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Hinterland Der Rummel um die Rummel-Plätze
Landkreis Hinterland Der Rummel um die Rummel-Plätze
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00:16 02.10.2018
Der Gladenbacher Kirschenmarkt ist mit seinen vielen Fahrgeschäften auf kleiner Fläche jedes Jahr ein Besuchermagnet. Quelle: Gianfranco Fain

So regelmäßig wie jedes Jahr ein Kirschenmarkt in der Hinterland-Stadt stattfindet, sehen sich die Organisatoren in Gladenbach seit 2013 fortlaufend mit Gerichtsverfahren um Standplätze auf dem Rummel und in der Fressgasse konfrontiert. Die Akteure auf dem Parkett des größten Volksfestes der Region sind dabei stets dieselben. Auf der einen Seite die veranstaltende Stadtmarketing-Energie-Bäder GmbH, die sich der Dienste von Generalpächter Konrad Ruppert aus Bad Wildungen bedient, sowie der Magistrat, der das Entscheidungsrecht hat, und auf der anderen Seite Herbert Kreuser.

Der im Gladenbacher Stadtteil Diedenshausen ansässige Schausteller war bisher der Beschwerdeführer vor den Verwaltungsgerichten, wenn es um die erneute Vergabe der Generalpacht für den Kirschenmarkt, die Ablehnung eines Fahrgeschäftes seiner Familie wie Autoscooter, Pizza-Hütte oder „Enten-Angeln“ oder um das Ergebnis einer Bewertung für die Autoscooter ging. Neuerdings kreuzen Kreuser und die Stadt auch die Klingen vor zivilen Gerichten, wegen Schadenersatz für Verdienstausfall, oder Kreuser und Ruppert, wenn über ausstehende Pachtzahlungen verhandelt wird.

Wie es weitergeht ist unbekannt. Fest steht nur, dass den Gladenbacher Kirschenmarkt in den vergangenen Jahren negative Schlagzeilen begleiteten. Über mögliche Ursachen und Hintergründe sprach die OP mit dem Vorsitzenden des Landesverbandes für Markthandel und Schausteller Hessen, der rund 400 Mitglieder repräsentiert. Roger Simak glaubt nicht, dass es eine gütliche Lösung geben wird, denn „eine Schlichtung scheiterte schon vor Jahren“ und mittlerweile habe sich der Zwist hochgeschaukelt. In Gladenbach geht es nicht mehr nur um ein lukratives Geschäft, da spielt mittlerweile auch der mögliche Gesichtsverlust der Kontrahenten eine Rolle, meint Simak.
Es geht um die Existenz der Schaustellerunternehmen, 400 gibt es in Hessen, die fast ausschließlich Familienbetriebe sind. Es geht um die Existenz, weil das Geschäft härter als früher ist. Die ehemals vom Frühsommer bis Spätherbst währende Saison wandelte sich zum Ganzjahresbetrieb. In manchen Jahren gibt es für die Schausteller nicht einmal mehr den Januar als Ruhemonat, in dem die Jahresplanung vorgenommen wird, erläutert Simak.

Kirschenmarkt: wirtschaftlich sehr interessant

Ab Februar gibt es Jahrmärkte zu großen und kleinen Festanlässen bis hin zu den Weihnachtsmärkten im Dezember. Dazwischen noch Stadtfeste, die den Wegfall der Kirmesveranstaltungen kompensieren. Für die Schausteller bedeutet das: Bei den Märkten am Wochenende fast rund um die Uhr zu arbeiten, dazwischen Abbau des Geschäfts, Pflege und Instandsetzungsarbeiten sowie die Anreise zum nächsten Markt und der Aufbau des Standes.

Da versuchen die Schausteller natürlich, auf die lukrativsten Märkte zu kommen, wie zum Beispiel den Kirschenmarkt. Als „wirtschaftlich sehr interessant“ bezeichnet ihn Simak, ordnete ihn als überdurchschnittlich ein, ähnlich wie die Märkte in Bad Wildungen, Frankenberg, Fritzlar oder Kassel. Im Gegensatz zu den dortigen Märkten lässt die Stadt Gladenbach aber nicht bevorzugt den Schausteller zum Kirschenmarkt zu, der auch in der Stadt ansässig ist.

Die Folge waren mehrere Klagen von Herbert Kreuser (Foto), die zum Teil schon entschieden, teilweise noch offen sind und nach der letzten Entscheidung in einer Schadenersatzklage in Kreusers Ankündigung gipfeln, vor den Bundesgerichtshof zu gehen.

Vergabe-Entscheidungen von Behörden nicht zu akzeptieren, verstoße zwar gegen den Schausteller-Codex, dennoch will Simak Aussagen wie die von Generalpächter Konrad Ruppert (Foto), Kreuser sei der Totengräber des Gewerbes, nicht gelten lassen. Dann wäre Gladenbach ein Einzelfall, sagt Simak. Mittlerweile zögen Schausteller aber häufig vor Gericht, auch bis zur jeweils höchsten Instanz. Das System, dass die Stadt Gladenbach in den vergangenen Jahren justierte, ist mittlerweile von Gerichten anerkannt, meint Simak. Der Generalpächter trifft zwar noch eine Vorauswahl, aber Kreuser erstritt vor Gericht, dass die Stadt die Auswahlentscheidung trifft. Wie diese erfolgt ist allerdings unbekannt. Der Magistrat tagt darüber in nichtöffentlicher Sitzung, Details zu den Entscheidungen, wie zum Beispiel die Bewertungen von Fahrgeschäften, werden allenfalls bekannt, wenn diese vor Gericht öffentlich ausgebreitet werden.

Verwaltung „Hunderte von Stunden“ beschäftigt

Ebenso wenig bekannt ist, wie viel Geld die Auseinandersetzungen um den Gladenbacher Kirschenmarkt schon kosteten. Bürgermeister Peter Kremer sprach dieses Jahr in seinem Grußwort von „hunderten von Stunden“, die sich Mitarbeiter der Kommune beschäftigen mussten mit Eilanträgen zur Zulassung der Autoscooter, mit Beschwerden vor Verwaltungsgerichten, dem Verwaltungsgerichtshof oder mit Schadenersatzklagen vor dem Landgericht oder dem Oberlandesgericht. Allein an Gerichtskosten ist schon ein fünfstelliger Betrag erreicht.

Es geht um viel Geld, das in der Branche immer knapper wird, auch weil die 1:1-Wandlung von DM zu Euro schon vor Jahren vollzogen wurde.

Neuer Autoscooter kostet rund eine Million Euro

Die Schausteller klagen über steigende Pachtkosten für Stellplätze, kostenintensive, höhere Anforderungen an Sicherheit und Personalprobleme. Arbeitskräfte, die ihre Familien für ein Dreivierteljahr verlassen, seien selbst aus Osteuropa kaum noch zu bekommen. Derzeit versuche der Verband ein Abkommen mit der Ukraine zu erzielen, berichtet Roger Simak. Auf der anderen Seite kann er nicht widersprechen, wenn es heißt: „Kirmes ist teuer geworden.“

Aber die Fahrgeschäfte auch, ergänzt der Vorsitzende der hessischen Schausteller-Vereinigung, weil diese immer komplexer, technisch anspruchsvoller werden und oft auch noch weniger Fahrgäste pro Runde aufnehmen können. So koste ein neuer, moderner Autoscooter mit „allem drum und dran“ wie Kassenhäuschen und Zugmaschinen zum Transport rund eine Million Euro. Ein solcher halte bei entsprechender Pflege zwar 30 bis 40 Jahre, aber: „Da gehört schon eine gehörige Portion Idealismus dazu, um im Laufe der Jahre im Grunde fast alles, was sie erwirtschaften zu reinvestieren.“

von Gianfranco Fain