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Hinterland Darf bei Krankheit gearbeitet werden?
Landkreis Hinterland Darf bei Krankheit gearbeitet werden?
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08:11 11.07.2012
Gießen

Weniger als 30 Krankheitstage im Jahr 2009, genau 76 im Jahr 2010 und schließlich durchgängig krank im Jahr 2011 - so liest sich die Krankenakte eines 35-jährigen Monteurs aus dem Landkreis. Jahrelang war der Mann für die Temmler Pharma GmbH & Co. KG in Marburg tätig. Ende des vergangenen Jahres erhielt er die Kündigung zum 29. Februar - krankheits- und verhaltensbedingt. Dagegen wandte sich der 35-Jährige vor dem Gießener Arbeitsgericht.

Dort wurden am vergangenen Freitag ausführlich die Argumente sowohl vonseiten des Betriebs, als auch vonseiten des Klägers ausgetauscht - und zwei Zeugen angehört.

Der Arbeitgeber warf dem Monteur nämlich vor, die Krankheit nur „getürkt“, falsche Aussagen vor Gericht und damit sogar Prozessbetrug begangen zu haben. Der 35-Jährige wies diese Vorwürfe zurück, griff die Kündigung als unverhältnismäßig an und bestritt, betriebliche Störungen ausgelöst zu haben. „Die Weiterbeschäftigung ist dem Betrieb durchaus zuzumuten“, erklärte sein Anwalt.

Das sahen der Personalchef von Temmler Pharma und die Rechtsanwälte des Unternehmens anders: „Wir gehen von einer negativen Gesundheitsprognose aus“, begründeten sie die krankheitsbedingte Kündigung und ergänzten zur verhaltensbedingten Kündigung: „Der Kläger hat ein Wiedereingliederungsgespräch abgelehnt und darüber hinaus während seiner Krankheit eine ungenehmigte Nebentätigkeit ausgeübt.“ Das sei nicht tolerabel.

Arbeitsrichter Hans Gottlob Rühle rief daher zwei Arbeitskollegen des Monteurs als Zeugen auf. Diese beiden hatte der 35-Jährige im vergangenen Sommer zu Hause besucht und ihnen von seinem neuen Job als Finanzberater bei der Euro Finanz Service Vermittlungs AG (EFS) berichtet. „Ich habe mich schon gewundert, dass er sich so plötzlich gemeldet hat. Wir hatten eigentlich keinen privaten Kontakt, kannten uns aus der Schicht“, erklärte die Arbeitskollegin des Klägers. Nachdem dieser ihr von seiner neuen Tätigkeit erzählt hatte, habe er ihr angeboten ihre Hausfinanzierung zu überprüfen und zu schauen, ob er ihr ein günstigeres Angebot machen könne. „Das habe ich aber dankend abgelehnt“, so die Stadtallendorferin.

Ein anderer Kollege bestätigte diese Aussage: „Ich hatte zuvor lange nichts von ihm gehört, aber dann haben wir einen Kaffee zusammen getrunken“, schilderte er das Treffen. Dann habe der 35-Jährige berichtet, dass er Lehrgänge und Seminare der EFS besucht habe und für diese jetzt als Finanzberater arbeite. Auch ihm unterbreitete der gelernte Monteur das Angebot die Hausfinanzierung sowie Versicherungen durchzuschauen und eventuell ein günstigeres Angebot zu machen. „Ob er nur deswegen kam, kann ich allerdings nicht beurteilen“, erklärte der 29-jährige Zeuge.

„Eine Weiterbeschäftigung kommt für uns nicht in Frage“, betonten die Vertreter des beklagten Unternehmens daraufhin noch einmal: „Unser Angebot lautet: Sie akzeptieren die Kündigung, wir zahlen die geforderte noch ausstehende Urlaubsabgeltung und damit ist die Sache erledigt“, so Personalchef Jörg Frölich.

Damit wollte sich der Kläger allerdings nicht zufrieden geben und verlangte eine Abfindung. Rühles Vorschlag in Höhe von 12000 Euro war das Unternehmen wiederum nicht bereit zu zahlen.

Und so kam es, wie es kommen musste: Die Kammer fällte ein Urteil, mit dem nun beide Parteien vorerst leben müssen: „Das Arbeitsverhältnis besteht weiter“, verkündete Arbeitsrichter Rühle nach kurzer Beratung mit seinen beiden ehrenamtlichen Richtern. Der Kläger habe zwar gegen seinen Arbeitsvertrag verstoßen, indem er die Nebentätigkeit nicht angemeldet hatte, „das ist aber kein Grund für eine Kündigung, sondern eher für eine Abmahnung“, so Rühle. Darüber hinaus sei eine Tätigkeit als Finanzberater nicht genesungswidrig, dem Betrieb kein finanzieller Schaden entstanden, und eine negative Gesundheitsprognose zum Zeitpunkt der Kündigung habe auch nicht bestanden.

von Katharina Kaufmann