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Das Handwerk und die deutsche Einheit

Wiedervereinigung Das Handwerk und die deutsche Einheit

Unzählige Einzelgeschichten belegen Teamgeist und Schaffensdrang des gesamtdeutschen Handwerks. „Ein Handwerk, eine Stimme“ lautete das Credo der Handwerksorganisationen schon vor der politischen Wiedervereinigung Deutschlands.

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Die Auszubildenden Felix Lange (rechts) und Felix Pannwitt zeigen ihr Können beim Mauern. Handwerker in Ost- und Westdeutschland haben von der Wiedervereinigung profitiert.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Die Zeit direkt nach der Wende war von einer besonderen Spannung und Aufbruchsstimmung geprägt. Viele Handwerksbetriebe in Ost und West nutzten die neuen Möglichkeiten, die die Wiedervereinigung ihnen bot. Dabei gab es neben den neuen Möglichkeiten vor allem für Betriebe aus den neuen Bundesländern auch einige Herausforderungen.

„Wir wurden quasi über Nacht in die Selbstständigkeit entlassen. Und selbstständig bedeutet selbst und ständig“, erklärt Eberhart Nitze, Friseurmeister aus Brandenburg. Der erfahrene Friseur fand sich jedoch schnell mit den neuen Gegebenheiten zurecht und erkannte seine neue Chance: Selbstständig einen eigenen Friseurbetrieb führen.

Mit viel Kraft und Kompetenz wandelte er eine DDR-typische Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) in eine GmbH um. Seine Unternehmensgruppe existiert heute noch – und das überaus erfolgreich. Inzwischen sind in 19 Filialen mehr als 130 Mitarbeiter, darunter 25 Friseurmeister und zwölf Lehrlinge, beschäftigt.

„Außerdem besteht eine fruchtbare Zusammenarbeit mit großen Unternehmen aus dem Westen“, berichtet Nitze. Denn schon bald wurden zahlreiche westdeutsche Betriebe und Zulieferer auf seine florierenden Friseurstudios aufmerksam. Aus der Zusammenarbeit entstanden professionelle Partnerschaften und wertvolle Freundschaften unter Handwerkern, die bis heute gepflegt werden.

Unter den ostdeutschen Handwerkern gab es aber auch Verunsicherungen, wie die neu gewonnenen Freiheiten genutzt werden sollten. Klaus Windeck, damaliger Präsident der Handwerkskammer Potsdam und ehemaliger Sprecher des ostdeutschen Handwerks, sah dafür jedoch keinen Grund: „Wir können auf unsere handwerkliche Qualität und unsere Leistungen damals wie heute stolz sein“, erklärt er. „Dennoch wäre es ohne Beratung und Weiterbildungen bei Handwerkskollegen aus dem Westen sicherlich nicht so schnell gegangen“, ergänzt der gelernte Schlossermeister.

Deshalb schickte Windeck Mitarbeiter seines Metallbau-Unternehmens immer wieder zu Einsätzen in westdeutsche Betriebe. Dort konnten sie betriebswirtschaftliche Erfahrung sammeln und technisches Know-how weiter aufbauen.

Der Wunsch nach Austausch und Weiterbildung im Handwerk wurde schnell erkannt und unterstützt. Auf Initiative der Handwerkskammer Oberfranken wurde eine sogenannte Treuhandlösung gefunden, mit der die Bundesfinanzmittel verwaltet und etwa Beratungsveranstaltungen für ostdeutsche Handwerker finanziert wurden.

Von der Aufbruchsstimmung zur Wendezeit ließen sich aber auch westdeutsche Handwerker anstecken. So auch Klaus Dornig, der eine Autohausgruppe in Franken leitet. Er erkannte das enorme Handwerkspotenzial im Osten sofort und setzte auf eine Erweiterung seiner Betriebe in die neuen Bundesländer. „Gleich nach der Wende haben wir uns entschlossen, in Sachsen zu investieren. Damals haben wir mit zwölf Leuten angefangen, heute sind wir 65 Mitarbeiter“, erklärt der gelernte KFZ-Mechaniker. „Die Begeisterung und Arbeitsmotivation auf beiden Seiten der ehemaligen politischen Grenze war und ist enorm“, stellt Dornig fest.

Gute handwerkliche Arbeit zahlt sich eben immer aus. Klaus Dornig ist sich sicher: „Kundenzufriedenheit und stetige Innovation, das ist die universelle Handwerkswährung die überall akzeptiert und gefordert wird – egal ob in Ost oder in West.“

Katharina Kaufmann

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