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Hinterland Der steinige Weg raus aus der Sucht
Landkreis Hinterland Der steinige Weg raus aus der Sucht
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18:49 28.04.2017
Weg vom Alkohol: Jens Schmalz beschreibt seinen Weg raus aus der Sucht. Quelle: Christian Röder
Allendorf

„Ich kam schon ziemlich früh mit Alkohol in Kontakt“, erinnert sich der heute 47-Jährige an seine Jugendzeit. Mit 16, 17 Jahren war es für Jens Schmalz und seinen Freundeskreis ganz normal, beim Abhängen ein paar Bier zu zischen. „Ich hatte damals nur positive Erfahrungen mit Alkohol verbunden“, sagt er. „Ich bin ­eigentlich ziemlich schüchtern. Nach ein paar Bier wurde ich mutig. Alkohol war meine ­Geheimwaffe.“

Nach außen habe er seine­ Sucht nie getragen. Weder in seiner Ausbildung noch auf seiner Arbeitsstelle hat er offen gezeigt, dass er sich abends die Kante gab. Auch seine Frau wusste lange nichts. „Auf dem zweiten Bildungsweg habe ich Maschinenbau studiert“, erinnert sich der Familienvater. „Das tat mir gut. Ich war abgelenkt, habe mich voll auf das Lernen konzentriert.“ Alkohol gab’s da nur noch sporadisch.

Angst als ständiger Begleiter

Bis die Sucht mit voller Kraft zurückschlug. „Ich habe dann als Maschinenbauingenieur gearbeitet.“ Mit dem Job kam immer mehr Verantwortung. „Und immer mehr bin ich mit dem Druck nicht klargekommen.“ Schmalz‘ „Lösung“: wieder ­Alkohol. Mehr und mehr.

Um 2006 muss es gewesen sein, dass der Allendorfer erstmals realisierte, dass es so nicht weitergeht. „Da ist was faul, dachte ich mir. Jeden Tag habe­ ich mir aufs Neue ­gesagt: Jetzt hörst du auf.“ Vergeblich. „Immer auf dem Heimweg kam dann der Rückfall. Einmal kannst du noch ...“ Es blieb nicht bei „einmal“.

Irgendwann kam die Familie dahinter. Man sprach sich aus, setzte auf eine Therapie. „Acht Wochen Entwöhnung“, sagt der Allendorfer. „Lief super – bis ich wieder zu Hause war.“ Es folgten mehrere „heftige Rückfälle“, wie er sagt. Ständiger Begleiter war die Angst. Die Angst, dass jemand am Nachbartisch ein Glas Wein trinkt. Der Kollege einem ein Bier anbietet. Oder dass in den Pralinen, die verlockend auf dem Tisch stehen, Alkohol drin sein könnte. So ging es nicht weiter. Aber was tun?

Ein spirituelles Buch brachte die Wende

Die Lösung für Schmalz’ Suchtkrankheit kam 2011 in Gestalt eines Buches. Es handelte vom Sinn des Lebens, spirituelle Literatur. „Ich war fasziniert, hab mich in das Thema vertieft, alles aufgesogen, mir selbst Gedanken gemacht.“ Dann war es 2014. „Da habe ich gemerkt: Du bist völlig frei von Alkohol. Ich habe kein Verlangen mehr danach. Selbst meine Angst, rückfällig zu werden, war komplett verflogen“, erinnert sich Schmalz und nimmt einen Schluck von seinem Milchkaffee. Das letzte Mal getrunken hat der Vater zweier Kinder im Juni 2011. Er muss kurz überlegen, wann es genau war. Dann sagt er: „Daran will ich gar nicht mehr denken. Es ist uninteressant für mich geworden.“

Damit auch andere den Weg aus der Sucht schaffen, hat er seine Geschichte aufgeschrieben. Gut 400 Seiten dick ist das Werk, welches er kürzlich bei einer Lesung während der Leipziger Buchmesse vorgestellt hat. „Ich hatte nie Ambitionen, zu schreiben, bis zu jenem Sonntagnachmittag im Jahr 2014“, erinnert sich der Allendorfer. „Ich erinnere mich genau daran. Die Sonne schien und da traf es mich wie ein Blitz: Ich schreibe das jetzt alles auf – auch um mich selbst zu reflektieren, aber auch um anderen eine Hilfestellung zu geben.“ In „Mein Weg. Zukunft als gesunder Mensch“ erzählt Schmalz seine Geschichte. Er übt dabei auch Kritik an den herkömmlichen Wegen der Schulmedizin zur alkoholischen Entwöhnung und Abstinenz. „Jeder muss für sich selbst seine Erkenntnisse daraus ziehen. Ich lade ganz gezielt zum Umdenken ein.“ Wichtig sei der „Wille zur Genesung – dann kann man es schaffen, die Alkoholkrankheit zu besiegen“, ist sich Schmalz sicher.

„Meine Frau hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt“

Ganz offen sagt er: „Eine ­gewisse spirituelle Ader des ­Buches ist nicht zu verbergen.“ Religiös werde es jedoch nicht. „Ich bin zwar Christ und finde Jesus faszinierend, allerdings vor allem als spirituellen Lehrer.“ Viel wichtiger sei es, seinem Leben einen Sinn zu geben, selbst den Willen zu haben, gesund zu werden – und jemanden zu haben, der einen antreibt. „Bei mir war es meine Frau. Sie hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt – und mich letztlich so gerettet.“
Drei Jahre hat Schmalz an seinem Erstling geschrieben. Das Endprodukt ist mit vielen Illustrationen versehen, auch Ölmalereien des Allendorfers sind darunter. Die Erstauflage beträgt 1 000 Exemplare. „Mein Weg. Zukunft als gesunder Mensch“ wird auch als E-Book erhältlich sein. Schmalz hofft, dass er mit seinem Buch die Menschen erreicht, die sich nicht mehr anders zu helfen wissen, – und ihnen helfen kann.

Jens Schmalz: „Mein Weg. Zukunft als gesunder Mensch“, Noel-Verlag, 429 Seiten, 24,90 Euro.

von Christian Röder

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