Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 14 ° Gewitter

Navigation:
Discoeffekt ist weg, Schlagschatten bleibt

Schlagschatten Discoeffekt ist weg, Schlagschatten bleibt

Die Beeinträchtigung, die der Schattenwurf einer Windkraftanlage hervorrufen kann, ist technisch auszuschalten.

Voriger Artikel
Der moderne Mensch, ein Berufsreisender
Nächster Artikel
Zwillingsfohlen tollen über die Weide
Quelle: Nadine Weigel

Gladenbach . Es gab Zeiten, da kamen Windkraftanlagen nicht nur in Mode, sie hatten auch modische Eigenschaften wie den sogenannten „Disco­effekt“. Mit diesem Ausdruck bezeichnete man rhythmische Lichtreflexionen, die von den Rotor­blättern hervorgerufen wurden. Ursache des Discoeffekts sind wie beim Schattenwurf die Sonne und die Rotorblätter. Die „Kinderkrankheit“ der Windkraftanlagen trat dadurch auf, dass die Rotorblätter mit glänzenden Lackierungen versehen waren.

Seit die Oberflächen der Anlagen mit matten, nicht reflektierenden Lackierungen versehen sind, ist der Discoeffekt verschwunden, geblieben ist der Schattenwurf, martialisch auch gern Schlagschatten genannt. Diesen kann man so simulieren: Stellen Sie sich im Büro, Küche oder Wohnzimmer zwischen einem Fenster, durch das die Sonnen ins Zimmer scheint, und einem die OP lesenden Kollegen oder Mitbewohner auf. Dann beginnen sie mit den Armen fast so zu rotieren wie eine Windmühle, sodass der Schatten ihres Armes regelmäßig über die Zeitungsseiten zieht. Es wird dunkel, hell, dunkel, hell, dunkel, hell. Bewohner sind dieser Erscheinung wehrlos ausgesetzt. Für viele Menschen schränkt das die Konzentrationsfähigkeit ein oder erschwert zum Beispiel das Zeitungslesen.

Das durch alle Fenster einfallende Licht ändert im Takt der Rotorflügel ständig seine Helligkeit und überträgt diese Form der Störung in alle Räume eines Hauses. Eine wissenschaftliche Untersuchung an der Universität Kiel hat ergeben, dass 60 Minuten täglicher Beschattung Stress auslösen und somit krank machen können. Nach dem Bau einer Windkraftanlage, so fürchten viele Anlieger, müssen sie viele Stunden des Jahres den Schlagschatten ertragen.

Für Genehmigung ist Beschattungsprognose nötig

Dem ist nicht so, erklärt Marion Ruppel vom Regierungspräsidium (RP) Gießen. Das regele das Bundes-Immissionsschutzgesetz. Demnach darf der Schattenwurf durch Windkraftanlagen auf Wohnhäuser nicht mehr als 30 Stunden pro Jahr und 30 Minuten pro Tag betragen. Diese Grenzwerte gelten unabhängig von Anlagenzahl und -größe und sind theoretischer Natur. Denn sie wurden unter der Annahme von stetigem Wind und ebenso andauerndem Betrieb einer Windkraftanlage, ständigem Sonnenschein und maximaler Schattenprojektion aufgestellt.

Bei realistischeren Annahmen gehen die Behörden von rund 7 bis 8 Stunden Schattenwurf im Jahr pro Immissionspunkt aus. Dabei, so Ruppel, ist der Immissionspunkt, also der Ort, auf den der Schlagschatten trifft, entscheidend. Dieser kann aus einem Haus oder auch einer Häuser-Gruppe bestehen. Ausschlaggebend sei das „empfindlichste Gebäude“, also dasjenige, welches den Windrädern am nächsten stehe, erklärt Ruppel. Die Immissionsquelle könne ein einzelnes Windrad oder auch ein Windpark sein.

Sensoren „füttern“ Abschalteinrichtung

Das Schattenwurf-Potenzial muss für das Genehmigungsverfahren ermittelt werden. Diese Prognosen unter Annahme des schlimmsten Falles erstellen entweder Sachverständige oder die Hersteller mit festgelegten Verfahren. Die Ergebnisse überprüft das RP im Laufe des Genehmigungsverfahrens. Zeigt diese Prognose, dass die Grenzwerte überschritten werden, so wird den Betreibern auferlegt, eine technische Begrenzung der Laufzeit einzubauen. Dies erfolgt in der Regel durch eine sonnenstands- und wetterabhängige Schattenwurfregelung, die über Strahlungs- oder Beleuchtungsstärkesensoren gesteuert wird.

„Wird eine Abschalteinrichtung verlangt, wird diese entsprechend des Schattengutachtens individuell an die jeweilige Windenergieanlage angepasst“, erklärt Felix Rehwald vom Windradhersteller Enercon. Bei der Schattenabschaltung werde die Anlagensteuerung so programmiert, dass sich die Windenergieanlage je nach Lichtverhältnissen und meteorologischen Bedingungen automatisch abschaltet, wenn Schattenwurf wahrscheinlich ist. Die Lichtverhältnisse werden dabei permanent von Sensoren an der Anlage erfasst. „Erst wenn sich die Lichtverhältnisse so geändert haben, dass Schattenwurf nicht mehr möglich ist, wird die Windenergieanlage wieder in Betrieb genommen“, erklärt Rehwald. Durch die Abschaltzeiten würden sich beim Jahresenergieertrag der Windenergieanlage in der Regel nur sehr geringe Einbußen ergeben.

von Gianfranco Fain

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Hinterland

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr