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Hinterland Der moderne Mensch, ein Berufsreisender
Landkreis Hinterland Der moderne Mensch, ein Berufsreisender
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19:51 04.05.2012

Marburg. Der Landkreis ist in Bewegung. Tausende Menschen, deren Wohn- und Arbeitsort sich unterscheiden. Tausende Menschen, die täglich mit Bus, Bahn und Auto kleine Reisen auf sich nehmen, um zu ihrer Arbeitsstelle zu gelangen. Angesichts der Ein- und Auspendlerzahlen drängt sich eine Frage auf: Arbeitet überhaupt noch jemand an dem Ort, an dem er auch wohnt? Die Antwort ist einfach: Ja, die Mehrheit sogar. Aber die Grafik zeigt eben auch: Pendeln ist längst keine Ausnahmeerscheinung, keine Notlösung mehr, sondern ein häufig gewähltes Lebensmodell. Manche entscheiden sich bewusst für eine größere Distanz zwischen Arbeits- und Privatwelt, andere sehen es als Kompromiss, berufliche Ziele weiter zu verfolgen und gleichzeitig an dem Ort leben zu können, an dem bereits Wurzeln geschlagen, ein soziales Netzwerk aufgebaut wurde.

Besonders auffällig: 24 475 Menschen pendeln täglich nach Marburg ein, nur 7 098 aus. Diplom Geograph Hendrik Kohl hat dafür eine mögliche Erklärung. Er war 2011 beteiligt an den Untersuchungen für die „Mobilitätsstudie: Eine Analyse zur räumlichen Mobilität und Verkehrsmittelwahl von Studierenden und Mitarbeitern der Philipps-Universität Marburg“. Eines der Studienergebnisse: Die Philipps-Universität, als einer der größten Arbeitgeber in Marburg, zieht Menschen aus dem ganzen Landkreis an. Während Dozenten, Professoren und wissenschaftliche Hilfskräfte vermehrt in Uninähe wohnen, pendeln Mitarbeiter aus den Administrativen- und Verwaltungsbereichen deutlich häufiger aus den umliegenden Städten und Gemeinden ein.

Aber nicht nur innerhalb des Landkreises wird gependelt. Die Hessen scheinen Meister im Länderwechsel zu sein. Wenig überraschend: 94.228 Menschen pendelten 2011 regelmäßig für ihre Arbeit in die Pfalz, 55.174 nach Bayern und 48.333 nach Nordrhein-Westfalen. Manch einen zieht es noch weiter weg. 4.315 Hessen arbeiten in Schleswig-Holstein, 4.422 in Brandenburg und 8.854 in Berlin.

Wem das noch nicht weit genug ist: 3.328 der Hessen hat es zum Arbeiten ins Ausland gezogen. Gemeldet sind sie noch in ihrer hessischen Heimat.

Angesichts solcher Zahlen wundert es nicht, dass sich auch Psychologen mit dem Phänomen „Berufsreisende“ beschäftigt. Einer von ihnen ist Professor Bernhard Schlag, Verkehrspsychologe an der TU Dresden. Er ist sich sicher: „Acht Stunden Arbeit plus lange Pendelzeit – das ist lebensbestimmend.“ Er hat Pendler und ihre Steuervermeidungsstrategie im Laufe seiner Forschungsarbeiten untersucht. Seine Schlussfolgerung: Nur wer sich an seiner Arbeitsstelle durchweg wohl, gebraucht und gefordert fühlt, der nimmt auch eine lange Anreise in Kauf. Wer mit seiner Arbeitsstelle hadert, der beginnt im Kopf eine einfache Rechnung aufzustellen. Lohnt es sich, die Zeit, die auf der Strecke bleibt, überhaupt zu investieren? Wie viel Lebensqualität geht verloren? Er hat im Laufe seiner Studien ein Ergebnis festgehalten. Nicht das Pendeln allein sorgt für Unzufriedenheit. Es ist die Gesamtsituation. Stress auf der Arbeit, fehlende Freizeit, lange Anreisen.

Umso wichtiger, so der Psychologe, dass die Reisezeit so angenehm wir möglich gestaltet wird. Hörbücher und ausgewählte Musik für die Autofahrer, ein Buch und Zeitschriften für die Zug- und Buspendler. „Für viele ist die Rückfahrt der Appendix des Zuhauses – der Beginn der Freizeit“, erklärt Schlag. Doch egal wie zufrieden die Pendler mit ihrer Arbeitssituation sind, eines eint sie alle: Sie wollen schnell zurück  Eine Gefahr, so Bernhard Schlag. „Sicher und schnell nach Hause kommen – das ist ein Widerspruch. Das sind zwei Ziele, die man nicht gemeinsam erreichen kann.“ Er rät zur Gelassenheit. Jeden Tag aufs Neue.

von Marie Lisa Schulz

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