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Hinterland „Beulenpest“ ist ein Versicherungsfall
Landkreis Hinterland „Beulenpest“ ist ein Versicherungsfall
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06:17 06.05.2012
Karin Schneider kann die vielen kleinen Beulen auf ihrem Auto kaum noch zählen. Ihre Teilkaskoversicherung wird den Schaden übernehmen. Quelle: Thorsten Richter

Als die Hagelkörner wie kleine Kieselsteinchen auf ihr Auto prasselten, schaute Karin Schneider hilflos vom Küchenfenster aus zu. Nicht nur ihr Renault Clio wurde bei dem Unwetter am Mittwochnachmittag stark beschädigt. Auch der Citroen ihrer Tochter, die frisch eingepflanzten Balkonblumen inklusive Kübel und das Terassendach wurden durch den Hagelschlag in Mitleidenschaft gezogen. „Ich kannte ein solches Unwetter gar nicht. Da lag eine Schicht aus Eis auf der Straße“, erinnert sich die 57-Jährige. Den Morgen danach verbrachte die Marburgerin am Telefon. Versicherungen anrufen, Schaden melden, Fragen beantworten. „Ändern kann ich es nicht. Glücklicherweise ist niemand zu Schaden gekommen. Ich kann das nur hinnehmen.“

Karin Schneider bleibt gelassen. Ein Gutachter wird sich die kleinen Beulen in den Autos in den kommenden Tagen anschauen, ihre Teilkasko-Versicherung wird einspringen. Der Schaden am Haus bereitet der 57-Jährigen mehr Kopfzerbrechen. Ihre Versicherung will nicht zahlen.

Telefonate wie das mit Karin Schneider hat Nicole Schmidt, Sachbearbeiterin bei der HUK Coburg in Gießen, am Donnerstag zahlreiche geführt. Und auch in den kommenden Tagen wird das Telefon nicht still stehen. 400 Hagelschäden allein an Fahrzeugen, davon ein Großteil aus Marburg, erwartet die Expertin. „Wenn es einen Hagelsturm gab, dann trifft das nie nur eine Person.“ Das wissen auch die Versicherungen. „Wir arbeiten mit den Wetterdiensten zusammen und wissen genau, wo ein Unwetter war.“

Sie rät: Wer einen Schaden am eigenen Fahrzeug bemerkt, der sollte schnellstmöglich handeln. „Wem in zwei Jahren einfällt, dass er mal einen Hagelschaden hatte, der hat schlechte Karten“, warnt die Expertin. Wer sich in den kommenden Tagen bei der Versicherung meldet, der sollte jedoch eines mitbringen: Geduld. „Wir sind dabei eine Sammelbesichtigungsstelle einzurichten“, verrät Schmidt. Gutachter werden an einem festen Termin und an einem fest vereinbarten Treffpunkt die Schäden an den Autos bewerten. Massenabfertigung. „Die Schäden sind unterschiedlich stark. Das kann zwischen 200 Euro und einem wirtschaftlichen Totalschaden liegen“, weiß die Versicherungsangestellte. Eines sollten die Fahrzeughalter jedoch nicht tun: eigenmächtig eine Werkstatt suchen und den Schaden ohne vorherige Begutachtung reparieren lassen. Ordnung muss eben sein.

„Die Autos sind in der Regel ja noch fahrtüchtig. Es muss abgewartet werden, bis ein Begutachtungstermin feststeht“, so Schmidt.

Doch nicht nur Autos wurden bei dem Unwetter am Mittwochnachmittag beschädigt. Vollgelaufene Keller, kaputte Fenster, Schäden an den Hauswänden. Nicht alles deckt automatisch die Wohngebäudeversicherung ab. Sturm- und Hagel-Schäden werden in der Regel übernommen, weiß Andreas Bässe, Leiter der Alianz-Hauptvertretung in Marburg. Doch auch hier gibt es Ausnahmen. Beim vollgelaufenen Keller handelt es sich beispielsweise um einen Elementarschaden.

Hochwasser und Vulkanausbruch versichert

„Viele sparen an der Elementarversicherung“, weiß Bässe. Vielleicht auch, weil sie auch bei Vulkanausbrüchen, Lawinenabgängen, Erdrutschen und eben Hochwasser greift. Extreme, die auf den ersten Blick in der Region nicht zu erwarten sind. Die Realität, das bestätigt Kollegin Nicole Schmidt, kann nicht nur nass, sondern auch teuer sein. „Bei einem vollgelaufenen Keller gibt es immer eine Eigenbeteiligung von 1.000 Euro. Der Schaden ist jedoch meist viel höher“, weiß die Expertin.

Hier Ausnahmen, dort Sonderregeln. Wie praktisch, dass es einen Fall gibt, in dem die Sachlage eindeutig ist. Zum Leidwesen des Versicherungsnehmers versteht sich: Wer vergessen hat die Fenster zu schließen, der bleibt auf dem entstandenen Schaden sitzen. „Dann haben Sie dem Unwetter eine Chance gegeben ins Haus zu kommen“, weiß Bässe. Klarer Fall von Pech gehabt.

von Marie Lisa Schulz

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