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Hinterland Das Sterben gehört zum Leben
Landkreis Hinterland Das Sterben gehört zum Leben
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18:22 10.06.2014
Der Frankfurter Kapuzinermönch Bruder Paulus sprach am Samstag in Buchenau gestenreich über das Leben und das Sterben. Quelle: Benedikt Bernshausen
Buchenau

Die Veranstaltung mit dem aus Funk und Fernsehen bekannten Mönch, Bruder Paulus, gehörte zu den Feierlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen des Hospizdienstes „Immanuel“. Der Ordensmann, der bürgerlich Bernhard Gerhard Terwitte heißt und in Frankfurt den Franziskustreff - eine Einrichtung für Obdachlose - leitet, lobte die Arbeit des Vereins, der sterbenden Menschen Gastfreundlichkeit anbiete. Und das sei die Grundlage des Endes des Lebens, denn nicht Hilfe werde benötigt, sondern Gemeinschaft.

Mit seinem lockeren und gestenreichen Vortragsstil zog er die Gäste in seinen Bann, auch wenn seine Thesen teils provokant daherkamen. Immer suchte er die Nähe des Publikums, nie stand er still, sondern nahm die Menschen so mit.

Bruder Paulus kritisierte, dass in der heutigen modernen Zeit das Miteinander und das Eingeständnis von Schwäche verloren gegangen seien. Die Menschen würden denken, ein vollkommenes Leben heiße perfekt zu sein.

„Und ich habe vorm Besuch beim Arzt alle Seiten über meine Krankheit gelesen“, jeder stelle sich schon selbst die Diagnose. „Das ist doch kein Leben“, heiße es, wenn man krank oder gar pflegebedürftig sei.

Und man gebe es auch nicht zu, wenn man eine Einladung absage, weil man sterbenskrank ist, sondern sage, mir ist etwas dazwischengekommen. Weil sich jeder ein Leben lang sage, „ich brauche niemanden“, seien es die Menschen schließlich nicht mehr gewohnt, um Rat zu bitten. Und das sei eben kein vollendetes Leben, so Bruder Paulus. Denn das heiße, immer miteinander im Leben zu stehen, in guten und bösen Tagen, in Krankheit und Gesundheit und auch beim Sterben. Denn das gehöre selbstverständlich zum Leben dazu.

Ein vollendetes Leben hänge nicht von seiner Länge, sondern von Inhalten ab, so der Mönch: „Auch ein dreijähriges Siechtum gehört zum Leben.“

Früher hätten die Friedhöfe noch in den Ortsmitten gelegen, heute verdränge man das Sterben und den Tod. „Aber die Sterbenden gehen uns nur voraus“, so der Franziskaner. Alle Menschen seien auf der Erde nur zeitweise Gast. Mit dem Sterben würden sie ihren Mitmenschen etwas mitgeben, deshalb könne man über den Tod sogar lachen. „Wo jemand stirbt, da ist das Leben.“ Insofern biete ein Hospizdienst auch keine Hilfe, sondern Gemeinschaft, die es leider so nicht mehr oft gebe.

Bruder Paulus forderte ein Umdenken. Er wolle dazu Mut machen, aneinander zu glauben, denn sonst gebe es bald keine Zusammenarbeit in Vereinen oder Parteien mehr. Man dürfe auch keine Angst davor haben, jemanden zur Last zu fallen, denn auch das gehöre zum Leben.

Eine Mutter kümmere sich um ihr Kind. Deshalb habe es ihn auch geärgert, dass seine eigene Mutter ins Pflegeheim gewollt habe, weil sie die Familie nicht belasten wollte. Jeder brauche jeden, auch eine Mutter ihr Kind, „und wenn es für die Altersvorsorge ist“, wie der Geistliche scherzend bemerkte.

Den Abschluss des Abends bildete eine kurze Podiumsdiskussion mit Bruder Paulus, Landrätin Kirsten Fründt (SPD) sowie Eva-Maria Simon und Anette Wetterau-Ruppersberg vom Hospizdienst, die Bruder Paulus in seinen Ansichten weitgehend bestärkten.

Landrätin Fründt berichtete, dass in ihrer Familie die Menschen immer zu Hause gestorben waren, in einer guten Atmosphäre, wie sie betonte. Leider seien die Familien heute oft weit verstreut, sodass das dies nicht mehr gehe. Umso wichtiger sei die ehrenamtliche Arbeit der Hospizdienste. Und „Immanuel“ sei eine echte Institution im Hinterland.

Als angenehme Erinnerung ihrer Kindheit, so Simon, empfinde sie, das in ihrem Heimatdorf die Toten früher zu Hause aufgebahrt gewesen seien. Jeder Nachbar habe Abschied genommen. Bruder Paulus hob hervor, dass seiner Ansicht nach die Verstorbenen auch heute beim Gottesdienst im Kirchenschiff aufgebahrt werden sollten. Bereits während seines Vortrags hatte er gesagt dass bereits Kinder und Jugendliche beim Sterben dabei sein müssten.

Dass das Sterben auch zum Lachen sei, das wollte Wetterau-Ruppersberg dann am Ende aber doch nicht bestätigen. Für Angehörige sei es immer das Schlimmste, dass sie keinerlei Kontrolle hätten.

von Heiko Krause

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