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Hinterland Bilder erinnern an Dorfgeschichte
Landkreis Hinterland Bilder erinnern an Dorfgeschichte
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16:53 27.04.2017
Vor mehr als 100 Jahren in Wommelshausen entstanden, nun wieder im Dorf zu sehen: Heimatforscher Horst W. Müller (links) und Andreas Debus, Vorsitzender des Heimatvereins, mit zwei der Trachtenbilder von Ferdinand Justi, die nun im Dorfgemeinschaftshaus hängen. Quelle: Michael Tietz
Wommelshausen

„Ferdinand Justi war ein sehr begabter Maler, mehr als 1000 Zeichnungen und Aquarelle gibt es von ihm“, erzählt der aus Wommelshausen stammende Heimatforscher Horst W. Müller. Der Pfälzer sorgte zusammen mit dem Heimat- und Verschönerungsverein dafür, dass sieben Werke von Justi nun wieder in Wommelshausen zu sehen sind – als Reproduktion.

Als Orientalist, Germanist und Volkskundler machte sich der Marburger Ferdinand Justi (1837–1907) einen Namen. Neben seiner Hochschultätigkeit widmete er sich vor allem dem bäuerlichen Leben westlich der Universitätsstadt.

Akribisch erforschte er dies, seine Beobachtungen schrieb Justi auf oder hielt sie in Zeichnungen fest. „Die Hinterländer Tracht hatte es ihm besonders angetan“, erzählt Horst W. Müller. Im Jahr 1881 war Justi in Wommelshausen zu Gast, beim damaligen Dorflehrer Christian Baum. Während dieser Zeit entstanden gleich sieben Trachtenbilder. „Das ist schon etwas Besonderes“, betont Müller. Denn in keinem anderen Ort habe Justi mehr Bilder von Trachtenträgern gemalt.

Stricken während des Fußmarsches

Zwei Mädchen, vier Frauen und einen Mann aus Wommelshausen porträtierte der Hobbykünstler. Zu ihnen gehörte 
Strumpfstrickerin Katharina Pfeiffer in ihrer Alltagstracht. „Für ihre gestrickten Strümpfe 
waren die Frauen aus Wommelshausen berühmt, die haben sie bis in die Wetterau verkauft“, erzählt Müller.

Selbst auf dem Weg zum Markt nach Dillenburg wurde gestrickt. Damit unterwegs die Hände für Nadel und Garn frei waren, wurde der Korb mit Waren auf dem Kopf getragen. „So haben die Frauen die Zeit während des 25 Kilometer langen Fußmarsches produktiv genutzt“, sagt Müller mit einem Schmunzeln.

Ein anderes Bild zeigt Johann Georg Pfeifer II bei seiner Arbeit als Kuhhirte in Hülshof. Das Besondere an diesem Aquarell: der Ringelstecken, ein fast vergessenes Arbeitsgerät des Hirten. Der gebogene Holzstab ist mit eisernen Ringen versehen. „Beim Schütteln rasseln diese – so trieb der Hirte die Tiere zusammen. Ab und an warf der Schäfer den Ringelstecken auch“, berichtet Müller.

Karte mit 250 Flurnamen ausgestellt

Auf den anderen Bildern gibt es unter anderem eine Großmagd in sommerlicher Sonntagstracht mit Dellmutsche (Kopfbedeckung) und die Trauertracht mit weißer Haube und Trauermantel zu sehen. Zu den sieben Werken recherchierte Müller die Hausnamen der porträtierten Wommelshäuser (zum Beispiel „Deutsches Ännche“) sowie deren Lebensdaten.

„Ein schöner Blickfang, hier hängen die Bilder doch besser als in einem Museum“, freut sich Andreas Debus, Ortsvorsteher von Wommelshausen und Vorsitzender des Heimat- und Verschönerungsvereins. Die Originalbilder befinden sich in Museen in Marburg und Kassel. Als Druck oder Fotografie schmücken sie nun auch das Dorfgemeinschaftshaus Wommelshausen.

Auch an anderer Stelle im großen Saal wird Heimatgeschichte ein Stück weit lebendig. Ein paar Meter neben den Trachtenbildern von Ferdinand Justi hängt eine Übersicht der Gemarkung Wommelshausen mit den Grenzen zu den Nachbardörfern. Horst W. Müller hat die Karte mit mehr als 250 Wommelshäuser Flurnamen versehen – darunter die Streithecke und die Lache.

von Michael Tietz

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