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Der ungewollte Abschied naht

Schulleiter muss in Ruhestand Der ungewollte Abschied naht

Ein Leiter einer Schule mit 1800 Schülern und 110 Lehrern ist wie der Chef eines mittelständischen Unternehmens, sagt Norbert Herlein. Der Pädagoge und Manager beendet seine berufliche Karriere.

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In dieser Sitzecke in seinem Büro fanden die Mitarbeitergespräche statt, da ging es nicht immer gemütlich zu, erinnert sich Norbert Herlein. Nun kann er sich entspannt zurücklehnen.Foto: Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. „GI NH 67“ steht auf dem Autokennzeichen von Norbert Herlein. Die Nummer hatte er sich vor drei Jahren ausgesucht - sie sollte Signalwirkung haben. Die Buchstaben erklären sich von selbst: Der Schulleiter der Adolf-Reichwein-Schule ist Gießener, pendelt täglich von Linden in die Weintrautstraße nach Marburg. Doch 67? Herlein erklärt: „Ich entschied mich vor drei Jahren, bis 67 arbeiten zu wollen. Als später das Beamtengesetz geändert wurde und dies rechtlich möglich schien, sagte ich sogar, ich mach bis 70.“ Nun ist Norbert Herlein 65 Jahre alt und er muss am Freitag die Berufliche Schule, die fast 1800 Schüler hat, verlassen. Er muss, will aber eigentlich nicht. Norbert Herlein hatte beim Schulamt Marburg-Biedenkopf und beim Kultusministerium des Landes Hessen um ein Jahr Verlängerung gebeten. Nachdem sein Antrag abgelehnt worden war, zog er vor das Verwaltungsgericht Gießen. Auch dort bekam er kein grünes Licht für sein Vorhaben: Die Klage wurde abgewiesen (die OP berichtete). Herlein will nicht in die nächste Instanz: „Ich akzeptiere das.“ Dem Schulamt und dem Magistrat hat er ausgerichtet, dass er auf eine offizielle Abschiedsfeier verzichtet.

Schule erhält Cafeteria

Im Gespräch mit der OP erläutert Herlein seine Gründe für seinen unerfüllten Wunsch: „Ich halte nichts vom dogmatischen Festhalten an Altersgrenzen. Wer leistungsstark ist, sollte weitermachen. Die Last sollte zudem nicht auf den Schultern der jungen Menschen liegen“, sagt er.

Formal könne er auf das neue Beamtenrecht des Landes Hessen verweisen: Demnach ist es grundsätzlich möglich, bis zum 70. Lebensjahr zu arbeiten. Aber nicht für Norbert Herlein. Er bedauert die Gerichtsentscheidung nicht nur für sich persönlich, sondern auch für sein Kollegium. Es gibt laut Herlein noch keinen Nachfolger, das Bewerbungsverfahren sei noch nicht abgeschlossen. 110 Lehrer sind an der Schule angestellt. Der ARS-Leiter ist „der Chef eines mittelständischen Unternehmens“, sagt Herlein.

Wichtig: Netzwerke kennen

„Ein Schulleiter ist nicht nur Pädagoge, sondern auch Manager. Er sollte die Netzwerke politischer Entscheidungsprozesse kennen und ausnutzen können. Er muss Konflikte aushalten können und die Entscheidungsträger ansprechen.“ So fasst der 65-Jährige das Profil seiner Stelle zusammen. In der Schulpolitik ist Herlein als streitbarer Lobbyist für seine Schule bekannt: Er kämpfte für eine Sporthalle, für eine Mensa.

Dass seine Schüler nun die umgebaute Temmler-Halle nutzen können, sei gut, aber immer noch nicht optimal. „Als Übergangslösung ist das okay. Richtiger Ballsport oder Geräteturnen ist dort nicht möglich“, sagt er.

Zum Abschluss seiner beruflichen Laufbahn kann er jedoch dem Kollegium, den Schülern und Lehrern eine Erfolgsmeldung verkünden: Die Planungen für einen Cafeteria-Anbau liegen vor, im April 2015 soll die Cafeteria eröffnet werden.

Eine Mensa wird es nicht, es wird keine warmen Mahlzeiten geben, erklärte Herlein. Aber dafür ein Salatbuffet. Die Schule wird sich auch damit weiter verändern, freut sich Herlein. Er selbst hat in den vergangenen 15 Jahren schon viele Veränderungen erlebt und mit angestoßen.

1998 gab es 1200 Teilzeitberufschüler, heute 1200 Vollzeitberufsschüler. Gab es vor 15 Jahren maximal 80 Jugendliche, die die gymnasiale Oberstufe der ARS besuchten, sind es heute zirka 400. Sechs Schulformen, sieben Berufsfelder hat die ARS zu bieten: Künftige Handwerker, Mediengestalter oder chemisch-technische Assistenten lassen sich an der ARS ausbilden. „Wir sind ein Kompetenzzentrum. Hier findet keine reine Wissensvermittlung statt. Wissen muss auch angewandt werden“, sagt Herlein.

von Anna Ntemiris

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