliedrigen Gebäudekomplex entworfen, der sich der leicht geschwungenen Straßenführung anpasst und die Dachkonstruktion der Nachbargebäude aufgreift. 2000 Quadratmeter Fläche wird der zweistöckige Bau bieten. Im Außenbereich soll es 55 Parkplätze geben. Im September will die Sparkasse mit dem Neubau beginnen. Bei der Bauzeit rechnet Sparkassenvorstand Schick mit 12 bis 14 Monaten. Frühestens Ende 2018, spätestens Mitte 2019 sollen 25 Mitarbeiter - fünf mehr als bisher - die neue Geschäftsstelle beziehen. Bei dem 13-Millionen-Euro-Projekt handelt es sich Bartsch zufolge um die größte Einzelinvestition, die die Sparkasse Marburg-Biedenkopf je getätigt hat.

von Susan Abbe und Hartmut Bünger

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