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Den Bürger mitnehmen - so oder so

Engergiewende Den Bürger mitnehmen - so oder so

Energiegenossenschaften können für das Gelingen der Energiewende von entscheidender Bedeutung werden - so das Fazit einer Tagung des Instituts für Genossenschaftswesen.

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Professor Michael Kirk referierte über den genossenschaftlichen Gedanken.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Es ist das Verdienst des Instituts für Genossenschaftswesen, Wissenschaftler, Politiker und Praktiker ins Gespräch gebracht zu haben - von Hartmut Koch, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden des Bioenergiedorfs Oberrosphe über den Regierungspräsidenten Dr. Lars Witteck bis zum Volkswirtschaftler Professor Michael Kirk. Sie alle eint die Einsicht, dass die Energiewende nicht gelingen kann, wenn die Bürger nicht mit auf diesen Weg genommen werden.

Die Stadt Marburg versucht dies unter anderem dadurch, dass sie den Menschen Möglichkeiten bietet, sich am wirtschaftlichen Erfolg erneuerbarer Energien zu beteiligen. Oberbürgermeister Egon Vaupel berichtete den knapp 80 Teilnehmern der Tagung beispielsweise von dem „CO2-Sparbrief“, den die stadteigenen Stadtwerke im vergangenen November aufgelegt hatten. Der Sparbrief war innerhalb weniger Tage vergriffen, die Stadtwerke hatten 3,5 Millionen Euro für die Finanzierung von Energieprojekten eingesammelt, und die Bürger können mit einer Dividende von 5 Prozent rechnen.

Und noch eines ist für Vaupel in diesem Zusammenhang wichtig: Die Energieversorgung muss dezentral organisiert werden - und die Stadt ist da am erfolgreichsten in diesem Bemühen, wo sie die Herrschaft über Versorgungsbetriebe oder die Wohnungswirtschaft hat.

Regierungspräsident Dr. Lars Witteck legt bei der Umsetzung der Energiewende vor allem Wert auf drei wesentliche Kriterien: Auf Transparenz („Der entscheidende Hebel, ob Energiewende funktioniert oder nicht“), auf Bürgerbeteiligung und finanzielle Teilhabe sowie auf interkommunale Zusammenarbeit („Es geht nicht, wenn eine Gemeinde einen Windpark ganz am Rande ihrer Gemarkung plant, der dann den Bürgern der Nachbargemeinde ein Dorn im Auge ist“, sagte Witteck in Anspielung auf die Auseinandersetzungen zwischen Bad Endbach und Dautphetal um den geplanten Windpark am Hilsberg.

„Die kommunale Ebene und die genossenschaftliche Organisationsform scheinen zusammenzupassen“, sagte Professor Michael Kirk zur Frage der Organisation. Er verwies darauf, dass die Zahl der ­Energiegenossenschaften im Jahr 2011 um mehr als 300 gestiegen sei. „Alte Idee - neuer Boom“, so umschreiben manche Wissenschaftler diese Entwicklung, aber Kirk machte in seinem Vortrag deutlich, welche genossenschaftlichen Prinzipien noch heute funktionieren: das Prinzip der kollektiven Selbsthilfe etwa, das Demokratieprinzip - alle Mitglieder zählen gleich viel - und die Selbstverwaltung. Ganz wichtig: „Eine Genossenschaft muss nicht gemeinnützig sein - aber sie braucht die Privatnützigkeit“, sagte Kirk. Gemeint ist damit, dass die Mitglieder einen Vorteil von ihrem Engagement haben.

Diese Prinzipien, entstanden im 19. Jahrhundert und etwa bei Genossenschaftsbanken vertraut, funktionieren auch bei den modernen Energiegenossenschaften, legte Kirk nahe - und stieß eine interessante Diskussion an, die Professor Volker Beuthien, geschäftsführender Direktor des Instituts für Genossenschaftswesen, so zuspitze: „Genossenschaften bewältigten im 19. Jahrhundert notstandsähnliche Aufgaben - und heute auch: Heute liegt der Notstand in der Frage, wie wir unsere Umwelt gestalten können.“

von Till Conrad

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