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Der Rotstift bedroht auch die Lebensretter

Uniklinikum Der Rotstift bedroht auch die Lebensretter

Sind sind mikroskopisch klein und dennoch lebensgefährlich: Bakterien. Sie zu erkennen und zu bekämpfen, das ist die Aufgabe von Mikrobiologen am UKGM - nicht nur aus medizinischer Sicht eine echte Herausforderung.

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Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene. Foto: Thorsten Richter (thr)

Quelle: Thorsten Richter

Wirtschaft. Professor Dr. Michael Lohoff ist niemand, der mit der pauschalen Keule die Privatisierung der Uniklinik verteufelt. Er weiß zu differenzieren. Im Detail. Und deshalb befürwortet der Klinikdirektor die Rückführung zum Land Hessen. Er fordert sie gar. Das macht er anhand der Erfahrungen mit seinem Institut für Mikrobiologie und dem UKGM-Betreiber Rhön AG fest. Und nicht, weil es andere Mediziner, Betriebsräte und Politiker fordern. Er macht es aus seiner ganz eigenen Überzeugung.

Der Marburger Mediziner wählt dabei auf den ersten Blick Schritte, die überraschen: Lohoff stellt sich nämlich klar vor die Marburger Geschäftsführer, die für die meisten Privatisierungsgegner die Sündenböcke darstellen. Die könnten doch nichts dafür, so oft wie die Stelle neu besetzt wurde, sagt er. Nach Gesprächen mit UKGM-Konzernchefs sei ihnen schnell die Bedeutung der Mikrobiologie klar geworden. Von Einsparungen war sein Institut daher nie betroffen.

Weitaus schwieriger war die Kommunikation mit der Geschäftsführung der Rhön-Klinikum AG.

Für die Betriebswirtschaftler aus Neustadt/Saale, der Konzernzentrale des Unternehmens, ist Mikrobiologie eine von vielen Formen der Laborarbeit. Mehr nicht. Auf dem Papier bedeutet dies: Ein externes Großlabor veranschlagt für seine Arbeit 200000 Euro pro Jahr, das Marburger Institut kostet das Doppelte. Bedeutet im Umkehrschluss für die Rhön-Spitze: Einsparpotenzial von 200000 Euro.

Wenn Michael Lohoff diese Rechnung vor Augen geführt bekommt, muss er sich bemühen, die Ruhe zu bewahren. Für ihn ist das nur ein Beweis dafür, „dass die Rhön-Manager nicht über den Tellerrand hinausschauen.“ Denn wer sich mit Mikrobiologie auskenne, der wisse um die herausragene Bedeutung und vor allem um die großen Nachteile, die ein Großlabor mit sich bringt.

- Was ist Mikrobiologie?

Die Mikrobiologie arbeitet als einziges Labor mit „Lebendigem“, sprich Bakterien. Im Darm, der zu 20 Prozent aus Bakterien besteht, haben die mikroskopisch kleinen Körper die Funktion des Stoffwechsels. Gerät aber das Gleichgewicht im Körper zum Beispiel durch Medikamente durcheinander, sorgen Bakterien für Entzündungen, Reizungen, im schlimmsten Fall sogar für Blutvergiftungen. Und genau hier kommt die Mikrobiologie ins Spiel.

Werden aus den guten Bakterien böse, helfen nur Antibiotika. Das kann bei Lungenentzündung, Blaseninfekt oder auch bei offenen Wunden nach Operationen der Fall sein. Einfach gesagt: Die Mikrobiologen bestimmen, welches Antibiotikum hilft und welches nicht. Da entscheiden im Notfall Sekunden über Tod oder Leben.

- Worin unterscheidet sich das Marburger Institut von einem externen Großlabor?

„Es gibt ein riesiges Reich an Bakterien. Wir können im Notfall in nur 15 Minuten die Himmelsrichtung vorgeben, welches Medikament hilft und gegen welchen Stoff die Bakterien resistent sind.“ Das schaffe, so erklärt Michael Lohoff, kein Großlabor. Ganz im Gegenteil. Der Alltag zeigt: Großlabore schicken ihre Kuriere einmal pro Tag auf den Weg, um Proben von den jeweiligen Krankenhäusern einzusammeln. Da können viele Hundert Kilometer dazwischen liegen. Frühestens am nächsten Tag könnte man mit ersten Ergebnissen rechnen. Und beim Notfall? „Die Ärzte müssen dann jede Form von Antibiotika in den Patienten schütten und hoffen, dass es hilft. Ohne Garantie.“ Am Beispiel Sepsis bedeutet dies: Je später der Keim erkannt wird, um so geringer sind die Überlebenschancen. Nach 24 Stunden ist die Sterblichkeitsrate fast bei einhundert Prozent.

Weiteres Beispiel: Ein Bakterium, das eine Lungenentzündung verantwortet, stirbt nach eineinhalb Stunden ab. „Wie also will ein Großlabor, das alle 24 Stunden die Proben abholt, dieses Bakterium bestimmen und damit das wirkende Antibiotikum nachweisen?“, fragt Lohoff. Am UKGM geht das über kurze Wege, Mikrobiologen würden von Beginn an in die Patientenversorgung mit eingebunden.

Der Klinikdirektor hat noch viele weitere Argumente, die aus medizinischer Sicht für seine Mikrobiologie und gegen ein externes Großlabor sprechen. Auch aus finanzieller. Denn: „Je schneller ich den Keim identifiziert habe, umso kürzer wird der Aufenthalt für den Patienten.“ Das freut die Betroffenen, die schneller gesund werden. Das freut die Betriebswirtschafter, die schneller neuen Platz für neue Patienten und damit eine höhere Fallzahlen haben - kurzum mehr Geld verdienen.

Darüber hinaus sinkt die Sterblichkeitsrate, da viel schneller das richtige Antibiotikum verabreicht und die Gesundung beginnen kann. Zeit ist Gesundheit. Zeit ist Geld. „Eine Studie hat ergeben, dass sofern Mikrobiologen von Beginn an bei der Patientenversorgung integriert werden, sich der finanzielle Gewinne durch die kürzen Aufenthalt und höhere Fallzahlen um eine Million Euro pro Jahr erhöht. Das überzeugt eigentlich jeden Betriebswirtschafter, der sich mit dieser Materie beschäftigt“, sagt Lohoff. Wenn er sich denn damit beschäftigt.

Lohoff, der seit 1998 am Institut für Mikrobiologie arbeitet, es in der Phase der Privatisierung als Direktor übernahm und vor der Schließung bewahrte, hatte sich von der Rhön-Übernahme weit mehr versprochen. In erster Linie eine größere Kooperationsfläche mit anderen Kliniken im Konzern - bundesweit betreibt Rhön 52 Krankenhäuser. Aber: „Jedes Klinikum ist sich selbst überlassen. Dabei könnte man gemeinsam Vorteile generieren. Das Bestreben nach Gewinn verhindert das.“ Wie er aus eigener Erfahrung mit seinem Kampf um die Positionierung der Marburger Mikrobiologie berichten kann. Die Hoffnung, die der Klinikdirektor in den Zusammenschluss steckte: „Ich dachte, wir bekommen ein funktionierendes System übergestülpt. Das ist nicht der Fall.“ Jeder müsse für sich kämpfen, eine Anbindung anderer gibt es nicht. „Die UKGM-Geschäftsführer haben selber erkannt, dass die Anforderungen nicht zu bewältigen seien. Ich wiederhole mich da ausdrücklich: Denen kann man keinen Vorwurf machen. In sechs Jahren haben wir den 17. Geschäftsführer bekommen. Wie soll das auch funktionieren in so einem komplexen Thema Uniklinik?“.

Ganz besonders hervorheben möchte Michael Lohoff den ärztlichen Geschäftsführer Jochen A. Werner. Der habe den Marburger Standort stets bemüht, nach vorne zu bringen. „Unter den Klinikdirektoren herrschte sehr viel Frust. Es herrschte ein paralytischer Zustand. Werner hat es geschafft, neue Strukturen zu schaffen.“ In der aktuellen Situation hänge er zwischen den Stühlen. Die Kritik an seiner Person könne er nicht nachvollziehen. „Um seinen Job ist er nicht zu beneiden. Er kämpft für Marburg. Meine Befürchtung ist, dass er irgendwann seinen Abschied bekannt gibt und wir einen externen ärztlichen Geschäftsführer bekommen. Das schadet dem gesamten Klinikstandort.“

Vielmehr ruft er alle Marburger Klinik-Angestellte auf: „Wir sind doch wer! Das darf man sich nicht kaputtreden lassen“, sagt Lohoff, der sich mehr Selbstvertrauen von seinen Kollegen wünscht. „Wir sollten nicht das eigene Nest beschmutzen. Aktuell herrscht in Marburg eine gefühlte Mittelmäßigkeit. Und das darf wirklich nicht sein.“

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