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Nacktmodell kam bei Bankern nicht an

50-Pfennig-Münze Nacktmodell kam bei Bankern nicht an

Nicht nur bei Sammlern gilt das silberne 50-Pfennig-Stück als die schönste Münze der deutschen Geschichte. Der Wolfgrubener Dr. Konrad Schulz stand lange mit der darauf abgebildeten Baumpflanzerin in Verbindung.

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Von 1949 an wurde die Münze mit dem Bild der Pflanzerin auf der Rückseite geprägt. Sie trug auf der Vorderseite den Aufdruck „Bank Deutscher Länder“. Ab 1950 lautete der Schriftzug dann „Bundesrepublik Deutschland“. Das Bild der Pflanzerin blieb unverändert.

Quelle: Tobias Hirsch

Biedenkopf. Das 50-Pfennig-Stück löst auch heute noch Verzückung aus. Grund dafür sind auch die Geschichten rund um Einführung der Münze.

Bis Mitte 1948 war die Reichsmark das alleine gültige Zahlungsmittel in Deutschland. Im Zuge der dann gestarteten Währungsreform wurde sie am 21. Juni durch die D-Mark abgelöst. Die ins Leben gerufene Bank Deutscher Länder war mit der Währungspolitik als zentraler Aufgabe betraut.

Zunächst gab es ausschließlich Banknoten, selbst die Mark war nur als Schein im Umlauf. Geprägt wurden dann Ein-Pfennig-Münzen mit den Jahreszahlen 1948 und 1949, Fünf- und Zehn-Pfennig-Münzen mit der Jahreszahl 1949.

Bei ihren Planungen entschloss sich die Bank schon früh dazu, ein Fünfzig-Pfennig-Stück herauszugeben. Für die Gestaltung der Rückseite der Münze gab es eine bundesweite Ausschreibung. Darauf wurde der Biedenkopfer Künstler Richard-Martin Werner aufmerksam, der seinerzeit an der Berufsschule als Lehrer für eine Bildhauerklasse zuständig war.

Ein Denkmal für die Trümmerfrauen

Der gebürtige Offenbacher legte – so die offizielle Version – Zeichnungen vor, die er von seiner Frau Gerda Johanna Werner gemacht hatte. Das Direktorium der Bank soll sogleich begeistert von seinem Entwurf gewesen sein. Der Biedenkopfer erhielt den Zuschlag. Fortan war auf der Rückseite der Münze, die bis zur Euro-Einführung weit mehr als zwei Milliarden Mal geprägt wurde, Gerda Johanna Werner zu sehen. Sie trug Kopftuch und Kleid und sie pflanzte kniend einen Eichensetzling.

Das Motiv stand für den Wiederaufbau Deutschlands. Den Trümmerfrauen sei damit ein Denkmal gesetzt worden, hieß es fortan. Sie hatten mit bloßen Händen aus zerbombten Häusern brauchbare Ziegelsteine herausgesucht und diese so bearbeitet, dass man sie wieder zum Bauen verwenden konnte. Zum Einsatz kamen damals auch Tausende von Waldarbeiterinnen, die zur Wiederaufforstung eingesetzt wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der deutsche Wald in einem desolaten Zustand. Die Nazis hatten ihn zum Teil beim Bau militärischer Anlagen oder Autobahnen zerstört.

Darüber hinaus wurde Deutschland dazu verurteilt, riesige Mengen an Stammholz (Baumstämme) an die Westmächte zu liefern. Besonders betroffen waren die Fichten- und Kiefernwälder im Solling, im Harz, in der Heide und im Weser-Ems-Gebiet. Das Holz wurde später auch für die Industrie, als Brennholz für die Bevölkerung, als Bedarf für die Besatzungstruppen sowie für Holzexporte verwendet.

Riesige Kahlflächen entstanden, so groß wie 200.000 Fußballfelder. Etwa 140.000 Hektar wurden wieder aufgeforstet – meist von Frauen.

Dem Künstler bescheinigt man, er habe ein Bild voller Anmut und Ausstrahlung geschaffen. 1949, im Alter von 46 Jahren, als die ersten Münzen in Umlauf kamen, starb Richard-Martin Werner in Oberursel. So wie er galt auch seine Frau als sehr bescheiden. So war lange Zeit öffentlich nicht bekannt, wer für die Pflanzerin Modell gestanden hatte.

Ende der 1980er-Jahre ging ein Journalist der Sache nach und stieß auf die in Oberursel lebende Gerda „Jo“ Werner und schrieb über sie. Die Künstlerin wurde 1987 von Frank Elstner in seiner ZDF-Sendung Menschen interviewt. Fortan konnte sie sich vor Anfragen kaum retten, gab viele Interviews, trat mehrmals im Fernsehen auf und zahllose Berichte waren über sie zu lesen. Und immer erzählte sie die gleiche Geschichte. Nur ein kleines Detail verschwieg sie den Journalisten, das heute eher als amüsant eingestuft wird.

Sie gab es aber bereits Ende der 1960er-Jahre dem Wolfgrubener Dr. Konrad Schulz preis. Der nahm Kontakt mit der Künstlerin und früheren Kunstlehrerin auf. Der Grund: Der Kreisverband der Obst- und Gartenbauvereine, deren Vorsitzender Dr. Schulz damals war, suchte nach einem Emblem für seinen Briefkopf. Die auf dem Fünfzig-Pfennig-Stück abgebildete Frau gefiel den Gartenbaufreunden gut. Dr. Schulz erhielt von Gerda „Jo“ Werner, wie sie auch genannt wurde, einen alten Entwurf ihres Mannes und die Einwilligung, das Bild verwenden zu dürfen.

Die Nackte erhielt Kleid und Kopftuch

Von der alten Dame erfuhr er, dass sie in den 1940er-Jahren ihrem damaligen Freund und späteren Ehemann nackt Modell gestanden hatte. Die Zeichnung habe nicht ganz dem Geschmack der Bankiers entsprochen, berichtete sie dem Wolfgrubener. Also musste ein neuer Entwurf her, diesmal zeichnete der Künstler die Freundin in einem Kleid. Dafür musste sie aber nicht noch einmal Modell stehen, weiß Dr. Konrad Schulz. Auf der überarbeiteten Zeichnung trug sie ein Kopftuch und ein scheinbar hauchdünnes langes Kleid, allerdings nach wie vor keine Schuhe. Seitdem war Johanna Werner ordentlich bekleidet beim Pflanzen eines Bäumchens zu sehen.

Vor laufenden Kameras zu erzählen, dass sie kurz nach dem Krieg ihrem Freund nackt Modell gestanden hatte, wäre nach ihrer Einschätzung damals dem einen oder anderen übel aufgestoßen. Also beließ sie es bei der gesitteteren Fassung.

Jahrzehntelang zierte das – ­allerdings gekonterte – Bild der bekleideten, knienden Pflanzerin den Briefkopf des Kreisverbandes Biedenkopf der Obst- und Gartenbauvereine. Und wieder zeigte sich Gerda „Jo“ Werner bescheiden und bedankte sich bei Dr. Konrad Schulz, dass sie auf diese Weise gewürdigt wurde. Der heute 90-jährige Wolfgrubener hatte noch lange Zeit Briefkontakt zu der Oberurselerin. Gerda „Jo“ Werner starb am 14. August 2004, zwei Wochen vor ihrem 90. Geburtstag.

Für 50 Pfennige
 gab‘s eine Bratwurst

Was man nach der Währungsreform für eine Fünfziger-Münze als Gegenwert bekam, berichtet der Rachelshäuser Hobbyhistoriker Robert Müller. „Fünfzig Pfennige betrug etwa der Stundenlohn, den damals Frauen für ihre Arbeit in verschiedenen Berufen erhielten, unter anderem auch für das Pflanzen von Bäumen. Fünfzig Pfennige kosteten eine Bratwurst, fünf Zigaretten oder der Eintritt zum Fußballspiel in der B-Liga zwischen Dernbach und Römershausen“, erinnert sich der 92-Jährige.

Und er erinnert sich an den inzwischen verstorbenen früheren Lehrer und Heimatforscher Dieter Blume, der auf Klassentreffen älterer Semester oft daran erinnerte, dass er damals in Gladenbach 50 Pfennige für ein Weißbrot bezahlen musste. Seinerzeit habe Blume als Junglehrer im Monat 170 Mark verdient. Wenn in Gladenbach die Landlehrer zur Dienstbesprechung zusammenkamen, dann war der zunächst in Dörfern eingesetzte Dieter Blume schon mal auf Schusters Rappen unterwegs, um die 50 Pfennige für die Busfahrkarte zu sparen.

von Hartmut Berge

Vom Fehldruck zum Sammlerstück

1949 werden 50-Pfennig Münzen mit dem Aufdruck „Bank Deutscher Länder 1949“ geprägt.

1950 kommen weitere Münzen mit der neuen Prägung „Bundesrepublik Deutschland“ in Umlauf. In der Münzprägeanstalt Karlsruhe geschieht ein Irrtum, erkennbar an dem Buchstaben ‚G‘ auf der Rückseite der Münzen.

Aus Versehen wird der alte Schriftzug „Bank Deutscher Länder“ verwendet. 30.000 solcher 50-Pfennig-Münzen mit dem alten Schriftzug geraten in Umlauf.

Von der Prägung der 50-Pfennig-Münze „Bank Deutscher Länder“ G von 1950 sind offenbar nur noch sehr wenige Stücke erhalten. Diese Raritäten sind unter Kennern bis zu 500 Euro wert. Andere 50-Pfennig-Münzen von 1950 werden in der Regel nur zu ihrem Nennwert gehandelt.

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