Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Die „Spice Girls“ von Breidenstein
Landkreis Hinterland Die „Spice Girls“ von Breidenstein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 12.11.2018
Veronika (links) und Kim Blecker haben die Gewürzregale in der neuen Manufaktur in Breidenstein bereits für den Eröffnungstag bestückt. Quelle: Thorsten Richter
Breidenstein

Sie haben monatelang geschuftet und viele, viele Nachtschichten eingelegt, damit ihre neue Gewürz-Manufaktur in der Brückenstraße 7 in Breidenstein am kommenden Samstag ab 13 Uhr mit einem Tag der offenen Tür ihren Betrieb aufnehmen kann. Für Veronika und Kim Blecker sind 16-Stunden-Tage aber nichts Neues. Seit ihr Online-Shop für handgemachte Gewürzmischungen vor eineinhalb Jahren an den Start gegangen ist, dreht sich das Leben der beiden jungen Frauen um „Der kleine Gourmet“.

Der Online-Gewürzhandel aus Schröck ist zu einem erfolgreichen heimischen Start-up geworden. Die beiden jungen ­Unternehmerinnen leben vom Gewürz-Verkauf, stellen demnächst noch eine Aushilfskraft ein, verrät die 29-jährige Veronika Blecker.

Ihr Geschäft haben sie ­Anfang vergangenen Jahres in der ­gemeinsamen Wohnung in Schröck aus der Taufe gehoben. Veronika Bleckers Ideen fürs Kochen und Würzen kamen bei Partnerin Kim und im Freundeskreis so gut an, dass ein ­Geschäftsmodell daraus wurde. Los ging‘s mit einem Zimmer voller Gewürze: Warenannahme, Herstellung, Verpackung und Vertrieb, alles organisiert in den eigenen vier Wänden. Die Küche daheim diente und dient weiterhin als „Entwicklungslabor“ für die Rezepturen.

Ideen für neue Mischungen kommen beim Essen

Eine der neuesten Kreationen: Kaffeesalz. „Die Idee dafür hatte ich, als wir Burger essen waren. Da dachte ich, eine Kombination aus feingemahlenem Espresso und Salz würde super zu Süßkartoffel-Pommes passen.“ Die Idee setzt sich gerade durch. Das neue Produkt findet im Online-Shop bereits reißenden Absatz. Soweit zu den Anfängen von „Der kleine Gourmet“. Weiter ging‘s damit, dass der Platz in der Wohnung in Schröck nicht mehr ausreichte.

„Wir hatten gerade einmal sieben Quadratmeter zur Verfügung, ich weiß gar nicht, wie wir das hinbekommen haben“, erinnert sich Kim Blecker. Der Platz hat sich nun verzehnfacht. Auf 70 Quadratmetern steht den beiden Jung-Unternehmerinnen zumindest vorerst genügend Raum zur Verfügung, um Gewürze zu mischen, abzufüllen, zu etikettieren, verpacken und versenden. All das geschieht in Handarbeit.

Entstanden ist die neue Manufaktur an einem Ort, der in der Familie der 25-jährigen Kim ­eine große Bedeutung hat. Etwa 15 Jahre sind vergangen, seit Oma Heidrun Schneider ihren Textilladen mit Poststelle in der Brückenstraße aufgegeben hat. „Es lief nicht mehr, und als dann irgendwann ein Einbrecher direkt vor meinem Bett stand, hatte ich genug“, blickt die 73-Jährige zurück. „Das war schon schade, ich hatte den ­Laden von meinen Eltern übernommen. Er hatte in Breidenstein eine lange Tradition.“

Alles selbst gestemmt

Diese Tradition­ wird durch ­Enkelin Kim wieder ­lebendig. „In den vergangenen Monaten waren wir quasi jeden Tag hier auf der Baustelle“, berichtet die 25-Jährige, die nebenher noch Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt studiert und kurz vor dem Abschluss steht. Ihre Partnerin Veronika ist ­gelernte Veranstaltungskauffrau, „das kommt mir bei unserer Arbeit sehr zugute“, sagt sie.

Auf der Baustelle haben die beiden jungen Frauen alles selbst gestemmt – die Elektrik mal ausgenommen. Der alte Laden, noch immer in Familienbesitz, bekam neue Wände,­ Türen, Fenster, eine Toilette. Ein großer Raum für Produktion und Vertrieb ist entstanden, ein separater für die Büroarbeit. „Ich staune, was die beiden hier geschafft haben, das ist einfach toll“, schwärmt Oma Heidrun und ihr Gesicht glüht vor Stolz.  

54 Mischungen im Sortiment

Ein paar wenige Handgriffe­ müssen im neuen Firmen-­Domizil noch erfolgen, bis sich am Samstag, 10. November, die Pforten des Ladens für die ­Besucher öffnen. Gäste können sich dann anschauen, wie die Gewürzmischungen entstehen. Mit dabei sind Klassiker aus der Rubrik „Wie bei Oma“, beispielsweise das Kartoffelsalat-Gewürz. Dann gibt es Allrounder wie Tomaten-Pfeffer. Oder Grillgewürze wie das tiefrote „Holy­ Fuck“, das es auf der Schärfe­skala auf schweißtreibende 70 000 Scoville bringt. Das Sortiment besteht gegenwärtig aus 54 Mischungen. Weitere kommen auf Kundenwunsch hinzu. „So war es auch mit unserem Rühreigewürz, eine unserer erfolgreichsten Mischungen“, sagt Veronika Blecker.

Ihren ­Erfolg führen die beiden jungen Frauen auf verschiedene Faktoren zurück. „Selbständig sein zu wollen, keine Lust auf einen Nine-to-five-Job zu haben und die Bereitschaft, langsam zu wachsen und zu schauen, was draus wird, sind bestimmt sehr hilfreich“, sagt Veronika Blecker. Außerdem, so habe ein Produkttest im Fernsehen ergeben, dass die Gewürzmischungen von „Der kleine Gourmet“ vergleichsweise günstig seien.

„Unsere Gewürzgläschen sind randvoll mit Kräutern und Gewürzen und durch das Glas kann man auch sehen, wie die Mischung aussieht“, hebt Kim Blecker hervor. Künstliche Geschmacksstoffe und Rieselhilfen sind indes ein Tabu. Alle Kräuter, die die Unternehmerinnen verwenden, wurden in Deutschland ­gezogen. Die weiteren Zutaten­ beziehen die Breidensteiner­ ­Gewürzmischerinnen von ­einem Großhändler in Berlin.

Verkauf läuft im Internet und in heimischen Läden

Bei „Der kleine Gourmet“ läuft der Verkauf zum Großteil übers Online-Geschäft. Die Gewürzmischungen gibt‘s inzwischen aber auch bei verschiedenen heimischen Edeka- und Rewe-Märkten in Marburg und Umgebung sowie bei mehreren Metzgereien im Landkreis. Außerdem sind die Gewürzmischerinnen im Dezember beim Weihnachtsmarkt in der Marburger Oberstadt mit ihrem Stand vertreten.

In den sozialen Medien wächst die Zahl der Menschen, die mitverfolgen, was sich bei den beiden heimischen Jung-Unternehmerinnen so alles tut. 9.000 Follower schauen sich bei Instagram die Food-Posts und Rezepte von Veronika Blecker an. Denn zu jeder Gewürzmischung gibt es auch eine Koch-, Back- oder Grill-Empfehlung. Zugleich kochen mehrere Blogger mit den Gewürzmischungen von „Der kleine Gourmet“ und berichten im Internet darüber.

Veronika und Kim Blecker sind übrigens nicht nur Geschäfts-, sondern auch Ehepartnerinnen. „Das funktioniert sehr gut – wir können uns voll und ganz aufeinander verlassen“, sagen Kim Blecker und Veronika findet: „Wir ergänzen uns prima.“

von Carina Becker-Werner