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Der "Lange Hans" geht durch die Decke

Hartenrod Der "Lange Hans" geht durch die Decke

Der Turnverein Hartenrod blickt auf seine 100-jährige Geschichte zurück, die geprägt war von Wettbewerben, Schauturnen und gesellige Fahrten.

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Die Hartenroder Turner erreichten bereits in den Anfangsjahren ihres Vereins ein hohes sportliches Niveau.

Quelle: Privatfoto

Hartenrod. Während des Festkommers am heutigen Samstag ab 19 Uhr in der Volkshalle in Hartenrod blicken die Turner zurück auf ihre bewegte Geschichte. Im Sommer 1912 kamen bei Adolf Becker einige Männer zusammen, um die "Freie Turn- und Spielgemeinschaft", den heutigen Turnverein 1912 Hartenrod, zu gründen. Doch mit Beginn des Ersten Weltkrieges brach der Zusammenhalt im jungen Verein auseinander.

Im April 1919 kamen die Hartenroder Turner überein, den Verein ein zweites Mal aus der Taufe zu heben. Der 5. September 1920 ging als ein besonderes Ereignis in die Vereinsgeschichte ein: An diesem Tage feierte der Verein sein erstes Turnfest.

Die Turner bezogen 1922 die alte Post, in deren Saal zahlreiche Turnstunden stattfanden und einige Theaterstücke aufgeführt wurden. 1927 schloss sich dem Verein, der sich in dieser Zeit turnerisch auf einem hohen Niveau bewegte, eine Damenriege mit zwölf Turnerinnen an. Am 7. Juni 1928 folgte die Gründung einer Handballmannschaft. Noch im selben Jahr wurde erstmals über den Bau einer Turnhalle diskutiert.

Während des Zweiten Weltkriegs blieb der Verein unter Otto Fuchs als Turnwart erst noch aktiv, musste jedoch am 6. Januar 1944 abgemeldet werden. Da nach Kriegsende nur ein Verein bestehen durfte, dem alle Sportarten angeschlossen waren, musste sich der TV unter die Führung des Sportvereins stellen. 1946 wurde der Turnverein schließlich zum dritten Mal ins Leben gerufen.

Am 12. März 1948 war es dann so weit: Der Bau einer Turnhalle wurde genehmigt, das Gebäude in vielen freiwilligen Arbeitseinsätzen errichtet. Am 29. September 1951 feierten die Helfer das Richtfest, vom 28. bis zum 30. August 1952 die Einweihung der Halle. Zugleich feierte der TV auch sein 40-jähriges Bestehen. Die Turnhalle erwies sich als großer Gewinn, da das Turnen erweitert und das Angebot verbessert werden konnte. 1958 folgte erstmals die Teilnahme an einem Deutschen Turnfest. Die vier Turner Friedel Brandl, Werner Schepp, Gerhard Seitz und Rolf Debus fuhren nach München.

"Zu meiner Zeit waren wir eine starke Riege in Hartenrod", erinnert sich Ehrenvorsitzender Brandl, der 1957 dem TV beigetreten ist und noch bis zu seinem 60. Geburtstag geturnt hat. Brandl erinnert sich, wie er und seine Freunde bis zum Bau der Volkshalle im kleinen Saal der ehemaligen Gaststätte "Zur Post" trainiert haben: "Wir mussten in die Decke eine Holz-Klappe einbauen, damit Hans Interthal, den wir "langen Hans" nannten, auch springen konnte".

Der Ehrenvorsitzende berichtet, dass "seine Clique" damals "alles mitgemacht hat". Die Hartenroder Turner fuhren alle fünf Jahre zu sämtlichen Bundes-Turnfesten und nahmen an den Landes- und den Gauturnfesten teil. Bevor es die Volkshalle gab, fand das alljährliche Schauturnen des Vereins im Sommer auf dem Hof der Zigarrenfabrik in Hartenrod statt. "Es bereitete viel Arbeit, auf dem gepflasterten Zigarrenhof das Reck aufzubauen, doch die Arbeit hat sich immer gelohnt, denn es kamen viele Zuschauer", blickt der 76-Jährige zurück.

Auch ein weiteres besonderes Ereignis ist vielen Hartenrodern bis heute noch in Erinnerung geblieben: Jedes Jahr im Spätherbst hatten die Turner eine menschliche Pyramide im freiem Feld "Am neuen Weg" errichtet. Die Pyramide, die aus 15 bis 20 Turnern, die sich in drei Reihen übereinander aufbauten, bestand, war für die Besucher der Bratpartie des Turnvereins immer etwas ganz Besonderes.

"Die Aktion, die zuletzt vor mehr als 30 Jahren stattfand, kam bei den Leuten gut an. Vor der 700-Jahr-Feier Hartenrods im vergangenen Jahr wurde ich von vielen Hartenrodern gefragt, ob wir die Pyramide während des Festes nicht wieder machen könnten", sagte Rolf Breidenstein, Vorsitzender des TV.

1964 war der Turnverein Gastgeber der Gaugerätemeisterschaften und der Jugendbestenwettkämpfe. Auf der Generalversammlung am 18. Januar 1964 beschlossen die Mitglieder, einen Kappenball am Faschings-Samstag zu veranstalten, der bis heute jedes Jahr ausgerichtet wird.

1975 fand das Landesturnfest in Marburg statt. "Die Turner bezeichneten es als eines der schönsten Landesturnfeste", stellte Carsten Müller, stellvertretender Vorsitzender, der für den Festkommers die Vereinschronik ausgearbeitet hat, fest.

Neu hinzu kam, dass bei diesem Landesturnfest erstmals auch eine Damengymnastik-Gruppe am Vereinsturnen teilnahm. Für ihre Bändergymnastik erhielten die Frauen die Note "Gut". Zwei Jahre später übernahm der Verein erstmals die Ausrichtung des Gau-Kinderturnfestes.

Im Laufe der Jahre wandelte sich das Bild des Vereins, denn die männlichen Turner wurden immer weniger. "Turnen ist eine anstrengende Sportart und erfordert ein regelmäßiges Training. Heute gehen viele Jungen lieber zum Fußball", berichtet der Vorsitzende.

Mit der Jazz-Tanzgruppe wird 1985 eine weitere Abteilung gegründet. Heute gehören dem TV die Abteilungen Turnen, Leichtathletik, der Turnerjugend-Gruppen-Wettstreit, Volleyball und der Jazztanz an. "Wenn man in Hartenrod wohnt, dann war man auch irgendwann in seinem Leben mal im Turnverein aktiv", stellt Müller fest.

von Adrianna Michel

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