Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Dürresommer wie 1976 plagt Landwirte
Landkreis Hinterland Dürresommer wie 1976 plagt Landwirte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 06.08.2018
Eine Bäuerin steht auf einem vertrocknenden Maisfeld. So ähnlich wie auf unserem nachgestellten Foto muss es im Jahr 1976 im Landkreis ausgesehen habe. Damals herrschte so große Dürre, dass der Notstand  ausgerufen wurde. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Diedenshausen

„Solche Sommer gab es zum Glück nur selten, aber immer wieder einmal“, sagt der Diedenshäuser Landwirt Erwin Koch (69), früherer Vorsitzender des Kreisbauernverbands. In Marburg-Biedenkopf steuern aktuell nach ­monatelanger  Trockenheit viele Landwirte auf eine Futterknappheit zu, „so wie zuletzt vor 42 Jahren“, sagt Koch. Schlimme Dürrejahre habe die Landwirtschaft zuletzt in den 80er-Jahren und vielleicht noch im Jahrhundertsommer 2003 überstehen müssen. „Doch so extrem wie jetzt gerade war es tatsächlich schon sehr lange nicht mehr.“

Doch was geschah eigentlich im Dürrejahr 1976? Der Staat rief damals den Notstand aus. „Es waren ganz andere Zeiten, die Landwirte standen in der Mitte der Gesellschaft. Und wenn sie ein Problem hatten,  dann war es ein gesamtgesellschaftliches Problem“, sagt Koch und erinnert sich daran, dass Bundeswehr und Deutsche Bahn damals für die Landwirtschaft tätig wurden. Stroh-Hilfstransporte aus anderen Regionen, die nicht so stark von der Trockenheit betroffen waren, wurden organisiert.

Stroh fürs Hinterland aus dem Kasseler Raum

So erhielten Gladenbach und Stadtteile beispielsweise Stroh von einem Hofgut in Beberbeck, ein im Reinhardswald gelegener, nordöstlicher Stadtteil von Hofgeismar im Kreis Kassel. „Damals gab es natürlich auch noch viel mehr Landwirte und viel mehr Vieh“, sagt Koch. Im Dörfchen Diedenshausen, das zu Gladenbach gehört, seien es in den 1970ern noch etwa 14 Landwirte gewesen. Heute gebe es dort nur noch drei Nebenerwerbs-­Bauern, darunter einen Milcherzeuger. Die Zahl der 4 000 Milchkuhhalter im Landkreis, die es vor 40 Jahren gegeben ­habe, sei inzwischen auf unter 200 gefallen, sagt Koch.

„Ich kann mich noch genau an den Anruf des Gladenbacher Bahnhofsvorstehers erinnern, als das Stroh angekommen war“, berichtet der Landwirt. Mit ihren Schleppern und Anhängern fuhren die Bauern aus Gladenbach und Bad Endbach damals zum Bahnhof und holten das Stroh ab, brachten es heim auf ihre Höfe. Zuvor hatten sie in Beberbeck dabei geholfen, dass Stroh gemeinsam mit der Bundeswehr auf ­deren Mannschaftsfahrzeuge zu laden.­ „Dann wurde es nach Hofgeismar gebracht, wo sechs Waggons der Bahn damit vollgepackt wurden“, erzählt Koch und muss schmunzeln, wenn er an die Irrfahrt denkt, auf die ein Waggon wohl durch ein Versehen gegangen war. Wochen nach der großen Strohanlieferung in Gladenbach habe der Bahnhofsvorsteher die Ankunft eines weiteren Stroh-Waggons gemeldet, „der hatte etwas länger gebraucht, weil er zwischenzeitlich auf einem Abstellgleis in Stuttgart gelandet war“.

Im Dürrejahr 1976 gab es auch örtliche Initiativen, um den Landwirten zu helfen, erinnert sich Koch. So habe beispielsweise die Stadt Marburg auf Betreiben der damaligen linken Fraktion die Grundsteuerzahlungen für landwirtschaftliche Flächen ausgesetzt.

Futtergewinnung von den Brachflächen

„Staatliche Hilfe wäre auch jetzt nötig, auch über die üblichen Subventionen hinaus“, sagt der frühere Bauernverbandsvorsitzende Koch, wenn er an die aktuelle Dürreperiode denkt.
1976 habe ab Mitte August Regen eingesetzt – und so habe man damals noch einen Teil der Ernte retten können. Ob das diesmal gelingt, sei unklar. „Mancherorts müssen die Landwirte jetzt schon auf die Futtervorräte für den Winter zurückgreifen.“  

Wenn auch nicht so spektakulär wie im Jahr 1976, so ist etwas staatliche Hilfe für die Landwirte auch im aktuellen Hitzesommer angelaufen. In einigen Ländern haben die Landwirtschaftsministerien die so genannten ökologischen Vorrangflächen, also Brachen, die normalerweise der Regeneration der Natur dienen, zur Futtererzeugung freigegeben. In Hessen gilt diese Freigabe für die Landwirte in den Kreisen Kassel, Werra-Meißner und Schwalm-Eder. Darüber berichtet Heinz-Hermann Nau-Bingel, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, auf Anfrage der OP. Im heimischen Landkreis könne jeder Landwirt, der eine Futternot oder Ernteeinbußen erwarte, beim Landwirtschaftsamt des Landkreises einen Antrag auf Nutzung der Brachflächen stellen.

Die Futtergewinnung von den ökologischen Vorrangflächen, die zwei bis drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ausmachten, könnten die Situation aber nicht retten, sagt Nau-Bingel. „Der Aufwuchs auf den Flächen ist verdorrt und hat keine hohe Futterqualität mehr.“

So könne die Landwirtschaft nur auf bald einsetzenden ­Regen hoffen. Dann hätten die so genannten Futterzwischenfrüchte wie Raps, Kleegras oder Futtergras noch eine Chance. „Dazu bräuchten wir aber Niederschläge im August“, sagt Nau-Bingel.

Beim Kreisbauernverband gibt es eine Futterbörse. Landwirte können sich dort melden, wenn sie in der Lage sind, Futter abzugeben oder wenn sie welches benötigen. „Einige, die noch Reserven haben, bieten derzeit Stroh und Silage an, andere fragen nach, weil sie Futter für ihre Tiere brauchen“, sagt Nau-Bingel.

von Carina Becker-Werner

Anzeige