Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Die Arbeitswelt krankt
Landkreis Hinterland Die Arbeitswelt krankt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:15 18.08.2012
Wenn der Rücken schmerzt, ist an Arbeit kaum zu denken.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Marburg. „Der Arbeitsmarkt ist nicht mehr so gemütlich wie früher. Es gibt mehr Druck. Die Arbeitsintensität hat sich erhöht“ Das zumindest beobachtet Claudia Banihamad, Apothekerin in Ockershausen. Zu ihr kommen die Menschen, die über Stresssymptome klagen. Die in der Medizin nach Entspannung suchen.

Und auch die Zahlen des DAK-Gesundheitsreport für dem Landkreis Marburg-Biedenkopf untermauern ihre Beobachtungen. Im Jahr 2011 ist der Krankenstand im Landkreis erneut leicht angestiegen. Die Ausfalltage aufgrund von Erkrankungen nahmen um 0,1 Prozentpunkte zu und liegen mit 3,9 Prozent weiter über dem hessenweiten Durchschnitt (3,7 Prozent). Wie aus dem Gesundheitsreport für den Landkreis Marburg-Biedenkopf hervorgeht, steigen im Vergleich zum Vorjahr bei allen Diagnosen die Ausfalltage an. Allein aufgrund von Rückenleiden gab es sieben Prozent mehr Fehltage.

Bedenklich, so die Chefin der DAK-Gesundheit, Sabine Weinreich, sei die Tatsache, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen mit 13,5 Prozent bereits auf Platz drei der häufigsten Krankheitsgründe liegen. Tendenz steigend. Meist, so die Weinreich, ziehe besonders dieses Krankheitsbild eine längere Anzahl von Fehltagen hinter sich her. Diese beiden Krankheitsbilder zusammen sind für knapp 45 Prozent der Gesamtfehltage verantwortlich. Ein Problem, das nicht nur die Krankenkassen sondern auch viele Betriebe erkannt haben.

Dr. Sabine Hofmann versucht in Zusammenarbeit mit den kleinen und mittelständischen Unternehmen, die Probleme schon da zu beseitigen, wo sie entstehen. Am Arbeitsplatz selbst. Denn sie weiß: Stress, Überforderung, das Gefühl, die eigene Leistung werde nicht genug wertgeschätzt, steht im direkten Zusammenhang mit den ansteigenden Krankheitszahlen. Aber sie weiß auch: Manchmal können es auch ganz praktische Dinge sein, die das Wohlbefinden steigern und damit zusammenhängend auch die Zahl der Krankenstände verringert. „Es kann schon mal helfen, mehr Bewegung in den Arbeitsablauf mit einzubinden“, so Hofmann. Der oft zitierte Gang zum Drucker oder das Prinzip „Treppe statt Aufzug“ sei schon mal ein Anfang.

Sabine Weinreich fügt hinzu: „Prävention ist noch immer ein wichtiges Thema. Es muss nicht immer das Besondere sein. Es kann auch ruhig die Walkinggruppe nach Feierabend für den Ausgleich sorgen.“ Gerade bei Kurzzeiterkrankungen habe auch die Krankenkasse keine Chance, zu reagieren. Deshalb sei es besonders wichtig, dass sich an allgemein gültige Grundregeln gehalten werden. Viel Bewegung, gesunde Ernährung, eine Balance zwischen Arbeitsstress und Freizeit. „Manchmal muss man einfach mal bei sich anfangen und den inneren Schweinehund überwinden. Dafür gibt es leider kein Rezept vom Arzt.“

Mit Nachdruck weist Weinreich noch einmal auf den Zusammenhang von Arbeitsstress und Herzinfarktrisiken hin.

3718 Personen verstarben hessenweit im Jahr 2010 an den Folgen eines Herzinfarktes. Seit wenigen Jahren versuchen die Krankenkassen nicht nur einen Zusammenhang zwischen den Klassischen Risikofaktoren wie Bewegungsmangel oder Nikotion, sondern auch psychosoziale Faktoren, mit einzubeziehen. Immerhin 18,5 Prozent der Befragten gaben an, unter der Vermehrung des Arbeitsvolumens zu leiden. 19,1 Prozent beschwerten sich über häufigen Zeitdruck und immerhin 8,8 Prozent haben an, die unter der vielen Verantwortung, die ihnen übertragen werde, zu leiden. „Irgendwann zieht man Bilanz und stellt fest: Ich verausgabe mich und gebe alles in meinem Beruf. Sehe aber keine Belohnung und Anerkennung“, erklärt Sabine Hofmann.

Ziel, so waren sich die Vertreterin der Krankenkasse, die Ärztin und die Apothekerin einig, müsse es sein, Arbeitsplätze zu schaffen, an denen langfristig auf Prävention gesetzt werde. Dazu, so betonen sie, gehöre auch ein gutes Arbeitsklima, in dem Überforderung oder Stress keine Tabuthemen seien.

von Marie Lisa Schulz

Anzeige