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Bauaufsicht beäugt Berggarten

Traditionshotel verwahrlost Bauaufsicht beäugt Berggarten

Hunderte Papierrollen und Bierglasmanschetten liegen verstreut auf dem Boden. Teile der Holzdecke hängen herunter. Verkohlte Reste eines Feuers bedecken den Kamin. Im Waldhotel „Berggarten“ wurde öfter gehaust.

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Verwüstung und Verfall im „Berggarten“: Nach sieben Jahren Leerstand ist vom einstigen Anziehungspunkt wenig geblieben: eine Toilette verschmutzt, ein Bettrahmen zerbrochen und das Bettzeug auf dem Boden verteilt.

Quelle: privat

Biedenkopf. Die Eingangstür ist nicht verschlossen, steht sogar offen. Wer an der Abfahrt Biedenkopf-Mitte die Brücke über die Bundesstraße 62 überquert und den schmalen, überwucherten Weg zum Waldhotel hinaufgeht, um einen Blick auf das Gebäude zu werfen, bemerkt das sofort. Wer möchte, kann jederzeit eintreten und durch das Restaurant, die Küche und die Hotelflure gehen.

Wer das tut, dem bietet sich ein trostloses Bild. An mehreren Stellen haben Unbekannte­ anscheinend schon gezündelt. Nicht nur der Kamin, auch Kloschüsseln und Waschbecken sind vom Ruß geschwärzt. In den Zimmern sind die Bettgestelle zerschlagen, Bücher liegen auf dem Boden herum. Glasscheiben im Treppenaufgang sind zerbrochen, vermutlich mutwillig zerstört.

Nur noch wenig ist zu ahnen davon, dass Café und Restaurant in diesem Haus einmal beliebte Anziehungspunkte für Einheimische und Touristen waren. Denn mehr als 100 Jahre liegen die Anfänge des „Berggartens“ zurück. Im Jahr 1895 kaufte Carl Friedrich Kramer das Gelände. Klein waren die Anfänge. In einem Gartenhäuschen buk seine Mutter Waffeln. Es blieb nicht bei dem Häuschen. Noch im gleichen Jahr errichtete Kramer eine 20 Meter lange und 8,50 Meter breite „Trinkhalle“. Wegen des rasch wachsenden Besuchs entstand drei Jahre später eine ebenso lange Holzterrasse. „Ich war in der Lage, bis zu 200 Personen Sitzgelegenheiten zu bieten“, berichtete er. 1901 kamen die Fremdenzimmer hinzu, sieben an der Zahl, mit 22 Betten und Bad.

Aus großen Plänen wurde nichts

Bis 1956 blieb der weiter wachsende „Berggarten“ im Besitz der Familie. Nach mehreren ­Eigentümerwechseln kauften Heinz-Egon und Christine­ Joch den „Berggarten“ und das benachbarte Haus „Waldfrieden“. Rund zwei Jahrzehnte setzten­ sie die Tradition des beliebten Restaurants und Cafés fort. Doch im Zuge der Trennung musste der „Berggarten“ im Jahr 2010 verkauft werden.

Renato Fenner aus Köln erwarb das rund 8000 Quadratmeter große Gelände Ende Oktober vom Insolvenzverwalter. Zusammen mit Michael Fenner aus Marburg wollte der heute 34-Jährige Restaurant und Café weiterführen.

Große Pläne hatten die beiden Partner seinerzeit. „Das Restaurant wollen wir verpachten“, berichtete Michael Fenner vor sieben Jahren. Der Pächter solle für eine gutbürgerliche, deutsche Küche sorgen, schwebte ihm vor. Von den 20 Hotelzimmern seien sieben oder acht „recht ordentlich“, sagte Fenner damals, der Rest müsse saniert werden, ebenso wie das undichte Dach. Vage peilte er das Frühjahr 2011 für die Wiedereröffnung an.

Dass aus den großen Plänen nichts wurde, ist offensichtlich. Inzwischen ist der „Berggarten“ ein Fall für die Bauaufsicht des Landkreises. Mehrfach habe die Stadt die Kreisbehörde darauf hingewiesen, sagt Biedenkopfs Bürgermeister Joachim Thiemig (SPD) auf Nachfrage, dass es um das Gebäude nicht zum Besten stehe.

Behörde wies Eigentümer auf Pflichten hin

Stephan Schienbein, Pressesprecher des Landkreises, bestätigt das. Nach einem Ortstermin wurde Renato Fenner am 17. August schriftlich auf seine Pflichten als Eigentümer hingewiesen. „Zudem wurde er aufgefordert, Informationen zum Gebäudezustand und zur Sicherung der Zugänge zu übermitteln“, schreibt Schienbein. Sollten sich daraus Hinweise auf ­eine Pflichtverletzung ergeben, könne der Eigentümer aufgefordert werden, die Zugänge so zu sichern, so dass ein unbefugtes Betreten der Liegenschaft nicht möglich ist. Grundsätzlich ist es laut Schienbein allerdings so, dass die Bauaufsicht nur dann tatsächlich einschreiten darf, wenn von einem Gebäude eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgeht.

Renato Fenner ist das Problem bekannt. Er habe schon einmal dafür gesorgt, dass die Tür verschlossen ist, sagt der Besitzer. Anschließend sei sie aber doch wieder aufgebrochen worden. „Das ist das Problem, wenn man Schwierigkeiten hat, vor Ort zu sein“, sagt der Kölner. Und warum ist aus dem gesamten Projekt nichts geworden?

„Das war anders geplant“, gibt er zu. Vor sieben Jahren habe er den Neustart mit einem Partner angehen wollen, diese Partnerschaft habe sich aber aufgelöst. „Da musste ich die Pläne auf Eis legen“. Inzwischen versucht Renato Fenner nach eigenen Worten, das Objekt zu veräußern. Mehrere Interessenten habe es zwar schon gegeben, noch habe er aber keinen Käufer gefunden.

von Hartmut Bünger

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