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Hinterland Grenzgangtasse ist im Krimi zu sehen
Landkreis Hinterland Grenzgangtasse ist im Krimi zu sehen
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14:00 31.12.2018
In einer Szene mit Hauptkommissar Henry Silowski (Peter Kurth) in der Krimi-Serie „Die Protokollantin“ ist eine Tasse mit dem Grenzgangslogo von 2012 zu sehen. Das Rätselraten um die Requisite hat ein Ende. Quelle: Screenshot: Christian Röder
Biedenkopf

Hauptkommissar­ Henry Silowski (Peter Kurth) steht vor dem Schrank und rührt gedankenverloren Milch in seinen Kaffee. Dann erörtert er mit seinen Kollegen den Mord an ­einer Prostituierten. Die Grenzgangs-Tasse wird keines Blickes mehr gewürdigt. Doch sie ist nun mal da, steht dort in einer Folge des TV-Krimis „Die Protokollantin“ im Schrank.

Eine Frage tut sich auf: Wie kommt diese Tasse, ein echtes­ Biedenkopfer Kleinod, in den TV-Mehrteiler, der mit Iris ­Berben und Moritz­ Bleibtreu starbesetzt ist? Ich ­habe mich auf die ­Suche gemacht. Die ­Geschichte ­einer Recherche.
Alles beginnt mit einem Facebook-Post, über den ich überhaupt erst auf die Szene aufmerksam werde. In der Gruppe „Du bist Birreköpper, wenn...“ wird der Screenshot aus der ZDF-Mediathek mit der Frage gepostet, die ich in den kommenden Tagen und Wochen Dutzenden Beteiligten der Produktion stellen werde: „Wie kommt die Biedenkopfer Grenzgangstasse in diesen Film?“ 36 Likes hat der Beitrag bis heute, mehrmals wurde er geteilt.

Nur eine Antwort haben die User bislang nicht gefunden. Allerdings wurde und wird viel spekuliert. Es gebe bestimmt eine Verbindung zum ARD-Film „Grenzgang“ mit Lars Eidinger mutmaßen einige. Andere ­gehen davon aus, dass die Folge des Krimis in Biedenkopf oder Umgebung gedreht wurde. So viel vorneweg: Beides wird sich durch meine Recherchen nicht bestätigen.

Datenbank über deutsche Filme listet Mitarbeiter auf

Letztere Vermutung – dass Biedenkopf womöglich ein Drehort sei – kann ich relativ schnell beiseite schieben. Gefilmt wurde die fünfteilige Produktion in Berlin und in Bayern. Das verraten die Produktionsdaten zu „Die Protokollantin“, die öffentlich einsehbar sind.

Erste – und elementare Infos – finde ich über die Webseite „Crew United“. Das ist eine Datenbank über deutsche Filme, Fernsehserien, Video und Werbeproduktionen. Filmemacher können dort selbst Projekte eintragen, die – und das ist das Besondere – redaktionell geprüft werden. Ebenso bietet „Crew United“ Mitgliedern die Möglichkeit, Jobangebote in der Medienbranche zu veröffentlichen.

„Crew United“ bietet nicht nur eine Auflistung aller an der Produktion beteiligten Schauspieler, sondern listet auch feinsäuberlich auf, wer hinter den ­Kulissen verantwortlich für die verschiedenen Bereiche ist. Diese Liste mit Namen wird in den kommenden Tagen Gold wert sein, liefert sie mir doch Ansprechpartner, die wissen könnten, wie die Grenzgangstasse in den Film kommt.

Innenrequisiteur liefert nächste heiße Spur

Wenig später schicke ich Dutzende E-Mails raus: Alle mit dem Betreff „Presseanfrage zum Setdesign von ,Die Protokollantin‘“. Sie gehen an jene Menschen, die im Hintergrund dafür verantwortlich sind, dass ein Film überhaupt entstehen kann. Die Mails, in der ich meine doch eher ungewöhnliche Anfrage beschreibe, gehen an Menschen mit Berufsbezeichnungen wie Assistant Set Decorator, Außen-, Innen- und Set­requisiteur. An Szenenbildner, Ausstatter und Set-Dresser. Es sind jene Namen, die im Kinoabspann immer nach den großen Stars für wenige Sekunden auf der Leinwand auftauchen. Einmal kurz geblinzelt und weg sind sie. Doch sie wissen, was hinter den Kulis­sen geschieht. Sie werden mir letztlich die Frage beantworten, wie die Tasse ans Set ­gekommen ist.

Diese Tasse vom Biedenkopfer Grenzgang ist in einem Fernsehkrimi zu sehen. Quelle: Hartmut Bünger

Eine erste Rückantwort ­erhalte ich von einem­ ­Innenrequisiteur, der einige Wochen an der Produktion von „Die Protokollantin“ beteiligt war. „Kompliment, gutes­ Auge“,­ steht in seiner Mail. ­Etwas, das ich in den kommenden Tagen mehrmals zu hören und zu lesen bekommen werde. Er freut sich über mein Interesse – „mir gefällt es, dass jemand eine Filmtasse aus einem Filmregal sucht“.

Jener Innenrequisiteur wird mich auf meine nächste heiße Spur bringen, doch berichtet mir zunächst erst mal, wie das so läuft mit Requisiten. Der Szenenbildner oder Ausstatter ist derjenige, der bei einer Produktion ein Haus, eine Wohnung, eine Küche oder was eben gefragt ist, gestaltet.

Fundus verfügt über rund 850 verschiedene Kaffeetassen

„Das Ganze wird geplant und dann arbeitet die Abteilung. Die besorgen dann auch die Einrichtungsgegenstände, die Möbel, Lampen etc. und auch das Geschirr. Dafür gibt es in großen Städten riesige Fundi, durch die man streifend, auch viele originelle Entdeckungen machen kann. Da leihen die das meiste Zeug und dahin wandert es auch zurück“, schreibt mir der Innenrequisiteur. Teilweise komme es auch vor, dass Requisiten auf Flohmärkten oder in speziellen Geschäften erstanden werden, führt er aus.

Mein Kontakt berichtet mir, dass er als Innenrequisiteur dafür verantwortlich ist, dass jene­ Requisiten, die in einer Szene­ „bespielt“ werden, auch tatsächlich funktionieren. In unserem Beispiel betreut er etwa das Kaffeekochen, sorgt dafür, dass in den einzelnen Takes immer genug Milch da ist und so weiter. „Ich habe daher alle Requisiten und Einrichtungsgegenstände in meinem Set und unter meiner Obhut. Das sind unendlich viele. Jetzt willst du ja nur wissen, wo die Tasse herkommt. Besorgt habe ich sie auf keinen Fall, ich besorg nix“, schreibt er. Doch er hatte eine Vermutung: einen Fundus.

Infrage kommen mehrere­ etwa­ FTA in Berlin oder die Axis ­Mundi Film-Welten-Ausstattung. Erster hat einen Onlinekatalog: Ich klicke mich also durch etwa 850 verschiedene Kaffeetassen, die der Fundus an seinen vier Standorten in Deutschland hat. Da ist alles dabei, von der Porzellantasse mit Blümchenmuster aus den 1960er-Jahren über die moderne Designer-Espresso-Tasse bis hin zur orientalischen Mokkatasse – aber keine Grenzgangstasse. Auch bei Axis Mundi habe ich keinen Erfolg.

Tasse steht rein zufällig in der Dekoration

In der Zwischenzeit hat mir der Szenenbildner von „Die Protokollantin“ geantwortet: „Interessante Frage und Fund“, schreibt er. Auch er geht davon aus, dass die Tasse aus einem Fundus geliehen wurde. „Hintergrund der Auswahl solcher Requisiten ist, dass sie eine Geschichte im Hintergrund erzählen und Erlebtes der Nutzer ­einer solchen Gemeinschaftsküche leise sichtbar machen sollen“, beschreibt er. Doch ich stecke somit in einer Sackgasse. Keiner der Fundi, die an der Produktion beteiligt waren, kann mir weiterhelfen. Auch die anderen Spuren laufen ins Leere.

Einige Tage vergehen, da erhalte ich plötzlich eine Mail von einem Außenrequisiteur von „Die Protokollantin“. Meine ungewöhnliche Anfrage scheint die Runde gemacht zu haben – und auch Beteiligte der Produktion, die ich nicht angeschrieben habe, wissen inzwischen davon. Er bringt Licht ins Dunkel und schreibt: „Die Tasse steht tatsächlich rein zufällig in der Dekoration. Wir brauchten ein paar bunt gemischte Tassen für die Kaffeeküche und haben einen Schwung bei einem Wohnungsauflöser gekauft.“ Das ist also die Erklärung: Keine tiefere Beziehung eines Schauspielers oder eines Ausstatters zu Biedenkopf. Kein Requisiteur, der schon den Grenzgang im nächsten Jahr herbeisehnt. Schlicht und einfach Zufall.

von Christian Röder

Hintergrund

„Die Protokollantin“ ist eine Krimi-Mini-Serie mit Iris Berben, Moritz Bleibtreu und Peter Kurth in den Hauptrollen. Seit Oktober 2018 wird sie im ZDF ausgestrahlt. Die Dreharbeiten der fünf Folgen fanden zwischen dem 24. April und 11. August 2017 in Bayern und Berlin statt. Produziert wurde die Serie durch die Moovie GmbH.