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"Das Jahr ist wichtig, um zu reifen"

Ausbildung "Das Jahr ist wichtig, um zu reifen"

Künftig soll die Erzieherausbildung um ein halbes Jahr verkürzt werden. Ausgerechnet im Praxisteil könnten bald schon Abstriche gemacht werden. Schüler, Ausbildungsbetriebe und Schulen wehren sich.

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Eine Erzieherin frühstückt mit zwei Kindern. Die Erzieher-Ausbildung soll um sechs Monate gekürzt werden.

Quelle: Archiv

Marburg. Ein bisschen klatschen, ein paar Stuhl-Kreis-Spielchen, ein paar Bastelübungen. Mehr braucht es nicht, um Erzieher zu sein. Stefanie Schulz schnaubt wütend, wenn sie diese Vorurteile hört. Die 32-Jährige befindet sich derzeit in der Ausbildung zur Erzieherin und ist selbst ein bisschen überrascht, welch komplexe Anforderungen der Beruf an die Schüler stellt. „Mit Klatschen und singen hat das wenig zu tun“, verteidigt sich Schulz.

Vielmehr mit einem kleinem Studium quer durch alle Fachbereiche. Ein bisschen Psychologie und Soziologie, ein bisschen Entwicklungslehre und Politik. Zwei Jahre Theorie, ein Jahr Praxis. Theoretisch zumindest. Denn das praktische Jahr, soll um sechs Monate gekürzt werden. Ein Skandal, wie Stefanie Schulz findet. Und mit dieser Meinung ist die Schülerin nicht allein. „Ich habe das zu meinem Entsetzen gehört. Da wird wieder genau an der falschen Stelle gespart.“

Menschen, die nur ein theoretisches Wissen haben, müssen sich praktisch ausprobieren können“, befindet Beate Kissling, stellvertretende Leiterin der Kindertagesstätte der Stadt Marburg. Auch ihre Kollegin, Hildegard Fries-Kopper, Leiterin der Kindertagesstätte „Kleine Strolche“, sieht der geplanten Änderung durch die Landesregierung mit Skepsis entgegen.

„Die Praxis ist doch das, wo die Auszubildenden lernen, wie die Arbeit funktioniert. Im Dialog mit den Eltern und Kindern, in der Zusammenarbeit im Team. Die Rahmenbedingungen für die Ausbildung werden verschlechtert und die gesetzlichen Anforderungen erhöht. Wer keine guten Erzieher ausbildet, der kann auch keine gute Qualität erwarten.“

Hildegard Fries-Kopper findet klare Worte für die Pläne der Landesregierung. Sie kann den Vorstoß nicht verstehen. Der bevorstehende Fachkräftemangel, so auch der Abteilungsleiter für den Bereich Sozialwesen an der Käthe-Kollwitz-Schule, Dr. Matthias Almstedt, sei längst nicht so akut, wie von der Landesregierung errechnet. Zudem sei die Käthe-Kollwitz-Schule nur eine von zahlreichen Schulen im Land, die ihre Ausbildungskapazitäten deutlich erweitert haben. Die angehenden Erzieher einfach früher auf den Arbeitsmarkt zu entlassen, sei zudem die denkbar schlechteste Lösung, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. „Die Erzieherausbildung ist eine Breitbandausbildung. In der Praxis werden die fachspezifischen Erkenntnisse gesammelt. Die Anforderungen an die angehenden Erzieher sind ausgesprochen hoch. Wir wollen die Grundlage für wichtige Bildungsprozesse legen, da kann man an dieser Zeit nicht kürzen.“

Der Widerstand von Schulen, Städten und Einrichtungen im ganzen Land ist enorm. So enorm, dass auch Stefanie Schulz zu hoffen wagt. Vielleicht kann die Entscheidung noch abgewendet werden. Vielleicht die hohe Qualität der hessischen Erzieher-Ausbildung gehalten werden.

„Das ist eine wichtige und elementare Arbeit an der Gesellschaft. Die Ansprüche an die Erzieher sind im Laufe der Jahre gestiegen“, macht sie noch einmal deutlich.

Die Stadt Marburg, verschiedene Einrichtungen, in denen die angehenden Erzieher praktisch ausgebildet werden und natürlich die Käthe-Kollwitz-Schule haben sich mit offenen Briefen an die Landesregierung gewandt. „Zum nächsten Schuljahr können sie es nicht mehr durchsetzen“, ist sich Almstedt sicher. Das ist zu knapp.

Die Zeit bis zum Beschluss wollen Schüler und Ausbildungsbetriebe nutzen, um weiter auf den hohen Anspruch der Ausbildung und die notwendige Verzahnung zwischen Theorie und Praxis aufmerksam zu machen. Elke Siegel-Engelmann, Vorsitzende des Fachausschusses Kinderbetreuung, betont noch einmal: „Das, was in der Praxis auf die jungen Menschen zukommt, das braucht Zeit. Dieses Jahr ist immens wichtig, um zu reifen. Das, was sie hier lernen, kann nicht in der Fachschule vermittelt werden.“

Und schließlich, so auch Stefanie Schulz, müsse es auch im Interesse der Eltern liegen, ihre Kinder in die Hände von gut ausgebildeten Erziehern zu geben. Eine Vertrauenssache, so die Schülerin. Und genau daran sollte nicht gespart werden.

von Marie Lisa Schulz

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