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Hinterland Hospizhelfer sind Zeitschenker
Landkreis Hinterland Hospizhelfer sind Zeitschenker
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17:50 22.12.2017
Susanne Schneider (von hinten links) und Doris Pitzer leiteten den Hospizhelfer-Kurs. Die Teilnehmer Ingo Rother (von vorne links), Claudia Debus, Angela Wahl, Christine Vielhauer und Andrea Freund redeten unter anderem über ihre Motivationen, an dem Kurs teilzunehmen. Quelle: Jennifer Stein
Gladenbach

Der Hospizdienst Immanuel bildet ehrenamtliche Hospizhelfer aus. Mit welcher Motivation wagen sie den Schritt? Die hauptamtlichen Koordinatorinnen des Hospizdienstes Susanne Schneider und Doris Pitzer sitzen mit vier der neun „neuen Ehrenamtlichen“ zusammen. Es gibt Plätzchen, Stollen und Tee. In einer vertrauten Runde berichten die Kurs-Absolventen über ihren Weg zum Verein und ihre Motivation, als Hospizhelfer tätig zu werden. Auf ganz unterschiedlichen Wegen sind Ingo Rother, Claudia Debus, Christine Vielhauer und Angela Wahl zum Hospizdienst Immanuel gekommen, doch mussten sie sich alle schon mit dem Thema Tod befassen.

„Das Thema Tod und Sterben wird häufig an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt, obwohl es mittendrin ist und jeden betrifft“, sind sich die Kursteilnehmer einig. Claudia Debus erlebte bei einem Sterbefall in ihrer Verwandtschaft mit, wie es ist, von einem Hospizhelfer begleitet zu werden. „Es ist etwas ganz Besonderes, bei dem Sterben eines Angehörigen begleitet zu werden. Man erlebt Wertschätzung und wird gestärkt“, berichtet die Sozialpädagogin. Dieses Erlebnis bestärkte sie in ihrer Entscheidung, selbst Hospizhelferin zu werden.

„Wenn ich es nicht ausprobiere, werde ich es nie erfahren“

Auch Angela Wahl hat sich im vergangenen Jahr dazu entschieden, den zehnmonatigen Kurs zur Hospizhelferin zu absolvieren. Sie hatte sich auf verschiedenen Wegen mit dem Thema Tod auseinandergesetzt. Neben ihrer Tätigkeit im Verein „Leben mit Krebs“, bei der sie in Kontakt mit schwerkranken Menschen kam, hat sie nach einem Sterbefall eines Angehörigen das Trauercafé des Hospizdiensts Immanuel besucht.

Dort kam sie mit Hospizhelfern ins Gespräch und stellte sich die Frage, ob sie sich das auch zutrauen würde. Beantwortet hat sie sie so: „Wenn ich es nicht ausprobiere, werde ich es nie erfahren.“ Christine Vielhauer berichtet, dass sie durch eine Demenzerkrankung einer Angehörigen viele Erfahrungen in der Sterbebegleitung sammeln konnte, und dass sie diese gerne an andere zurückgeben wollte. Ehrenamtlich in einem Altenheim zu helfen, war ihr allerdings zu anonym und so meldete sie sich bei dem Hospizhelfer-Kurs an, ohne genau zu wissen, was später zu tun sein würde.
 Anders hat es Ingo Rother erlebt.

Auch er hat sich mit dem Tod beschäftigen müssen, doch ­keine Begleitung erfahren.­ ­Dennoch war der Gedanke, ­einmal selbst Sterbebegleitung zu übernehmen, über ­
viele ­Jahre präsent.

Helfer treffen auch auf Unverständnis

„Als ich von dem Kurs des Hospizdienstes gehört habe, habe ich meine Chance erkannt, es zu versuchen“, sagt Ingo Ro­ther. Bei dem Praktikum, welches zu der Hospizhelfer-Ausbildung gehört, hat er erlebt, wie es ist, mit bestimmten Menschengruppen zu kommunizieren und Beziehungen entstehen zu lassen. Schon während des zwanzigstündigen Praktikums hat er gemerkt: „Je mehr man gibt, desto mehr bekommt man zurück.“ Diesem Phänomen, welches Außenstehende oft nur schwer verstehen können, stimmen die anderen erfahrenen und unerfahrenen Hospizhelfer zu.

Eine zentrale Rolle, um die Arbeit und Motivation eines Hospizhelfers zu verstehen, spielt das Zitat von Virginia Satir: „Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemandem empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Wenn dies geschieht, entsteht Kontakt“.

Claudia Debus erklärt: „Dieses Zitat sagt einfach alles aus.“ Dennoch treffen Hospizhelfer immer wieder auf Unverständnis und Unsicherheit bei Außenstehenden und Bekannten. „Wie kannst du das machen?“, ist meist die erste Reaktion im Bekanntenkreis, berichten die Hospizhelfer.

Differenzierung zwischen Nähe und Distanz

„Wir treffen uns nicht zum Weinen“, erklärt Ingo Rother. Häufig geht es in den regelmäßigen Ehrenamtstreffen des Vereins ganz positiv zu und es wird gemeinsam gelacht. „Solche Treffen sind wichtig, um die Ehrenamtlichen nicht zu überfordern“, erklärt Koordinatorin Susanne Schneider.

Besonders der Vorbereitungskurs hat den neuen Ehrenamtlichen geholfen, sich für die neu gewählte Aufgabe zu stärken und sich vielen Dingen bewusst zu werden. In den Kursen ging es unter anderem um Selbsterfahrungen und die ­eigene Auseinandersetzung mit dem Tod. So konnten durch ­regen Austausch innerhalb der Gruppe Ängste genommen werden. Dabei konnten die beiden ­Koordinatorinnen, die die Kurse leiteten, beobachten „wie aus wildfremden Menschen ein Team wird“.

Auch wurde das Sterben während des Kurses auf eine sachliche Ebene gebracht und die Frage „Was ist Sterben?“ aus biologischer Sicht betrachtet. „Diese sachliche Ebene hat ­geholfen, ganz rational über das Sterben denken zu können“, sagt Ingo Rother. Ein wichtiges Thema des Kurses war auch die Differenzierung zwischen Nähe und Distanz und dem Bewusstwerden des Auftrages eines Hospizhelfers.
Denn eines müssen sich Hospizhelfer bewusst werden: ­Ihre Arbeit ist das Begleiten, das Aufbauen und Zeit geben. Nicht aber die Betreuung und Pflege­ von Menschen. Hospizhelfer­ ­begleiten ehrenamtlich und spenden dabei Kraft und Zeit. Dass sich dabei Beziehungen aufbauen und das Zusammenspiel aus Nähe und Distanz oft schwierig wird, ist normal.

Man muss loslassen können

„Die Chemie zwischen Hospizhelfer und Strebendem muss stimmen, doch muss dem Hospizhelfer auch bewusst sein, dass die Begleitung mit dem Tod enden wird und man loslassen muss“, sagt Susanne Schneider. Dennoch bleibt die Zeit, die die Hospizhelfer den Sterbenden geben, etwas ganz Besonderes. In einer schnelllebigen Zeit, wissen die Kursteilnehmer wie wichtig es ist, anderen Menschen und besonders sterbenden Menschen, Zeit zu schenken und für sie da zu sein. Dabei wollen Hospizhelfer nicht nur Menschen beim Sterben begleiten, sondern sie wollen den Sterbenden die Möglichkeit geben, bis zuletzt zu leben.

Die „neue Währung“ und die größte Motivation unter den neuen Hospizhelfern ist daher das „Zeitschenken“. Zeit für die Sterbenden, die bis zuletzt Leben wollen und dürfen, und Zeit für die Angehörigen und Trauernden, in der sie Unterstützung und Trost erfahren.

  • Das nächste Ehrenamtstreffen findet im Februar statt. ­Interessierte können sich melden bei: Hospizdienst Immanuel, Teichstraße 5 in Gladenbach, Telefon 06462/9157814 oder E-Mail: info@hospizdienst-immanuel.de.

von Jennifer Stein