Volltextsuche über das Angebot:

30 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
"Die Beteiligten müssen sich einigen"

Interview "Die Beteiligten müssen sich einigen"

Im Interview mit der OP spricht Landrat Robert Fischbach erstmals Klartext über die Situation am UKGM, die Bedeutung des Klinikums für die Gesundheitsregion und seine Vermittlungsversuche.

Voriger Artikel
Migros kauft Tegut
Nächster Artikel
"Energetisches Herz" schlägt mit Dampf

Landrat Robert Fischbach (CDU) ist der Meinung, dass die Personalfragen am UKGM umgehend geklärt werden müssen.

Quelle: Katharina Kaufmann

Marburg. OP: Das Klinikbündnis hat dieser Tage in Wiesbaden die Unterschriften von 43000 Menschen abgegeben, die sich gegen den Stellenabbau am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) wenden. Haben Sie auch unterschrieben?

Robert Fischbach: Nein.

OP: Warum nicht?

Fischbach: Es hat mich keiner gefragt. Mir geht es auch nicht darum, öffentliche Aufmerksamkeit für mich zu erzielen. Mein oberstes Anliegen ist es, in Gesprächen dafür zu sorgen, dass die Krankenversorgung im Landkreis auf hohem Niveau sichergestellt ist.

OP: Reichen denn angesichts der dramatischen Entwicklung um das UKGM Gespräche aus?

Fischbach: Mein Eindruck ist, dass öffentliche Aktionen dem Standort Marburg eher schaden. Ich versuche, meinen Beitrag zur Sicherung des Standorts eher im Hintergrund zu leisten. Der direkte Austausch im Gespräch, um Lösungen zu finden, ist, glaube ich, die bessere Strategie.

OP: Was ist denn das Ziel Ihrer Gespräche?

Fischbach: Ich habe meine Aufgabe immer darin gesehen, durch Gespräche den Dialog zu organisieren, damit alle Beteiligten gemeinsam an dem Ziel einer optimalen Maximalversorgung arbeiten. Das Klinikum, das Diakoniekrankenhaus Wehrda, das DRK-Krankenhaus in Biedenkopf, die Bad Endbacher Kliniken, die unterschiedlichen Ärztevereinigungen, das Gesundheitsamt und die Kassenärztliche Vereinigung saßen an einem Tisch und wir haben versucht, die Dinge besser miteinander zu vernetzen und eine gewisse Vertrauenskultur untereinander zu schaffen. Es gab am Anfang eine leichte Gereiztheit wegen der Pläne des UKGM, Medizinische Versorgungszentren im Landkreis aufzubauen. Das haben wir ganz gut gelöst. Wir haben sogar eine gemeinsame Initiative für die Ausbildung von Ärzten auf den Weg gebracht: Junge Ärzte aus dem Klinikum in Landarztpraxen einzuführen.

OP: Und dann kam der große Krach mit der Initiative Notruf 113?

Fischbach: Die kamen eben am Anfang nicht zu den Gesprächen - und sie sollten doch auch nach Meinung aller anderen mit dabei sein. Es gab daraufhin mit dem Notruf 113 zwei Gespräche, das letzte vor ein paar Wochen, das erste vor gut einem Jahr.

OP: Da ging es aber um eine Klageandrohung gegen mehrere Mitglieder von 113 durch die Rhön-Klinikum AG.

Fischbach: Ja, aber das hatte der Notruf 113 ja als Vorwand für die Nichtteilnahme am runden Tisch genommen. Daher war es mein Anliegen, den Streit zu beenden. Auch das war auf einem guten Weg. Die damalige Geschäftsführung hatte die Rücknahme der Klageandrohung in Aussicht gestellt, die jetzige Geschäftsführung im Übrigen auch. Dann kam der große Streit wegen der vermeintlichen Streichung der 500 Stellen. Das hat diese Diskussion ins Stocken gebracht. Ich habe dann im Sommer einen neuen Anlauf genommen.

OP: Der Erfolg dieser Vermittlungsbemühungen von Ihnen und dem Marburger Oberbürgermeister Egon Vaupel war eher bescheiden.

Fischbach: Ich bedaure das sehr. Miteinander zu reden heißt doch nicht, dass man den Mund verboten bekommt. Das war zu keiner Sekunde so gedacht. Man hat das von 113 so interpretiert, aber das war wirklich nicht so.

OP: Sind Ihre Vermittlungsbemühungen endgültig gescheitert?

Fischbach: Ja. Die 113er wollen nicht an den Tisch zurück. Ich finde das sehr schade und verstehe es auch nicht. Man kann doch keinen Dialog verweigern, wenn man ernsthaft an einer Lösung interessiert ist. Ich werde aber alle anderen Beteiligten zu weiteren Gesprächen über die Gesundheitsversorgung im Landkreis einladen.

OP: Zum Klinikum: Wie sehen Sie die Diskussion um die Stellenstreichung?

Fischbach: Das gute Image des Standorts hat durch die Stellenstreichungsdiskussion dramatisch gelitten. Darüber müssen sich alle Beteiligten im Klaren sein. Das dürfen wir nicht zulassen und deshalb müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um diesen Zustand möglichst schnell zu beenden. Zum Wahlkampfthema darf es nicht werden.

OP: Ist schon die Privatisierung ein Fehler gewesen?

Fischbach: Sagen wir mal so: Ich bin der Überzeugung, dass man Kliniken sowohl in staatlicher als auch in privater Hand ordnungsgemäß und auf höchstem Niveau betreiben kann. Bei dieser Privatisierung hat man vielleicht ein paar Dinge nicht ausreichend bedacht. Möglicherweise hat man beispielsweise der Forschung und Lehre nicht den Stellenwert eingeräumt, der ihr zukommt.

OP: Mit dem Ergebnis, dass das Klinikum spätestens seit der Ankündigung, Stellen massiv abzubauen, bundesweit in den Schlagzeilen ist.

Fischbach: Diese Personalabbau-Diskussion ist von der Kommunikation her äußerst schlecht gelaufen. Man muss doch in der Lage sein, gemeinsam einen Personalschlüssel zu finden, an dem man sich orientiert. Es gibt gewisse Standards in Deutschland, die man einhalten muss und auf die man sich verständigen kann. Mit ein bisschen gutem Willen müssten sich die Beteiligten doch zusammenraufen können.

OP: Unterstützen Sie den Vorschlag, gesetzliche Personalstandards für die Krankenhäuser einzuführen?

Fischbach: Das wäre eine Möglichkeit. Ich maße mir jedenfalls kein Urteil darüber an, ob der jetzige Personalschlüssel der richtige ist.

OP: Nach gut einem halben Jahr Diskussion muss man feststellen, dass die Auseinandersetzung um den Stellenabbau sehr viel Porzellan zerschlagen hat. Sehen Sie überhaupt eine Chance, dass die Beteiligten wieder miteinander statt übereinander sprechen?

Fischbach: Diese Diskussion hat das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Klinikum massiv geschädigt. Alle Beteiligten müssen sich jetzt ganz einfach einigen. Das ist doch schließlich überall möglich. Alle Krankenhäuser stehen unter einem unwahrscheinlichen Kostendruck durch das Abrechnungssystem der Kassen, die Fallpauschale. Das ist eine Problematik unabhängig von der Betriebsform.

OP: Wie beurteilen Sie denn die Qualität der Gesundheitsversorgung im Kreis? Hat sich da etwas zum Schlechten entwickelt?

Fischbach: Nach meiner Wahrnehmung nicht. Ich glaube, dass dieses Klinikum hervorragende Arbeit leistet. Um dieses Krankenhaus beneiden uns viele in der Republik. Und wir müssen aufpassen, dass das so bleibt.

OP: Der Kreistag hat sich mehrfach zum UKGM geäußert und jeweils mit breiter Mehrheit die Landesregierung aufgefordert, die Zukunft des UKGM sicherzustellen. Wie wollen Sie den Druck auf Wiesbaden erhöhen?

Fischbach: Die Landrätin des Kreises Gießen, die Oberbürgermeisterin der Stadt Gießen, der Oberbürgermeister der Stadt Marburg und ich haben vor ein paar Tagen in einem gemeinsamen Brief an Ministerpräsident Volker Bouffier die fast identischen Parlamentsbeschlüsse aller vier Gebietskörperschaften übermittelt. So etwas gab es noch nie und zeigt die Bedeutung, die diesem Thema zugemessen wird. Wir zeigen Einigkeit darin, dass die Forschung und Lehre nicht zu kurz kommen dürfen und beide Standorte langfristig gesichert werden müssen. Das ist schon eine gute Haltung, die wir da gemeinsam an den Tag legen, und ich muss da vor allem den Kolleginnen aus Gießen Achtung zollen. Es geht ja in den Diskussionen unterschwellig zum Teil auch darum, ob es langfristig möglich ist, beide Standorte mit allen medizinischen Fachrichtungen zu erhalten, zumal sie nur 30 Kilometer auseinander liegen.

OP: Sehen Sie denn die Gefahr, dass der Standort Marburg dicht gemacht werden könnte? Zurzeit geht die Diskussion bei der Kinderonkologie gerade in die andere Richtung.

Fischbach: Ich sehe die Gefahr, dass einzelne Fachkliniken an einem Standort zusammengezogen werden. Und es wird dann mit Sicherheit nicht immer Marburg sein, wie jetzt bei der Kinderonkologie diskutiert wird. Beide Standorte sollen das bisher umfassende Angebot für alle Krankheitsbilder behalten. Früher war Marburg meistens vorn, aber durch die vielen Investitionen der Rhön-Klinikum AG am Standort Gießen sind dort teilweise auch sehr moderne Fachkliniken entstanden. Außerdem herrscht dort eine größere Harmonie zwischen den Beschäftigten, dem Fachbereich Medizin und Rhön als Betreiber, was einem positiven Image zu Gute kommt. Vor diesem Hintergrund ist die Solidarität zwischen Gießen und Marburg notwendig, damit es nicht zum Abbau von Angeboten kommt.

OP: Diese Beschlüsse drücken aber nicht nur Gemeinsamkeit aus, sondern auch, dass die Landesregierung in die Pflicht genommen wird.

Fischbach: Sicher, das ist so. Und zwar über das Ende der Legislaturperiode hinaus, egal wie die Landesregierung dann aussehen wird.

OP: Was muss jetzt passieren?

Fischbach: Zunächst haben wir ja die Situation, die wir haben. Ich glaube nicht, dass eine Rückführung in staatliche Trägerschaft in Frage kommt. Ich glaube, dass wir uns darüber unterhalten müssen, wie wir den Einfluss des Landes erhöhen können. Das ist aber eine Sache, die wir vor Ort bestenfalls gesprächsweise begleiten können. Entscheiden können wir es nicht. Ich fände gut, wenn wir die zentrale Frage, nämlich nach der Personalausstattung, einer Entscheidung zuführen könnten und es so zu einer Befriedung kommt. Das ist, glaube ich, der entscheidende Punkt.

OP: Welchen Stellenwert hat das Klinikum bei der Entwicklung der Gesundheitsregion Marburg-Biedenkopf?

Fischbach: Ohne Klinikum keine Gesundheitsregion. Gäbe es das Klinikum nicht mehr, verlöre die Gesundheitsregion ihr Zugpferd. Jeder vierte Arbeitsplatz im Gesundheitsbereich wird durch das Klinikum angeboten. Das Klinikum spielt die entscheidende Rolle bei der ganzheitlichen Versorgung unserer Bürger. Wir haben gemeinsam mit dem Klinikum viele Dinge für die Gesundheitsregion auf den Weg gebracht, die sehr gut laufen. Von der Landarztinitiative habe ich ja anfangs schon gesprochen. Es tut mir in der Seele weh, dass die Stellenabbaudiskussion jetzt so viel ins Wanken gebracht hat.

OP: Zu guter Letzt: Welche Rolle spielt denn das Partikeltherapiezentrum für die Gesundheitsregion Marburg-Biedenkopf?

Fischbach: Das Partikeltherapiezentrum muss meiner Meinung nach unbedingt in Betrieb gehen. Das kann man keinem Menschen erklären, dass erst 120 Millionen Euro investiert und dann dort keine Patienten behandelt werden. Für die Gesundheitsregion hätten wir ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal durch eine Behandlungsmethode auf höchstem Niveau.

von Katharina Kaufmann und Till Conrad

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Hinterland

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr