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Hinterland Ist dieser Zug längst abgefahren?
Landkreis Hinterland Ist dieser Zug längst abgefahren?
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20:00 16.01.2018
Die Bahn fährt hier schon lange nicht mehr: In Erdhausen wollen die Firmen Berning und ­Zimmermann Grundstücke entlang der ehemaligen Bahntrasse für die Erweiterung ihrer Standorte nutzen. Quelle: Michael Tietz
Hinterland

Als großen Verlust sieht der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) die 1995 erfolgte Stilllegung der Aar-Salzböde-Bahn. Deshalb will er nun prüfen lassen, ob die Kurhessenbahn hier einsteigen und den Streckenabschnitt von Niederwalgern nach Hartenrod wieder beleben kann. Ende Januar will Zachow dies mit den Bürgermeistern besprechen.

Ein erstes Treffen mit den Rathauschefs war bereits für den 27. November angesetzt. „Als ich die Einladung dazu erhielt, dachte ich zunächst an einen Scherz“, berichtet Gladenbachs Bürgermeister Peter Kremer (parteilos). Er habe den Kreis daraufhin mitgeteilt, dass die Stadt bereits Teile der ehemaligen Strecke verkauft habe und der gesamte Abschnitt durch das Gladenbacher Stadtgebiet überplant werde.

Inzwischen entstehen Naturschutzzonen

Den Termin für das Bürgermeister-Gespräch trug Kremer dann auch gar nicht erst in seinen Kalender ein, denn „das war mir zu utopisch“. Eine neue Diskussionsrunde will Zachow Ende des Monats starten – dann auch mit dem Gladenbacher Bürgermeister. „Ich werde den Termin wahrnehmen und mir das Konzept anhören – ergebnisoffen“, sagt Kremer. Gleichwohl: Seine Bedenken sind groß, vor allem mit Blick auf die zu erwartenden Kosten für ein solches Vorhaben. Grundsätzlich, so sagt Kremer, hätte eine Reaktivierung der Bahnstrecke schon einen gewissen Charme.

Aber: Bereits seit Ende 2012 lässt die Kommune das 124.000 Quadratmeter große Areal im Stadtgebiet überarbeiten. Neue Flächennutzungs- und Bebauungspläne entstehen. Diese sind nötig, damit Firmen (Weso-Aurora
hütte, Zimmermann Formenbau, Berning Modellbau) ihre Standorte erweitern und Bürger ihre Grundstücke vergrößern können. Außerdem werden entlang der ehemaligen Bahnstrecke Schutzzonen für Wald, Vögel und Reptilien geschaffen.

Kremer will nicht auf Kosten sitzenbleiben

„Wir sind mit einigen Zehntausend Euro und unzähligen Stunden Verwaltungsarbeit in Vorleistung dafür getreten“, betont Kremer. So musste Gladenbach auch ein Bodengutachten erstellen lassen. Hinzu kommt: Rund 300.000 Euro hatte die Stadt einst für die Grundstücke an die Deutsche Bahn bezahlt. Für den Bürgermeister steht deshalb fest: „Sollte es wirklich zu einer Reaktivierung kommen – die Stadt Gladenbach möchte auf keinem einzigen Euro der bisher angefallenen Kosten sitzenbleiben.“

Neben dem Geld hat für ihn auch die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Gladenbach Priorität. Und dazu gehört, dass sich Firmen – wie bisher geplant – erweitern können. Die für ­eine Bahnstrecke erforderliche Infrastruktur ist im Stadtgebiet ebenfalls nicht mehr vorhanden. Den Durchgang unter der Bundesstraße 255 in Höhe der Firma Weso gibt es nicht mehr, ebenso fehlen Brücken.

„Das alles würde eine Riesensumme für ein Verkehrsprojekt bedeuten, dem man vor mehr als 20 Jahren keine Zukunft mehr gegeben hat“, sagt Kremer. Der konkurrierende Öffentliche Personennahverkehr auf der Straße habe ebenfalls zum Aus für die Bahnstrecke beigetragen. „Ich habe das damals sehr bedauert. Aber jetzt den Spieß wieder umdrehen? Wie will man dem Bürger das verkaufen?“, fragt der Bürgermeister.

Schweitzer ist „neugierig, offen und skeptisch“

Die Wirtschaftlichkeit eines solchen Projektes ist aus seiner Sicht fraglich. Und wie wäre es dann um die Zukunft einiger Buslinien bestellt? Wird im Gegenzug der Schnellbus von Gladenbach nach Marburg wieder gestrichen? „Der Bahnhof befindet sich am Ortsrand, die Bushaltestellen mittendrin. Die Fahrzeit auf der Schiene wird wahrscheinlich länger sein als auf der Straße. Ich sehe das alles erst mal sehr kritisch“, sagt Kremer.

Sein neuer Bad Endbacher Amtskollege Julian Schweitzer (SPD) hat erst durch die Zeitung über eine angedachte Wiederbelebung der Aar-Salzböde-Bahn erfahren. Er habe die Idee des Landkreises mit Interesse zur Kenntnis genommen und sei gespannt auf das Informationsgespräch mit den Bürgermeistern Ende Januar. „Für Bad Endbach und seine Zukunft bin ich neugierig, offen und zeitgleich skeptisch, was eine Reaktivierung dieser Strecke betrifft“, erklärt Schweitzer.

Wenn die Bahn tatsächlich einmal wieder durchs Salzbödetal fahren sollte, dann auch durch Weidenhausen. „Für uns wäre eine Bahnanbindung natürlich wünschenswert, ich habe allerdings große Bedenken hinsichtlich Wirtschaftlichkeit und Kosten“, sagt Weidenhausens Ortsvorsteher Markus Wege (SPD). Die ehemalige Bahntrasse im Gladenbacher Stadtgebiet kommt aus seiner Sicht für ein solches Vorhaben nicht mehr infrage. Für Wege ist eines wichtig: „Es muss gewährleistet sein, dass alle Bürger, die auf ­öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, keine Verschlechterung hinnehmen müssen.“

von Michael Tietz