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Der „Alte“ verlässt das „Alte Rathaus“

Lohra Der „Alte“ verlässt das „Alte Rathaus“

Wenn der Kapitän die Kommandobrücke verlässt, handelt es sich immer um einen traurigen Moment. Hermann Maier vollzieht diesen Schritt aus eigenem Antrieb.

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Hermann Maier blickt aus einem Fenster im Obergeschoss „seines“ Rathauses in Lohra. Der Vorsitzende und Mitinitiator des Vereins „Freundeskreis Altes Rathaus“ stellt sich nicht mehr zur Wahl.

Quelle: Tobias Hirsch

Lohra. So wie er es schon mit den anderen Ämtern in den vielen anderen Vereinen gehalten hat, so behält es Hermann Maier (Foto: Tobias Hirsch) auch beim „Freundeskreis Altes Rathaus“ bei. Er zieht sich vom Amt zurück, so lange es noch Zeit ist. Nun ist es nicht so, dass er das Amt des Vorsitzenden gerne aufgibt, nein, seine Gesundheit lässt es dem 76-Jährigen angeraten erscheinen, es allmählich langsamer angehen zu lassen. Und während er sagt, „in meinem Alter habe ich einen Rechtsanspruch auf einige Gebrechen“, lugt ihm sein Markenzeichen, der Schalk über  die Schulter.

„Ich bin ja nicht aus der Welt“, sagt Maier, man könne ihn immer noch fragen und um Hilfe bitten. Schließlich geht es ja um „sein Kind“, auch wenn er immer betont, dass er es nicht alleine war, der das „Alte Rathaus“ zu dem gemacht hat, was es heute ist: eine liebevoll restaurierte Begegnungsstätte im Herzen von Lohra. Eine Gruppe „junger Leute“, 34 genau genommen, habe sich im Jahr 2002 zusammengefunden, die das Gefühl hatten, das Gebäude bewahren zu müssen und dafür einen Förderverein gründeten. Ein wenig mehr als bei den anderen dürfte Maiers Herz doch an dem Gebäude hängen, ist es doch viele Jahre seine berufliche Wirkungsstätte gewesen.

Im Jahr 1972 holte der damalige Bürgermeister Konrad Gaul den gelernten Buchdrucker, der unter anderem bei Hitzeroth Druck arbeitete, zu sich ins heutige „Alte Rathaus“. Vor allem dort wirkte er 28 Jahre, kümmerte sich um Dorfgemeinschaftshäuser, die Kindergärten und Vereine, vor allem war er aber für den „Bund des Lebens“ zuständig. Rund 840 Trauungen hat er in 10 Jahren vollzogen, davon viele im Trauzimmer im Erdgeschoss des „Alten Rathauses“. Er erinnert sich noch heute an fast alle Paare und Einzelheiten. Neulich sprach ihn ein Paar an der Supermarktkasse an, der Name fiel ihm nicht ein, aber dass es am Hochzeitstag geregnet hatte, damit lag er richtig.

Richtig, so ist er überzeugt,  war auch seine Wahl, als diese auf Else fiel. Die Zuneigung war beidseitig, denn  wie sonst hätte er „in Lohra ein Frauchen kennengelernt und nichts Eiligeres zu tun gehabt, als mit ihr von Mornshausen nach Lohra und umgekehrt spazieren zu gehen“. Und das „bei Wind und Wetter“. Irgendwann fiel ihnen ein „da gibt‘s doch noch was, das nennt sich heiraten“. Damit war sein Fortgang aus Mornshausen besiegelt, denn bevor sich das Paar mit seinen späteren zwei Söhnen und einer Tochter ein eigenes Haus baute, kam es bei Verwandten der Braut in Lohra unter.

In Mornshausen hatte Hermann Maier im Frühjahr 1946 Unterschlupf gefunden, als er mit Mutter und Großmutter aus seiner Heimat im Ostsudetenland floh und nach einem Aufenthalt im Gladenbacher Auffanglager nach Mornshausen kam, wo sie bei einer Familie einquartiert wurden. „Die Leute haben mir sehr gefallen, sie waren nett und haben uns sehr freundlich aufgenommen“, erinnert er sich. Dankbarkeit hört man, wenn er weiter erzählt: „Sie haben sich große Mühe mit meiner Familie gegeben, um uns den Neuanfang besser zu gestalten, als es andere gehabt haben.“ Eines, was verdeutlicht, in welchen Zeiten das geschah, ist ihm aber bei der ersten Begegnung besonders in Erinnerung geblieben: „Auf dem Herd stand ein großer Topf mit Kartoffelsuppe. Von da an, gab‘s jedes Wochenende einen solchen Topf für uns. Das war wunderbar!“ Die Erinnerung zu bewahren, war immer ein Hobby von Hermann Maier. So verkaufte er auf Märkten Ostereier, die er nach einem Muster seiner Mutter ritzte. Nun sollen andere die Dorfgeschichte lebendig halten. „Es sind jetzt junge Leute da, die das hervorragend weiterführen“, ist Maier überzeugt.

Die Jahreshauptversammlung des „Freundeskreis Altes Rathaus“ findet am Montag, 26. März, ab 20 Uhr im „Alten Rathaus“ statt. Tagesordnungspunkte sind unter anderem Wahlen, die Termine 2012 sowie das Jubiläum im Jahr 2013: „300 Jahre Altes Rathaus“.

von Gianfranco Fain

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