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Hinterland „Hilfe, Hilfe, ich werde abgestochen“
Landkreis Hinterland „Hilfe, Hilfe, ich werde abgestochen“
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07:01 19.04.2018
Staatsanwalt Timo Ide beim Blick in die Akten zum Prozess wegen versuchten Mordes in Steffenberg-Niederhörlen am Landgericht Marburg. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Ein 24-jähriger Mann mit offenbar großen psychischen Problemen soll in der Nacht im August 2017 im Steffenberger Ortsteil Niederhörlen einen Freund nach einem Filmabend niedergestochen haben. An seinen Verletzungen wäre der 26-Jährige ohne Hilfe wohl gestorben, heißt es von der Staatsanwaltschaft Marburg.

Die ersten Zeugen am Tatort waren zwei Gäste und die beiden Gastgeber einer Geburtstagsfeier in der Nachbarschaft. Zunächst habe man die Hilferufe für schlechte Scherze betrunkener Jugendlicher gehalten. „Als es dann hieß ‚Hilfe, Hilfe der bringt mich um, der sticht mich ab‘ dachte ich mir, jetzt aber nach vorne“, berichtet ein junger Zeuge.

Auf dem Weg zum Ort des Geschehens habe er dann gesehen, wie der Angeklagte das Opfer mit der linken Hand von hinten umarmend festgehalten und mit der rechten Hand von vorne mehrere Male zugestochen habe. Die Tatwaffe, von der weiterhin jede Spur fehlt, habe er jedoch nicht erkennen können.

Ersthelfer: Blutung war schwer zu stoppen

Als er sich, gefolgt von seiner Freundin, deren Tante und Onkel, näherte, habe der mutmaßliche Täter die Flucht ergriffen. „Ich habe mich dann intensiv mit dem Patienten beschäftigt, meine Priorität war, ihm zu helfen“, sagte der junge Mann, der zum Glück des Verletzten eine Ausbildung als Sanitäter hat. Zu dem Täter konnte er keine näheren Angaben machen, als dass er einen dunklen Kapuzenpulli trug und die Kapuze aufgesetzt hatte.

Am Opfer habe er mehrere stark blutende Wunden erkannt: eine an der rechten Schulter, mehrere in der Thorax-Herz-Gegend und im Bauchbereich – saubere Schnitte, wie er sagt. „Aus den Wunden in der Herzgegend kam das Blut richtig gelaufen, die Blutung war schwer zu stoppen“, sagte der Ersthelfer. Der Verletzte sei ansprechbar, aber kaltschweißig, verwirrt und ängstlich gewesen. Er habe begonnen zu hyperventilieren.

Tante des Angeklagten berichtet über „Gerede im Dorf“

Die Freundin des Ersthelfers habe sich zum Kopf des Patienten gesetzt, sollte ihn beruhigen und mit ihm sprechen. Die 22-Jährige kennt sowohl den Angeklagten als auch das Opfer seit der Grundschulzeit. Im August sagte sie gegenüber der Polizei aus, den Angeklagten sofort als den Täter erkannt zu haben. „Er hätte es sein können“, sagte­ sie aus, sicher sei sie sich ­jedoch nicht.

Während die Ersthelfer mit herbeigebrachten Handtüchern versuchten, die Blutungen des jungen Mannes zu stoppen, habe er ihnen mehrfach den Namen des mutmaßlichen Täters genannt. Sie habe den Angeklagten, der seit einiger Zeit in einer Unterkunft im Feuerwehrhaus des 360-Einwohner-Dorfes lebte, ab und zu abends auf der Straße getroffen. „Er war in sich gekehrt, zurückhaltend, ein bisschen abwesend“, schilderte sie ihren Eindruck von der Persönlichkeit des Angeklagten. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Dr. Frank Oehm sagte sie, man habe sich ganz normal mit ihm unterhalten können.

Die Tante der 22-Jährigen berichtete, es habe im Dorf Gerede über den Angeklagten gegeben. Es hieß, er sei in der Psychiatrie gewesen und dürfe nun nicht mehr nach Hause, sei deshalb in Niederhörlen untergebracht. Bei der Feuerwehr sei man ­wegen des Angeklagten um die Sicherheit der Kinder- und Jugendfeuerwehrleute besorgt gewesen.

„Er fragte: ‚Muss ich jetzt sterben?‘“

Während die 38-Jährige sich erinnerte, dass das Opfer den Namen des Täters nannte, konnte ihr Mann dazu nichts sagen. „Er fragte: ‚Muss ich jetzt sterben?‘ und ihm war kalt“, erinnerte er sich jedoch. Die Todesangst sei ihm auch ins Gesicht geschrieben gewesen. „Er hatte einen ganz schlimmen Gesichtsausdruck“, sagte der 44-Jährige, der am Abend der Bluttat seinen Geburtstag feierte.

Die eindringlichen Hilfeschreie des Opfers schreckten weitere Anwohner auf, die jedoch alle nur Sicht auf jeweils einen kleinen Teil des Geschehens hatten. Von der Tat selbst konnten die weiteren Zeugen nichts berichten. Ihre Schilderungen hatten gemein, dass ihnen anhand dessen, was sie lediglich hörten, schnell der Ernst der Lage klar wurde. „Es waren Hilferufe in Todesangst, das hat sich bei mir eingeprägt“, sagte einer der Zeugen.

  • Die Verhandlung wird am Donnerstag, 19. April, ab 9 Uhr in Saal 101 im Landgericht Marburg fortgesetzt.

von Philipp Lauer